Die Mitglieder unseres Teams sind in verschiedene Forschungsprojekte eingebunden, in denen sie mit Religionswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern, aber auch Vertreterinnen anderer Disziplinen kooperieren. Es sind sowohl historische als auch gegenwartsorientierte Projekte dabei.

Aufnahme einer braunen alten Schreibtischlampe.

Forschung ist gefährlich: Man könnte etwas Neues entdecken.

Gerhard Kocher (*1939)

Laufende Forschungsprojekte

Multiple Secularities – Beyond the West, Beyond Modernities

The Centre for Advanced Studies in the Humanities and Social Sciences "Multiple Secularities – Beyond the West, Beyond Modernities" investigates forms and arrangements of differentiation between religious and other social spheres, practices, interpretive frameworks, institutions and discourses in different eras and regions. We refer to such arrangements, which are often contentious, with the heuristic term "secularities". Based on the hypothesis that drawing boundaries between the religious and non-religious is not an exclusive sign either of modernity or of the "West", we explore corresponding emic taxonomies, forms of social differentiation and modes of demarcation. These are to be analysed in their internal developments as well as in relation to modern "Western" concepts of social order. In this way, we hope to explain current forms of secularity in different regions and the concomitant conflicts about the power of interpretation and claims to validity. The particular nature of this project is that it transcends modernisation theory, as well as the evolutionary, ethnocentric and normative perspectives, which are often peculiar to debates on secularisation and secularism, whether affirmative or critical. We are therefore opening up an interdisciplinary, global research perspective, which otherwise appears distorted by the narrowness of current debates. We bring together the perspectives of religious studies and sociology, different area studies, as well as history and anthropology. The systematic inclusion of pre-modern cultures is another novel element. Lastly, we transcend the isolated issue of the transcultural applicability of the term “religion” by focusing on the processes of differentiation between "the religious" and "the secular" or related distinctions. In the first four-year period of its work, the Centre for Advanced Studies in the Humanities and Social Sciences will focus on different regions of the "Islamic world" as well as of Asia – deliberately not starting with Europe or the US as the areas that might first come to mind when the secular, secularism and secularity are being dealt with.

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Frömmigkeit und Säkularität im Spannungsfeld: Familien- und Jugendpolitik in der postkemalistischen „Neuen Türkei“

Bis zum Beginn des „Arabischen Frühlings“ im Jahr 2010 galt die Türkei oft als Vorbild für ein islamisches Land, das es erfolgreich schaffte, eine konservative religiöse Weltanschauung mit dem Bekenntnis zu einer liberalen westlichen politischen Ordnung in Einklang zu bringen. In den letzten Jahren hat sich diese Sichtweise erheblich gewandelt. Derzeit wird die Regierung der Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (Adalet ve Kalkınma Partisi/AKP) eher als auf einem autoritären, vom Islamismus geprägten Kurs befindlich interpretiert.

Dieses Projekt zielt auf eine differenziertere, empirisch fundierte Analyse des politischen und sozialen Wandels in der Türkei nach dem Machtantritt der AKP im Jahr 2002 ab. Wir betrachten die türkische Familien- und Jugendpolitik, die für die Aushandlung der Grenzen zwischen Religion und Säkularität in der Türkei von hoher symbolischer Bedeutung ist, als Beispiel für den jüngsten Wandel. Unser Projekt verfolgt eine Governance-Perspektive, die staatliche Politik und gesellschaftliche Entwicklungen als Teil eines untrennbar miteinander verbundenen Prozesses versteht. Wir verbinden daher die Analyse der Politik der AKP-Regierung in den Bereichen Familie und Jugend sowie der sie antreibenden Ideale und Begründungen mit einer Untersuchung auf Mikroebene, was Menschen aus verschiedenen soziopolitischen und religiös-kulturellen Milieus als drängende Probleme in diesen Bereichen erleben.

