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Studierende unterschiedlicher Institute der Universität Leipzig haben gemeinsam performative und visuelle Aktionen für den Leipziger Stadtraum und die Stadtgesellschaft entwickelt, die sich mit Fragen zum Umgang mit kolonialer Vergangenheit und Kriegs-Traumata am Beispiel der sogenannten Militär-‚Trostfrauen‘ auseinander setzen. Angeregt wurden diese künstlerischen Arbeiten durch das in der Japanologie veranstaltete Seminar „(Nicht nur das popkulturelle) ‚Japan goes global‘“ sowie durch die hier organsierte interdisziplinäre Ringvorlesung „Postkoloniale Erinnerungsarbeit und transnationaler Feminismus“. Das Institut für Theaterwissenschaft nahm diese Thematik zum Anlass, in Kooperation mit der Japanologie und der studentisch organisierten Gruppe MaDiThea zu treten und mit einem DenkLabor den Rahmen für diese überfachliche kreative Transferarbeit zu bieten.
Im Rahmen des 5. Leipziger Frauen*Festivals am 18. Juni 2022 konnten diese Live-Performances und künstlerischen Interventionen erlebt und „Die Friedensstatue in Leipzig“ begrüßt werden.

Materialien der Projektgruppen aus dem Sommersemester 2022:

  • Text in verschiedenen Sprachen (Translations: see below)

Content Warning / Trigger Warning: rape and other forms of sexual violence

Eine Statue, die spricht

(Ein Text von Ariane Kolden und Enrico Tadler, Universität Leipzig)

Ein junges Mädchen, ein leerer Stuhl. Ihre Hände sind zur Faust geballt: sie wirkt entschlossen. Und sie ist es; sie ist fest entschlossen. Sie möchte ihr Schweigen brechen. Sie ist bereit, dir von den Verbrechen an „Trostfrauen“ im Asiatisch-Pazifischen Krieg (1931–1945) zu erzählen – Frauen, die dafür da waren, den Soldaten mit ihren Körpern „Trost“ zu spenden. Möchtest du dich nicht zu ihr setzen und dir anhören, was sie zu erzählen hat?

Mit 17 Jahren fiel Kim Sundeok aus Korea auf eine Werbung von japanischen Krankenschwestern herein und verbrachte dann mehrere Jahre in einer „Troststation“, ehe sie 1940 fliehen konnte. Mardiyem aus Java war 13, als ihr versprochen wurde, an einer Theaterproduktion in Borneo teilnehmen zu dürfen. Doch auch sie wurde letztlich in eine „Troststation“ verschleppt. Tsai Fang Mei aus Taiwan war ebenfalls 13, als japanische Soldaten sie entführten. Tagsüber diente sie in den Baracken, indem sie kochte und putzte; nachts wurde sie gezwungen, als „Trostfrau“ den japanischen Soldaten in einer Höhle in Hualian zur Verfügung zu stehen.

Shen Chung Ah Ma berichtet über ihr Leid: „Oft habe ich das Gefühl, dass mein Leben an dem Tag endete, als ich eine Sexsklavin wurde.“ Sie ist nach ihrer Misshandlung häufig mit einer befreundeten Überlebenden in die Berge gegangen, um zu weinen, da niemand wissen durfte, was sie durchlebten.

Die Zahl der Betroffenen ist schwer zu erfassen, nicht zuletzt, weil die japanische Regierung im Zuge einer Politik des Leugnens nach dem Krieg die Großzahl der Dokumente zerstörte. Yuki Tanaka, Professor für Geschichte an der Universität Hiroshima, spricht von 80.000 bis 100.000 „Trostfrauen“, womit eine „Trostfrau“ im Schnitt 35 Soldaten „Trost spenden“ musste. Täglich. Und bis heute behauptet das rechtskonservative Lager in Japan, die „Trostfrauen“ seien freiwillig und ohne Zwang in die „Troststationen“ eingetreten.

Mehr als die Hälfte der Betroffenen war zum Zeitpunkt ihrer Rekrutierung minderjährig. Shen Chung Ah Ma schildert, sie war so jung, dass sie zum Zeitpunkt ihrer Verschleppung noch nicht wusste, dass Geschlechtsverkehr zu Schwangerschaft führt. Viele der Frauen erlebten Fehlgeburten und mussten sich Abtreibungen unterziehen; doch eine Schwangerschaft schützte nicht vor sexueller Gewalt. Nach Kriegsende wurden viele der „Trostfrauen“ erschossen, während die Überlebenden schwiegen, um nicht von ihrer Gemeinschaft verstoßen zu werden. 

