Hier finden Sie eine Übersicht über die abgeschlossenen und aktuellen Forschungsprojekte am Lehrbereich der Klassischen Archäologie

Visuelle und materielle Kultur

Globalisierung in visuellen Kulturen im transhistorischen Vergleich

Interdisciplinary Workshop at the Universität Leipzig, October 27-28, 2022

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The workshop "Globalization in Visual Culture: A Transhistorical Approach" focuses on globalization phenomena in visual cultures, which will be discussed in a transhistorical and transregional comparative approach from antiquity to the Middle Ages.

Globalization as a phenomenon of increased connectivities which manifest in a heightened awareness of these connections, as is achieved through shared practices (Hodos 2017), is not new in our modern times. Corresponding phenomena can already be observed in the pre-modern world, as research in recent years has pointed out. Justin Jennings, in his monograph Globalizations and the Ancient World (2011), discussed globalizations as exemplified by early cities from the Sumerian, Mississippi, and Wari cultures and established criteria for identifying pre-modern globalizations. Martin Pitts and Miguel John Versluys examined the Imperium Romanum as a globalized space in their edited volume Globalization and the Roman World (2015), and Tamar Hodos brought together examples of globalization phenomena at archaeological sites from different geographical areas and periods in the Routledge Handbook of Archaeology and Globalization (2017). It becomes evident that it is not one single globalization process that continues to evolve until today, but that globalization phenomena, involving different actors, can be identified recurrently in history. Moreover, these pre-modern globalization processes need not encompass the entire world, but are characterized primarily by expanding transregional networks and perspectives. In this respect, globalization offers the advantage over other theoretical approaches such as cultural transfer or, for example, for antiquity romanization, which are also dedicated to exchange networks between different geographical areas, that it is a multidirectional concept that broadens the perspective for more diverse exchange and networking possibilities than the hierarchical dichotomy between sender and receiver, imported and indigenous elements, center and periphery.

The focus of previous studies, likely influenced by our primarily economic perception of contemporary globalization, has largely been on material culture, the circulation of portable objects and commodities, and the trade routes through which they were transported. However, the increased connectivity in globalized times and spaces also has implications for visual culture, for iconographic motifs and ornaments that travelled along with the transported goods. Thus, the same iconographies and patterns are often found in very different places around the world. Visual and material culture are inextricably linked, not only because material items can be decorated with images, but also because evidence of visual culture has material properties through its medium, and material objects are perceived visually. In addition, artists and artisans are mobile, and their transregional experiences influence their work. Nevertheless, the focus here is also often on material culture, especially when travelling objects which are integrated into works of art are analyzed as an expression of globalization (for example, by Brook 2008 or Shalem 2021).

The effects of pre-modern globalizations on visual culture have received little attention so far – especially in German-speaking academia. This is where the workshop comes in, focusing on globalization phenomena in visual cultures from antiquity to the Middle Ages. Using case studies from different time periods and geographical areas, the following questions will be discussed:

  • How do increased connectivity and mobility of images and objects manifest themselves in different visual cultures? How do global and local tendencies interact?
  • When can we describe a visual culture as global?
  • How does a visual culture described as global develop? Do certain prerequisites have to be met or structures have to be in place for this to happen?
  • Are there common features between globalization phenomena in visual cultures of different time periods and geographical areas?
  • How can globalization theory and the comparison between different visual cultures help to better understand visual cultures of different time periods and geographical areas? What are its potentials and limitations?

Der Kalif als spätantiker Herrscher. Vorislamische Bildmotive in der visuellen Kultur der Umayyaden

Die Aneignung vorislamischer Bildmotive ist ein zentrales Charakteristikum der visuellen Kultur der Umayyaden. Die Umayyaden regierten von 661 bis 750 n. Chr., an der Schwelle von der Antike zum Mittelalter, ein Großreich, das sich von Spanien im Westen bis an den Indus und die Grenzen Chinas im Osten erstreckte. Die Ausdehnung ihres Reiches spiegelt sich in ihrer Bildersprache wider, in der ikonografische Motive des griechisch-römisch-byzantinisch geprägten Mittelmeerraums ebenso wie des sasanidischen Ostens vereint sind. In meiner 2018 abgeschlossenen Habilitationsschrift, die ich derzeit zur Publikation vorbereite, stehen die Aneignungs- und Transferprozesse im Fokus, die zur Aufnahme dieser vorislamischen Bildmotive in die visuelle Kultur der Umayyaden führten: Welche Vorlagen bzw. welche genauen Motive übernahmen die Umayyaden, und worauf basierte ihre Auswahl? Wurden die vorislamischen Bildmotive im Laufe des Aneignungsprozesses verändert, und wenn ja, warum?