Die folgenden Fragen leiten unsere Forschung: Wie wird die Familien- und Jugendpolitik der AKP im öffentlichen Raum dargestellt und verhandelt? Was lässt sich über die normativen Grundlagen dieser Politik sagen, und welche Art von politischem Subjekt strebt sie an? Wie schlägt sich die Familien- und Jugendpolitik der AKP in politischen Maßnahmen, Gesetzen und Vorschriften von der nationalen bis zur kommunalen Ebene nieder? Umgekehrt: Was sind aus der Perspektive der in diesem Bereich tätigen NGOs und der türkischen Bürger*innen unterschiedlicher Milieus die zentralen Fragen und Probleme in den Bereichen Familie und Jugend? Wie findet der AKP-Slogan „Erziehung einer frommen Generation“ in der Vorstellung türkischer Bürger*innen mit unterschiedlichem sozialen und wirtschaftlichen Hintergrund Resonanz?

Die Forschung gliedert sich in zwei Teilprojekte, die sich jeweils mit den Bereichen Familie und Jugend befassen und unsere Leitfragen unter Rückgriff auf eine Vielzahl von Methoden bearbeiten, die durch einen Grounded-Theory-Ansatz verbunden sind: (1) Analyse der Diskurse und Politik der AKP sowie der sie umgebenden Debatten im öffentlichen Raum, (2) Fokusgruppeninterviews mit themenbezogenen NGOs und (3) milieuspezifische Gruppendiskussionen mit türkischen Bürgern in Städten und Stadtvierteln mit unterschiedlichen soziopolitischen und religiös-kulturellen Strukturen. Besonderes Augenmerk wird dabei darauf gelegt, wie Familien- und Jugendpolitik (beispielsweise in Bezug auf Geschlechterverhältnisse und religiöse Erziehung) im öffentlichen Diskurs und auf der Mikroebene des Alltags ausgehandelt wird.

Mit seinem Fokus auf der Beziehung zwischen der von oben verordneten Politik der AKP zur Normalisierung eines konservativen nationalen Subjekts einerseits und der Dynamik der Subjektbildung auf der Mikroebene der Gesellschaft andererseits verfolgt dieses Projekt einen Forschungsansatz, der die Frage nach Säkularismus und religiöser Erneuerung als empirisches Problem behandelt, jenseits der Grenzen sowohl konventioneller Master-Narrative (wie beispielsweise der Modernisierung) als auch von Gegenprojekten, die in erster Linie darauf abzielen, erstere zu entlarven (wie beispielsweise der Postkolonialismus). Die türkische Erfahrung mit der Regulierung der Religion ist zu komplex, um mit einem binären Modell von Säkularismus versus Islamismus erklärt zu werden. Daher untersuchen wir, wie sich der Reformismus der AKP rhetorisch gegen den kemalistischen Säkularismus positioniert, während er gleichzeitig einige seiner Merkmale beibehält, wie etwa die Neigung, die Religion in die staatliche Struktur zu integrieren und ihr somit unterzuordnen, sowie staatliche Institutionen aktiv zu nutzen, um ihre Vision der „richtigen“ Religion zu verbreiten, wodurch die Religion effektiv zu einem Mittel der Regierungsführung wird. Im Gegensatz zum Kemalismus konnotiert der Diskurs der AKP Religion jedoch positiv; ihre Stärkung ist zu einem Ziel der Regierung geworden, was sich in dem Versprechen, „eine fromme Generation heranzuziehen“, verkörpert.

Die theoretische Auseinandersetzung mit Religion und Politik im türkischen Kontext muss an diese neue Konstellation angepasst werden. Die Untersuchung der Religion als Faktor, der in der Regierungsführung der AKP verankert ist, erfordert, über die Debatte um den Säkularismus hinauszugehen, die der Religion eher die Rolle eines Objekts der Politik als die einer generellen Motivationsquelle zuschreibt. Eine Fokussierung auf die Gouvernementalität der AKP muss nach der Vision des Frömmigkeitsprojekts der AKP fragen, ohne der säkularistischen Voreingenommenheit zu erliegen, die die antisäkularistischen und antiliberalen Untertöne des AKP-Diskurses lediglich als revisionistische Reaktion auf den Kemalismus darstellt, sondern eine Untersuchung zulässt, die offen ist für die Entdeckung anderer Genealogien. Vor diesem Hintergrund betrachten wir die türkische Familien- und Jugendpolitik als umkämpfte Arenen, die von säkularistischen Vermächtnissen und einer potenziell frommen Zukunft geprägt sind, ohne sich jemals auf eines von beiden reduzieren zu lassen.