Erst 1990 formiert sich eine transnationale Bewegung ausgehend von Südkorea, die sich für die Gerechtigkeit der „Trostfrauen“ und gegen sexuelle Gewalt im Krieg stark machte (The Korean Council). 1991 gab die Fernsehansprache der ehemaligen Trostfrau Kim Hak-Sun den Impuls für viele andere Frauen, mit ihren Zeuginnenberichten an die Öffentlichkeit zu treten: Das lange Schweigen war gebrochen. 

Seit 1992 finden unter der Leitung des Korean Council jeden Mittwoch vor der japanischen Botschaft in Seoul Demonstrationen statt – und das bis heute. Das Ziel der Protestierenden? Die offizielle Anerkennung der „Trostfrauen“ und deren Leiden, zugefügt von der japanischen Armee.

2011 haben die Demonstrierenden in Seoul außerdem Gesellschaft bekommen: Ein junges Mädchen, neben ihr ein leerer Stuhl. Ihre Hände sind zur Faust geballt. Sie dürfte dir sehr bekannt vorkommen. Die bronzene Friedensstatue, die die Protestierenden in Südkorea jeden Mittwoch unterstützt, wurde entworfen vom südkoreanischen Künstlerpaar Kim Seo-Kyung und Kim Eun-Sung. Wie auch die Friedensstatue, neben der du gerade sitzt, möchte sie uns mahnen, dass wir der Vergangenheit nicht aus dem Weg gehen.

Die Erinnerung bleibt für Betroffene schmerzhaft; so beschreibt Kim Hak-Sun: „Jedes Mal, wenn ich an diese Zeit denke, habe ich Beklemmungen in der Brust und verspüre immer noch Angst.“ Doch gerade schmerzhafte Erinnerungen dürfen nicht vergessen werden. Denn es sind Erinnerungen wie diese, die Menschen ermutigen, von ihrem Leid zu berichten; Erinnerungen, die für die nächsten Generationen erhalten werden müssen, um Wiederholungen zu verhindern. Und genau das will diese Statue: Teil der Erinnerungskultur zu sein. Ein Mahnmal für Gewalt an Frauen und Kriegsverbrechen. Ein Denkmal dafür, dass Geschichte nicht vertuscht und Stimmen nicht unterdrückt werden können. Zumindest dann, wenn die Zivilgesellschaft zusammenkommt und sich dafür unermüdlich einsetzt.

Und genau das ist unser Anliegen: dass diese unterdrückten Stimmen Gehör finden. Damit teilen wir das Anliegen mutiger Aktivistinnen und Aktivisten weltweit, die sich schon seit Jahrzehnten genau dafür einsetzen. Selbst dann – gerade dann –, wenn ihnen dabei eine ganze Regierung feindlich gesinnt ist und versucht, alle aufgestellten Statuen zu entfernen. So herrscht auch seit der Errichtung der Friedensstatue in Berlin im September 2020 eine andauernde Debatte darüber, ob diese erhalten bleiben darf. Durch Druck vonseiten der japanischen Außenpolitik wurde das Aufstellen weiterer Friedensstatuen an anderen öffentlichen Plätzen in Deutschland bereits verhindert.

Auch in Leipzig hatten wir keinen Erfolg damit, eine bronzene Version der Statue aufzustellen – die Friedensstatue, neben der du sitzt, deren Geschichten du lauschen kannst, sie sitzt nur heute neben dir. Vergiss sie nicht!

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Korea-Ver­band e.V. (n.d.). Biographien von Zeitzeuginnen. https://www.koreaverband.de/trostfrauen/zeitzeuginnen/ (Zugriff am 14.05.2022).

Han, N. J.-H. (Hrs.) (2019). Überlebende brechen das Schweigen: Katalog anlässlich der Dauerausstellung Die „Trostfrauen“ und der gemeinsame Kampf gegen sexualisierte Gewalt, im Rahmen des Museumsprojekts MuEon DaEon, Berlin: Korea-Verband e.V.

Mladenova, D. (2022). The Statue of Peace in Berlin: How the Nationalist Reading of Japan’s Wartime “Comfort Women” Backfired. 20(4), https://apjjf.org/2022/4/Mladenova.html.

Nishino, R. (2020). Forcible Mobilization. In R. Nishino, P. Kim & A. Onozawa (Hrs.), Denying the comfort women: The Japanese state’s assault on historical truth, 40–63. New York & London: Taylor & Francis, https://doi.org/10.4324/9781315170015.

Tanaka, Y. (2019). War, Rape and Patriarchy: The Japanese Experience. In G. Zipfel, R. Mühlhäuser, & K. Campbell (Hrs.), In Plain Sight: Sexual Violence in Armed Conflict, 30–51. New Delhi: Zubaan Academi.

Yoshimi, Y. (2003). Das Problem der ‚Trostfrauen‘. In S. Richter & W. Höpken (Hrs.), Vergangenheit im Gesellschaftskonflikt. Ein Historikerstreit in Japan (97–117). Köln: Böhlau.