Untersucht wird insbesondere, ob sich aus dem Aneignungsprozess Aussagen einerseits über das Verhältnis der Umayyaden zu ihren Vorgänger- und Nachbarkulturen, andererseits über die Selbstdarstellung der aristokratischen Auftraggeber und die Konstruktion einer umayyadischen Herrscheridentität ableiten lassen. Dazu werden Bauornamentik und Skulpturen aus Stein und Stuck, Holzschnitzereien, Wandmalerei und Mosaiken mit reichem figürlichem und ornamentalem Dekor aus der Umayyadenzeit analysiert. Diese Bildwerke stammen vor allem aus Moscheen und 'Wüstenschlössern', großen multifunktionalen Anlagen, im Kernland des Umayyadenreiches, dem heutigen Syrien, Jordanien, Palästina und Libanon, die – soweit nachvollziehbar – von Kalifen und ihren Familien errichtet wurden. Hinzukommen einige figürliche Münzbilder aus der Zeit vor der Münzreform Ende des 7. Jhs.

Die bildwissenschaftlichen Methoden der Klassischen Archäologie eignen sich dabei besonders gut, um die Bildwerke in Hinblick auf diese Fragestellung zu analysieren. Detailvergleiche der umayyadischen Bildwerke mit ihren möglichen Vorlagen zeigen auf, welche Aspekte der jeweils angeeigneten ikonografischen Motive die umayyadischen Auftraggeber und Entwerfer der Bilder besonders ansprachen. Außerdem lassen sich durch Vergleiche mit den möglichen Vorlagen die Neuerungen der Umayyadenzeit besser herausarbeiten, z. B. die Art und Weise, wie im Nahen Osten zuvor nicht bezeugte Motive sasanidischer Herkunft in die überwiegend griechisch-römisch-byzantinische Ikonografie eingefügt wurden. Durch Vergleiche mit anderen spätantiken Reichen wird zudem aufgezeigt, dass die Umayyaden in ihrer visuellen Kultur fester Bestandteil der Spätantike waren und über Jahrhunderte etablierte Repräsentationsschemata weiterverwendeten. Schließlich erlauben die Vergleiche mit den Vorlagen, mögliche Transferwege, über die die ikonografischen Motive in die Bildersprache der Umayyaden gelangten, zu identifizieren.

Zum semantischen Verhältnis von Figur und Ornament in der attischen und unteritalischen Vasenmalerei

Neben den Figuren gehören Ornamente zu den wesentlichen Bestandteilen der griechischen Vasenmalerei. In der Gestaltung von Wirklichkeit durch bildliche Formen bilden sie einen Grenzfall der Darstellung. Auch wenn sie sich bisweilen aus figürlichen Formen ableiten zu lassen scheinen, zeichnen sie sich durch ein extrem verkürztes und durch Repetition geprägtes Repertoire an Formen aus. In ihnen werden durch Reihungen und symmetrische Anordnungen in einprägsamer Weise Muster erzeugt. Durch die regelhafte Verwendung und Verbindung von Ornamenten bildete sich ein kulturspezifisch verbindliches Zeichensystem aus, das über lange Zeiträume stabil bleiben konnte. Sie bilden damit konstante Merkmale sinnlicher Wahrnehmung, sind aber zugleich Abstraktionen einer sinnlich wahrgenommenen Welt.
Ornamente erlauben Rückschlüsse auf eine kulturelle Hierarchisierung der Merkmale und Mechanismen ihrer Wahrnehmung. Dabei hatten sie in der Regel ihnen fest zugewiesene Plätze und besaßen damit eine Funktion als Ordnungsstruktur von Formen, auf die sie appliziert wurden. Zugleich kam es immer wieder zur gegenseitigen Durchdringung der Kategorien, die unter den Begriff „Figur“ und „Ornament“ fallen, sodass die Bildelemente im einzelnen kaum mehr scharf voneinander zu trennen sind. Die Kontinuitäten und Brüche dieses Systems am Beispiel der griechischen Vasenmalerei der archaischen und klassischen Zeit nachzuzeichnen, stellt den Fokus des Projektes dar.