Von diesem Standpunkt aus wollen wir die Konturen des religiösen Subjekts untersuchen, das die AKP etablieren will, die Genealogien, an die sie anknüpft, und die Mittel, mit denen es geschaffen werden soll. Der Fokus auf die Regierungsführung der AKP wird durch eine empirische Untersuchung der Erfahrungen und Hoffnungen dezentriert, die gewöhnliche türkische Bürger in Bezug auf die Bereiche Familie und Jugend artikulieren. Wir gehen zwar davon aus, dass diese Äußerungen türkischer Bürger*innen aus verschiedenen Milieus sich auf Erfahrungen mit der AKP-Regierungsführung beziehen und auf das Ideal eines frommen Subjekts reagieren, mit dem die türkische Gesellschaft so eindringlich konfrontiert wird, doch betrachten wir sie nicht von vornherein als bloße Reaktion auf die Politik der AKP. In diesem Zusammenhang fragen wir auch nach Dialogpunkten sowie nach gemeinsamen Räumen zwischen islamischen und säkularen Sensibilitäten und Vorstellungswelten. Wir streben somit die Etablierung eines analytischen Rahmens für die Untersuchung der Politik des Islam und des Säkularismus an, der die komplexen Verflechtungen religiöser und säkularer Gefühle und Weltanschauungen berücksichtigt.

Laufzeit: 01.04.2021 - 31.07.2026

Projektmitarbeiterinnen und -mitarbeiter:

Prof. Dr. Markus Dreßler

Prof. Dr. Markus Dreßler

Universitätsprofessor (Freisemester)

Moderne Türkeiforschung
Institutsgebäude
Schillerstraße 6, Raum S 118
04109 Leipzig

Telefon: +49 341 97 - 37167
Telefax: +49 341 97 - 37169

Mission als Labor: Versuche der Überwindung konkurrierender Weltdeutungen in japanischen Übersetzungen der frühen Jesuitenmission (DFG)

Projektleitung: Prof. Dr. Katja Triplett
Laufzeit: 08.2023 – laufend

Das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Projekt (Projektnummer 520963481) untersucht anhand von japanischen Übersetzungen aus dem späten 16. und frühen 17. Jahrhundert, wie Jesuiten und japanische Konvertierte mit konkurrierenden Weltdeutungen umgingen in dem Bestreben, eine möglichst einheitliche und harmonische neue Wissens- und Werteordnung für ein katholisches Japan zu schaffen. Im Zentrum steht dabei die Übersetzung ins Japanische von lateinsprachigen Kompendien, die in den Jahren 1593–1595 eigens für die Japanmission angefertigt wurden. Die übersetzten Kompendien liegen in Form von Manuskripten in europäischen Sammlungen vor und werden, auch anhand späterer Quellen, im Projekt im Hinblick auf normative und kognitive Vorstellungen vom Körper und damit verbundene Körperpraktiken untersucht.

 

Publikationen:

Triplett, Katja. 2026. "Catholic Catechisms in Early Modern Japan: Translating the Embodied Practice of Baptism." In Contents of Faith in Transfer - Texts and Contexts of Early Modern Catechism Translations, hg. von Elena Parina und Dagmar Bronner, 333–358. Heidelberg: J.B. Metzler. https://doi.org/10.1007/978-3-662-72538-2_15

2026. „Translationsräume: Asiatisch.“ In Handbuch Übersetzen in der Frühen Neuzeit, hg. von Regina Toepfer, Peter Burschel, Annkathrin Koppers und Jörg Wesche. Berlin; Heidelberg: J.B. Metzler. https://doi.org/10.1007/978-3-662-68654-6_42-1

2025. „Translations on Martyrdom During the Early Modern Persecution of Christians in Japan.“ In Gegenläufigkeiten. Subversives Übersetzen in der Frühen Neuzeit / Contrarieties. Subversive Translation in the Early Modern Period, hg. von Jörg Wesche, Regina Toepfer und Peter Burschel, 55–82. Berlin, Heidelberg: J.B. Metzler. https://doi.org/10.1007/978-3-662-69149-6_4

2025. „Material Religion in Translational Encounters in Early Modern Japan: A Typology of Image Creation and Practice (Special Issue „Christian Mission and the Religious Other: Multidirectional Perspectives in the Early Modern Period,“ hg. von Rebekka Voß und Antje Flüchter)." Historical Interactions of Religious Cultures 2 (1): 195-218. https://doi.org/10.1628/hirec-2025-0010

2025. „Typography and Jesuit Mission Prints.“ In Splendours of Japan: Highlights from the Bodleian Library, hg. von Bodleian Library, 155–184. Oxford: Bodleian Library Publishing.