 

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  • Audio-Performance

MIT IHR SITZEN

Eine Audioperformance für eine Person. Dauer: 6:30 min.

Von Lara Janssen und Alexander Olchawa

Auf einem vollen Marktplatz am 18. Juni 2022 ist ein Platz neben einer jungen Frau frei. Ein:e Passant:in ist eingeladen, sich neben sie zu setzen und einer Aufzeichnung zuzuhören, die über Erinnerung reflektiert. 

 

  • Performance

Wir, Studierende der Uni Leipzig haben uns im Denklabor zusammengefunden um eine Performance zu erarbeiten, die sich rund um die „Friedensstatue“ dreht.

Zum einen spielerisch, zum anderen im stillen, aufbauend und abebbend durch Improvisation.

Wir gehen aus dem alltäglichen Geschehen und setzen unsere Körper ein, um Bewegungen und Gesten zu entwickeln, die sich auch in dieser Statue spiegeln und von Druck und Wut aber auch von Fürsorge und Solidarität erzählen sollen. Wenn Sie den Marktplatz am Samstag dem 18.06.22 zwischen 14.00 und 18.00 beschreiten, können Sie unsere "kleine Schwester" entdecken und auf sich wirken lassen, vielleicht bringt sie uns ein Stück weiter zusammen.  Wir freuen uns auf Sie.

(Performance-Team: Mareike Dobberthien, Chieh-Ni Chen, Zixuan Ni, Hannah Probst, Theresa Kleiner, Johanna Gundermann)

 

  • Visuelle Motive

"Die Gruppe 'Sticker' hat sich damit beschäftigt, das Projekt mit visuellen Motiven zu unterstützen. Unsere Intention war es, Besucher:innen des Frauen*Festivals am 18. Juni 2022 ein Bild mitzugeben, das sie langzeitig zum Denken anregt. Diese Bilder wurden auf verschiedenen Stickern und Buttons abgedruckt. Die Sticker zeigen eine kleine Bilderreihe, bei der sich unterschiedliche Personen neben der Friedensstatue positionieren und somit ihre Solidarität ausdrücken. Die abgebildeten Personen sollen einen diversen Eindruck vermitteln, um den internationalen Charakter der 'Trostfrauen'-Bewegung zu zeigen."

 

Abbildungen 4 & 5: "Das Motiv des Buttons zeigt die Friedensstatue im Mittelpunkt. Sie wird von bunten und grauen Schatten umgeben. Dies soll einerseits die grausame Geschichte zeigen, die den Opfern widerfahren ist. Auf der anderen Seite soll das Bild auch den positiven Ausblick zeigen, der durch diese Bewegung bewirkt werden kann." (Motiv und Erläuterung von Lacky Nguyen)

 

Abbildungen 6 - 8: "Bei diesen Motiven liegt der Fokus vor allem auf der Transnationalität der Thematik der Militär-'Trostfrauen' sowie dem Interagieren mit der Friedenstatue. Dies wird beispielhaft durch verschiedene interaktive Gesten gegenüber der Statue dargestellt (bspw. durch das gemeinsame Tragen einer Blumenkrone) und durch die Wahl von Personen aus verschiedenen ethnischen Gruppen." (Motive und Erläuterung von Lisa Malin Pachel)

 

Abbildung 9: "Mein Motiv soll einen Querschnitt der Gesellschaft zeigen, der der Friedensstatue überall auf ihren Reisen begegnen kann. Wir haben anhand der nonverbalen Darstellungen die Möglichkeit zu interpretieren, welche Gedanken oder Reaktionen die Anwesenden zum individuellen Ausdruck ihrer Körpersprache verleitet haben könnten: Verwunderung, Neugier, Unterstützung, Nichtbeachtung, Gleichgültigkeit, Ablehnung? Bleibt nur ein flüchtiger Blick oder doch ein kurzes Innehalten, um einen Moment zu teilen?" (Motiv und Erläuterung: Michelle-Christine Wegner)

 

Abbildungen 10 - 12: "Im Allgemeinen sollen die Motive Verbundenheit von verschiedenen Menschengruppen für die 'Trostfrauen' symbolisieren. Es ist ein Thema, welches alle Menschen anspricht, egal ob jung, alt, männlich, weiblich, divers und auch unabhängig von der Hautfarbe der jeweiligen Personen. Ich möchte erreichen, dass verschiedene Menschen sich mit den Figuren auf den Stickern identifizieren können, da das Thema einen transnationalen Kontext hat. Deswegen habe ich mich bei den Motiven für eine weibliche, männliche und ältere Person entschieden." (Motive und Erläuterung: Elias Haake)

 

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Medienecho

 

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Weitere Informationen zum Thema Militär-"Trostfrauen" (jûgun "ianfu" 従軍「慰安婦」)

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