Neben der formalen Analyse der Dekorationssysteme werden die Bedeutungsebenen der Ornamente und die zugrunde liegenden Denksysteme im Sinne einer „figürlichen“ und „ornamentalen“ Wahrnehmung im Mittelpunkt stehen. Dabei soll auch über die Gattungsgrenze der Vasenmalerei hinaus gehend anhand der erhaltenen materiellen Reste überlegt werden, inwiefern sich aus einem formalen Wandel auch eine Verschiebung in den Referenzen des ornamentalen Formenschatzes zu den Kategorien „Figur“ und „Ornament“ ablesen lässt und was dies schließlich über einen möglichen Wandel des semantisches Gehaltes aussagen kann.

Alltagsspuren römischer Bildpraxis. Kontrast und Komplementarität weiblicher Bildnisse zwischen Individualität und exemplum

Projektförderung durch das Internationale Kolleg Morphomata. Genese, Dynamik und Medialität kultureller Figurationen

Bildnisse gehören zweifellos zu den Grundkonstanten menschlichen Formgebungswillens. Wenngleich sich die Anfänge des Phänomens kaum präzise greifen lassen, begegnen Darstellungen, die auf die bildliche Darstellung von Menschen zielen, seit der Antike. Sie sind spezifische Kategorien von Bild und damit eigenständige Erscheinungen, zeichnen sich jedoch durch einen konkreten Subjektbezug aus. Dieser kann sich in der potenziellen Abbildung von Personen, wie im Lateinischen die Verwendung des Begriffes imago impliziert (z. B. Plin nat. 35, 4), aber auch im Anspruch der Sichtbarmachung von menschlicher Individualität zeigen (z. B. Plin. nat. 35, 2, 9). Für die Antike spiegeln einerseits die literarische Überlieferung andererseits die materielle Hinterlassenschaft diese Sichtweisen deutlich wider. Als Möglichkeit der Darstellung besaßen Bildnisse bereits seit der griechischen Klassik einen festen Stellenwert, zielten von wenigen Ausnahmen abgesehen jedoch auf die Darstellungen von Männern als Protagonisten des öffentlichen Lebens. Seit der Zeit des Hellenismus wurden weibliche Personen zum Bestandteil des Erscheinungsbildes öffentlicher Plätze und erschienen im Kontext mit den hellenistischen Herrschern auch in der Münzprägung oder als Darstellungen in der Kleinkunst. Diese Tradition setzte sich im Imperium Romanum fort, in dem vor allem die Frauen des Kaiserhauses zwar keine institutionell verankerte Rolle besaßen, aber dennoch regelmäßig zur Darstellung kamen. Wenngleich sie nicht die Omnipräsenz des Kaiserbildes oder männlicher Mitglieder lokaler Eliten entfalteten, waren weibliche Bildnisse seit der Zeit der späten Republik regelmäßig präsent, in politisch geprägten, öffentlichen ebenso wie in sakralen oder häuslichen Kontexten.

In der Forschung wurde die antike Bildnisrepräsentation in ihrer gesamten Breite, von den Fragen nach den Anfängen, über das Verhältnis von Bildnis und Individuum, bis hin zu den unterschiedlichen Repräsentationsformen und gesellschaftlichen Funktionen untersucht. Während lange Zeit vor allem der mimetisch-abbildende Charakter der Bildnisplastik betont und diese somit als geeigneter Zugang zu individuellem Aussehen und Charakter von Menschen der Vergangenheit angesehen wurde. In diesem Zusammenhang dienten insbesondere die rundplastischen Bildnisse sowie die offiziellen Zeugnisse der Münzprägung als Basis der Argumentation, Werke der privaten Kleinkunst fanden dagegen kaum Berücksichtigung. Dadurch konnten zentrale mediale Ausformungen des Phänomens Bildnis im Kontext der römischen Gesellschaft beleuchtet werden, wurden zugleich jedoch auf den Bereich der Wirkung offizieller Bildnisse bzw. Bildnisse im öffentlichen Raum eingeengt. Potenzial für eine Erweiterung dieser Perspektive bergen insbesondere Objekte aus dem Bereich der Alltagskultur, da sie einen Blick auf die Divergenz rezeptiver Mechanismen der Darstellungsprinzipien von »Bildnis« in der römischen Gesellschaft abseits öffentlicher Räume erlauben. Zugleich erweitern sie die Sensibilität für die materiellen und funktionalen Bedingtheiten von Bildnissen und ihrer Wahrnehmung in unterschiedlichen Konfigurationen der sie umgebenden Welt, in der Kategorien wie »Bildnis« selbst als Bestandteil sozialer Praktiken immer wieder neu ausgehandelt wurden.