2025. „Fróis, Luís: From the Conversion of Dōsan (1585), Introduced and Translated by Katja Triplett.“ In Global Secularity. A Sourcebook Volume 3: Buddhist Asia, hg. von Christoph Kleine, Karénina Kollmar-Paulenz und Hubert Seiwert, 245–249. Berlin, Boston: De Gruyter. https://doi.org/10.1515/9783111254081-033

2025. „Anonymous: Decree on Banishing Christian Missionaries (1587), Introduced and Translated by Katja Triplett." In Global Secularity. A Sourcebook Volume 3: Buddhist Asia, hg. von Christoph Kleine, Karénina Kollmar-Paulenz und Hubert Seiwert, 250-251. Berlin, Boston: De Gruyter. https://doi.org/10.1515/9783111254081-034

2025. „Ishin Sūden: Statement on the Expulsion of the Missionaries (1614), Introduced and Translated by Katja Triplett.“ In Global Secularity. A Sourcebook Volume 3: Buddhist Asia, hg. von Christoph Kleine, Karénina Kollmar-Paulenz und Hubert Seiwert, 252–256. Berlin, Boston: De Gruyter. https://doi.org/10.1515/9783111254081-035

 

 

 

Wort, Wirkung, Wunder. Sprache und Macht in der Vormoderne zwischen Religion, Magie und Medizin (DFG)

Sprecherin: Prof. Dr. Tina Terrahe (Universität Greifswald)
Mitglieder des Wissenschaftlichen Netzwerks vom Religionswissenschaftlichen Institut, Universität Leipzig: Prof. Dr. Katja Triplett (Ko-Sprecherin), Dr. Yasmin Koppen
Laufzeit: 2023 – laufend

Das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte interdisziplinäre Wissenschaftliche Netzwerk (Projektnummer 529626047) fragt nach den kulturellen Paradigmen, die den wortmagischen Vorstellungen vormoderner Gesellschaften im Hinblick auf die Macht von Sprache und Schrift zugrunde liegen, und zwar an den Schnittstellen von Religion, Medizin und Magie. Untersucht wird, wie die übernatürliche Wirkung von Worten, Sprache und Schrift den Quellen zufolge zustande kommt und welche Wirkprinzipien sich als universal oder einzigartig ausmachen lassen. Um einen möglichst breiten Blickwinkel zu gewährleisten, wird der Forschungsgegenstand aus der Perspektive diverser Disziplinen gemeinsam analysiert: Das Fachspektrum umfasst bei einem altgermanistischen und religionswissenschaftlichen Schwerpunkt die Altägyptologie, Altorientalistik, Arabistik, Geschichtswissenschaften, Iranistik, Judaistik, Keltologie, Klassische Philologie, Kunstgeschichte, Pharmazie- und Medizingeschichte, Sinologie und Skandinavistik.

Die sechs geplanten Kolloquien behandeln als übergeordnete Themen die Materialität und Performativität magischer Sprache und Schrift (Marburg & Basel 2024), die Institutionalisierung im Dienste der Heilung und magische Wirkprinzipien (Leipzig & Hamburg 2025) sowie die Terminologie und Methodik von Magie als Wissenschaft (Wolfenbüttel & Greifswald 2026).

Weitere Informationen: www.wortwirkungwunder.de

 

 

Abgeschlossene Forschungsprojekte

Kognitive Dissonanz und Faktoren der Resilienz bei gescheiterten religiösen Handlungen. Eine vergleichende Studie dreier lokaler Christentümer

Das Forschungsprojekt fragt, wie christliche Gläubige mit dem Ausbleiben religiöser Heilung und Wunder umgehen. 

Das Ausbleiben einer (religiösen) Erwartung erzeugt kognitive Dissonanzen (Festinger et al. 1957). Bestimmte kommunikative und Verhaltensformen werden nötig, um diese Enttäuschung zu plausibilisieren. Eine zentrale Frage lautet daher: Können sich religiöse Gemeinschaften gegen erlebte Kontingenzen dauerhaft immunisieren? 

Die Theorie Kognitiver Dissonanz soll zudem um neuere Erkenntnisse der soziologischen Resilienzforschung erweitert werden. Methodisch strebt das Projekt einen Vergleich von drei lokalen Christentümern an. Damit ist das Ziel verbunden, eine übergreifende Typologie zu den kommunikativen Faktoren der Resilienz zu entwickeln.

Projektleitung: Prof. Dr. Sebastian Schüler, Jun.-Prof. Dr. Bernadett Bigalke, Dr. Sabrina Weiß

Laufzeit: 01.02.2020 - 31.01.2024

Während der Coronazeit haben wir zusammen mit Studierenden an sowjetischen religionskritischen Propagandaplakaten gearbeitet, die aus dem Staatlichen Museum für Religionsgeschichte in Sankt Petersburg stammen.

Die religionswissenschaftliche Erforschung des Engagements von religiösen Jugendlichen mit Migrationshindergrund in Vereinen

Deutschland zeichnet sich als demokratische Migrationsgesellschaft vor allem in städtischen Räumen durch kulturelle und religiöse Vielfalt und zugleich durch ein hohes zivilgesellschaftliches Engagement von Vereinen und Einzelpersonen aus. Etablierte christliche Kinder- und Jugendverbände stehen jedoch seit langem vor der Herausforderung, dass sie junge Menschen mit Migrationshintergrund kaum erreichen. Stattdessen engagieren sich diese selbstständig in eigenen religiösen und kulturellen Vereinen und Verbänden. Ziel des Vorhabens ist, die Gründe für diese Entwicklung offenzulegen, somit ein Forschungsdesiderat in der Jugend- und Verbandsforschung aus religionswissenschaftlicher Perspektive zu schließen und im interdisziplinären Austausch Empowerment-Konzepte um religiös und kulturell begründete Orientierung zu erweitern. Die forschungsleitende These lautet, dass junge Menschen durch die Etablierung eigener Organisationsstrukturen jenseits der Migrationsgemeinden und etablierter Verbände kollektives Empowerment entwickeln und dadurch religiöse, ethnische und kulturelle Minderheitenerfahrungen kompensieren. Zugleich können sie als eigenständige Organisationseinheiten an Förderstrukturen und Netzwerken teilhaben, die ihr strukturelles Empowerment (Professionalisierung und Zugriff auf Ressourcen) begünstigt. Mittels der Dokumentarischen Methode und sozialer Netzwerkanalyse rekonstruiert das religionsvergleichende Projekt in Gruppeninterviews mit VertreterInnen muslimischer, christlicher, hinduistischer, buddhistischer, jüdischer und nicht-religiöser Jugendvereine mit Migrationshintergrund (VJM) Orientierungssinn und korporatives Verhalten. Das Projekt hat großes Potenzial für die Religionsforschung im Themenfeld Migration und Jugend und wird darüber hinaus transdisziplinär mit Akteuren aus dem Feld Beteiligungsstrukturen für bürgerschaftliches Engagement erörtern und ihre Vernetzung digital sichtbar machen.

Projektleitung: Dr. Sabrina Weiß

Laufzeit: 01.12.2019 - 30.11.2022

Konstellationen des Verhältnisses von religiösen Minderheiten- und Mehrheiten in pluralen Gesellschaften