An diesem Punkt setzt das Projekt an. Es geht von einem Bildnisbegriff aus, der sowohl die Möglichkeit mimetischer Darstellungen in Sinne einer konkreten menschlichen imago als auch die Konstruktion von exempla im menschlichen und durch das menschliche Abbild selbst zulässt. Als Fallstudie konzipiert soll untersucht werden, wie weibliche Bildnisse in alltägliche Praktiken eingebunden waren und jenseits festgeschriebener räumlicher Wahrnehmungskontexte in unterschiedlichen Bereichen und sozialen Konfigurationen als Alltagsbilder wirkten. Aufgrund ihrer Mobilität bieten die geschnittenen Steine dazu einen geeigneten Ausgangspunkt. Auf ihnen traten Bildnisse ab dem 3. Jh. v. Chr. auf und besaßen ab dem 1. Jh. v. Chr. einen festen Stellenwert, so dass sich die Entwicklung bis in die Zeit der Severer nachzeichnen lässt. Die Untersuchung wird bewusst auf die Gruppe der weiblichen Bildnisse – identifizierbare Darstellungen aus dem Umfeld der familia Caesaris ebenso wie weibliche, unbenannte Frauen mit Modefrisuren – fokussiert, da für diese eine systematische, diachrone Betrachtung bisher fehlt. Ebenso wenig wurden bisher funktionale Aspekte konsequent berücksichtigt, die hier in Form der Siegeldepots einbezogen werden. Die Basis der Untersuchung wurde durch die umfassenden Materialvorlagen in Form von Katalogen insbesondere europäischer Sammlungen und der zunehmenden Veröffentlichung von geschnittenen Steinen aus Fundkontexten erheblich erweitert. Zudem liegen für diese Gruppe systematische Untersuchungen zur öffentlichen Repräsentation ebenso wie ein literarisch überlieferter Tugendkanon vor, so dass weibliche Bildnisse im Spiegel von als Text ebenso wie als Bild formulierten Vorstellungen und vor dem Hintergrund der Eigenheiten von geschnittenen Steinen als Bildnisträgern in den Blick genommen werden können.

Schätze einer Bürgerstadt. Die Gemmensammlung des GRASSI Museum für Angewandte Kunst in Leipzig. Ausstellungsprojekt unter studentischer Beteiligung

In Kooperation mit dem GRASSI Museum für Angewandte Kunst, dem Institut für Mineralogie, Kristallographie und Materialwissenschaft: Mineralogisch-Petrographische Sammlung der Universität Leipzig, den Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz, Antikensammlung sowie Gerhard Schmidt, Idar-Oberstein (Edelsteingraveur)

Die form- und farbenfrohen geschnittenen Edelsteine der Antike sind neben den Münzen die kleinsten Bildträger der Antike, und stellten nicht zuletzt dadurch geeignete Objekte für die Antikensammlungen seit der Renaissance dar. Im 18. und 19. Jahrhundert waren sie für die Gelehrten eine der wichtigsten Gattungen für das Studium antiker Kunst. Kein geringerer als Johann Joachim Winckelmann gestand ihnen sogar zu, Antike in einer besonders authentischen Form zu überliefern. Durch ihren Preziosencharakter hatten geschnittene Steine insbesondere in aristokratischen Sammlungen einen hohen Stellenwert. Aber nicht nur die europäischen Fürstenhöfe, sondern auch die Messe- und Universitätsstadt Leipzig, deren erste Erwähnung sich 2015 zum 1000. Male jährt, besaß eine umfangreiche Sammlung antiker Gemmen. Im 18. Jh. erwarb der Rat der Stadt Leipzig für 2000 Taler vom Hofrat Jacob Benedict Winckler eine Sammlung antiker Gemmen, die durchgehend im Besitz der Stadt war. Ihr größter Teil befindet sich heute im GRASSI Museum für Angewandte Kunst. Ihre Existenz dürfte allerdings nur wenigen Interessierten bekannt sein. Dieses Schicksal teilen die Leipziger Gemmen mit den Beständen nahezu aller moderner Sammlungen, in denen sich der einstige Stellenwert dieser Gattung meist kaum mehr ablesen lässt. Aufgrund ihres äußerst geringen Formats von wenigen Zentimetern sind die eingeschnittenen Bilder nicht leicht zu erkennen und die Gemmen nur schwer besucherfreundlich auszustellen. Der überwiegende Teil dieser kleinen Schätze findet daher nur selten den Weg in die Ausstellungen. Ziel der Sonderausstellung ist es, diese faszinierende, vielfältige Gattung antiken Kunstschaffens dem Besucher zugänglich zu machen und adäquat zu präsentieren. Im Falle der Gemmen bieten dazu virtuelle Präsentationsmöglichkeiten nicht nur eine optisch auffällige Ergänzung, sondern auch einen inhaltlichen Mehrwert, wenn beispielsweise die kleinen Bilder in Vergrößerungen angesehen werden können.