Das Netzwerk geht der forschungsleitenden Frage nach, wie sich religiöse Minderheiten und Mehrheiten wechselseitig diskursiv konstituieren, d.h. wie sie sich selbst verstehen und wie sie von anderen Teilen der Gesellschaft als solche wahrgenommen und adressiert werden. Mit dem Fokus auf religiöse Institutionen, Netzwerke und Bewegungen verfolgt das Netzwerk erstens das Ziel, religiöse Minderheiten-Mehrheiten-Konstellationen (MMK) zu identifizieren und offen zu legen, wie sie sich nicht nur in Abgrenzung zur Mehrheitsgesellschaft, sondern vor allem auch in Abgrenzung zu oder in Vernetzung mit anderen religiösen Minderheiten oder Mehrheiten verstehen. Die zugrunde liegende Arbeitshypothese der Netzwerkmitglieder lautet, dass Minder- und Mehrheiten am ehesten dann als religiös attributiert werden bzw. sich als solche verstehen, wenn andere Attributionen wie ethnisch, politisch, sozio-ökonomisch usw. vermieden und bestimmte Interessenlagen kaschiert werden sollen. Zweitens werden Konsequenzen für die Wahrnehmung von MMK und ihres religiösen, gesellschaftlichen und politischen Status in den Blick genommen. Beispielsweise wird in politischen und gesellschaftlichen Debatten wird die monokulturelle Nation – sei sie nun wahlweise als christlich-jüdisch oder als säkular verstanden – oftmals als Normalfall dargestellt. Als solcher oder als Zustand, den es zumindest beizubehalten oder wiederherzustellen gelte, finden Grenzziehungen gegenüber anderen religiösen und kulturellen Positionen statt. Die Vorstellung von einer multikulturellen Gesellschaft sei in diesem Zusammenhang eine Sichtweise, die Minderheitenpositionen zu viel Gehör bzw. unverhältnismäßig Anspruch auf Gleichberechtigung verschaffe. Menschen werden medial und politisch wieder zunehmend aufgrund ihrer (vermeintlichen) religiösen Zugehörigkeit klassifiziert („die Muslime“, „die Juden“), alltägliche Lebensbereiche und öffentliche Institutionen werden als religiös bedeutsame Symbolorte deklariert (siehe die Kreuzdebatte in Bayern) und interreligiöser Dialog als Lösung für ein friedliches Miteinander postuliert. Insbesondere in Institutionen wie Schulen, öffentlichen Behörden oder gar den Landeskirchen selbst, wird der Umgang mit religiösen Minderheitenpositionen verhandelt. Das Netzwerk will den aktuellen Forschungsstand, der oftmals nur religiöse Minderheiten als solche in den Blick nimmt, erweitern. Denn wie MMK in jeweiligen sozialen Formationen entstehen, wie sie identifiziert werden können, wie sie sich wechselseitig bedingen und welche Konsequenzen sich aus diskursiven Grenzziehungen ergeben, ist eine offene Frage. Die Ergebnisse des Netzwerkes werden in Workshops und auf Tagungen präsentiert und auf einer eigenen Webseite und in wissenschaftlichen Publikationen zur Diskussion gestellt.

Laufzeit: 15.10.2019 - 14.10.2024

Projektleitung:

Dr. Sabrina Weiß und Dr. Sarah Jahn

Japans übersetzte Religion: Christentum, Transkulturalität und Übersetzungskulturen im 16./17. Jahrhundert (DFG)

Projektleitung: Prof. Dr. Katja Triplett
Laufzeit: 01.2018 – 12.2022

Das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Projekt (Projektnummer 405033311) beschäftigte sich mit der Erforschung frühneuzeitlicher Übersetzungskulturen in einer Phase des regen transkulturellen Austauschs zwischen Europa und Ostasien, hier Japan. Als Teilprojekt des Schwerpunktprogramms „Übersetzen in der Frühen Neuzeit (1450–1800“ (SPP 2130) nahm es Dynamiken der Austauschprozesse zwischen katholischen Missionaren und Buddhist:innen im spätmittelalterlichen und frühmodernen Japan in den Blick. Aus der Begegnung von zwei gänzlich unterschiedlichen Übersetzungskulturen mit Beginn der Jesuitenmission (1549) entwickelten sich in Japan – und verflochten damit in Europa – neue Ansätze von Übersetzungs- und Sprachtheorie, die bisher jedoch wenig beachtet worden sind. Die Lesegewohnheit religiöser Texte in Japan hatte erheblichen Einfluss auf die Translation aus europäischen Sprachen, gerade bei Verwendung der japanischen Schrift. Vor dem Hintergrund der radikalen Andersheit der Übersetzungskulturen Japans und Europas nahm sich das Projekt zweier Herausforderungen an: Der Erforschung (1) der sozialen Netzwerke der Akteur:innen und ihres mündlichen sowie textbasierten Transfers von umkämpften Wissensbeständen und damit direkt verbunden (2) der zeitgenössischen Auseinandersetzung mit den an den Übersetzungsprojekten beteiligten Sprachen (Chinesisch, Japanisch) und den komplexen ostasiatischen Schriftsystemen. Dabei erörterte das Vorhaben besonders die religionswissenschaftlich relevante Problematik der Grenzziehung zwischen „christlich-religiösen“ und „säkularen“ Texten aus Europa, die während der Umsetzung des Christentumverbots in Japan von staatlichen Behörden formuliert wurde, um zwischen Erlaubtem und Verbotenem zu unterscheiden. Die Zensur bezog sich nicht nur auf die textlichen Erzeugnisse der jesuitischen Übersetzungsteams, sondern auch auf die Nutzbarmachung von nach Japan importierten Büchern in europäischen Sprachen. Das Streben nach neuem Wissen stand hier im Spannungsverhältnis mit den Vorgaben der Bürokratie und der ablehnenden Haltung des buddhistischen Klerus. Sprach- und übersetzungstheoretische Überlegungen in einer frühneuzeitlichen ostasiatischen Kultur boten der Erforschung der Frühen Neuzeit in Europa und anderen, außereuropäischen Regionen insgesamt eine wichtige Vergleichsgröße.

Teilprojekt zu SPP 2130: Übersetzungskulturen der Frühen Neuzeit (1450–1800)

Publikationen:

Triplett, Katja, Yoshimi Orii und Pia Jolliffe, Hg. 2025. Japan in the Early Modern World: Religion, Translation and Transnational Relations. Übersetzungskulturen der Frühen Neuzeit Bd. 5. Berlin; Heidelberg: J.B. Metzler. https://doi.org/10.1007/978-3-662-70424-0

Triplett, Katja, Yoshimi Orii und Pia Jolliffe. 2025. „Introduction: Japan in the Early Modern World—Religion, Translation, and Transnational Relations." In Japan in the Early Modern World: Religion, Translation and Transnational Relations, hg. von Katja Triplett, Yoshimi Orii und Pia Jolliffe, 1–15. Berlin; Heidelberg: J.B. Metzler. https://doi.org/10.1007/978-3-662-70424-0_1

Triplett, Katja. 2025. „Bridging Religion, State, and Asian Trade in the Seventeenth Century: John Evans and the Bodleian Japanese Jesuit Missionary Print of 1596.“ In Japan in the Early Modern World: Religion, Translation and Transnational Relations, hg. von Katja Triplett, Yoshimi Orii und Pia Jolliffe, 119–143. Berlin; Heidelberg: J.B. Metzler. https://doi.org/10.1007/978-3-662-70424-0_7

2024. „Translation Policies, Material Book Culture, and the Contempt for the World in the Early Jesuit Mission in Japan.“ In Politiken des Übersetzens / Translation Policy and the Politics of Translation, hg. von Antje Flüchter, Andreas Gipper, Susanne Greilich und Hans-Jürgen Lüsebrink, 173–201. Berlin, Heidelberg: J.B. Metzler. https://doi.org/10.1007/978-3-662-67339-3_9

Triplett, Katja, Hg. 2023. Translated Religion: In a Forest of True Words. Translated by Chris Abbey. With Contributions by Thandi Allen, Schriften aus der Universitätsbibliothek Leipzig, 53Leipzig: Universität Leipzig. https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bsz:15-qucosa2-845469

Triplett, Katja. 2023. „Introduction: Translating Religion.“ In Translated Religion: In a Forest of True Words. Translated by Chris Abbey. With Contributions by Thandi Allen, hg. von Katja Triplett, 5–7. Leipzig: Universität Leipzig. https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bsz:15-qucosa2-845469

2023. „Translating from India to China and Japan: Tracing the Diversity of Writings and Teachings in East Asian Buddhism." In Translated Religion: In a Forest of True Words. Translated by Chris Abbey. With Contributions by Thandi Allen, hg. von Katja Triplett, 77–84. Leipzig: Universität Leipzig. https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bsz:15-qucosa2-845469

2023. „Text(ilien) der Ohnmacht. Fragmente einer Erzählung.“ In Übersetzen ist Macht. Essays zur Frühen Neuzeit, hg. von Ulrike Draesner, Annkathrin Koppers, Regina Toepfer und Jörg Wesche, 65–87. Hannover: Wehrhahn.