Die Gemmen aus dem Bestand des GRASSI Museum für Angewandte Kunst in Leipzig sind dazu in besonderer Weise geeignet, da sie bislang nicht in Gänze präsentiert werden konnten. Zugleich bietet die Sammlung des GRASSI Museum eine der wenigen bürgerlichen Sammlungen, die nahezu vollständig rekonstruiert werden können, da sich Abdrücke der Originale erhalten haben. Ein besonderes Glück ist, dass sogar die originale Aufbewahrungsart in einem kleinen Holzkabinett erhalten ist. Auf dieser Basis lässt sich nachweisen, dass im Verlauf der Sammlungsgeschichte einige Gemmen verkauft wurden und den Weg in die Antikensammlung in Berlin fanden. Sie sollen im Zuge der Ausstellung den Weg zurück nach Leipzig finden, so dass für diesen Zeitraum die Sammlung in großen Teilen wieder vereint werden kann. Mit der Wahl des Antikenmuseum in der Nikolaischule als Ausstellungsort schließt sich der Kreis zum Beginn der Erforschung antiker Gemmen und der Ausformung des heutigen Faches Archäologie, die den Gelehrten der Universität Leipzig wichtige Impulse verdankt.

Über die Präsentation bisher kaum gezeigten Materiales hinaus soll am Beispiel der Gemmen des GRASSI Museum zugleich der Anteil von Gemmen an der Bedeutung von Antike im 18. und 19. Jahrhundert dokumentiert werden. Um ihre Wahrnehmung, Rezeption und Erforschung im Kontext eines Umfeldes einer kunstsinnigen Bürgerschaft differenziert beurteilen zu können, erfolgt die Präsentation der Gemmen im Kontext weiterer zeitgenössischer Aneignungsformen der Gattung in Form von Stichwerken und Daktyliotheken.Abgesehen vom inhaltlichen Fokus bietet das Ausstellungsprojekt die Möglichkeit, den Wissens- und Kompetenztransfer zwischen Universität und Stadt Leipzig zu intensivieren und über die Objekte eine gemeinsame, sinnfällige Außendarstellung im Stadtbild zu erreichen.

Architektur und Urbanistik

Die Ausstattung der Häuser in Solunt und die hellenistisch-römische Wohnkultur auf Sizilien

Projektförderung durch die Fritz-Thyssen Stiftung

In Anlehnung an die hinsichtlich ihrer Dokumentation vorzüglichen Bände „Die hellenistische Kunst in Pompeji“, jedoch unter vornehmlich kulturgeschichtlichen Fragestellungen, ist das primäre Ziel des Projektes, die bisher weitgehend undokumentierten und hinsichtlich ihrer Fundkontexte kaum ausgewerteten Gattungen von Hausausstattung (Tischfüße, Puteale, Bronzegeräte etc.) auf Sizilien exemplarisch zu erschließen. Den Ausgangspunkt bilden zunächst die Zeugnisse der architektonisch gut dokumentierten Häuser in Solunt (heute zum Teil in Palermo). Ziel ist es, im Anschluss an die Arbeiten zu Architektur, Flächenkunst und Bauornamentik der Häuser in einem holistischen Ansatz die Wohnkultur der hellenistischen und römischen Zeit durch eine chronologische Fixierung und – soweit möglich – durch Rekontextualisierung der Zeugnisse Rezeptionsmechanismen zu erarbeiten, vor deren Hintergrund eine kulturhistorische Annäherung an das Phänomen hellenistischer Hausausstattung erfolgt. Im Zentrum steht auch die Frage nach einer möglichen Scharnierfunktion Siziliens im Prozess der Rezeption hellenistischer Elemente, die aus dem östlichen Mittelmeerraum kommend ihren Weg auf die italische Halbinsel fanden. Solunt soll dabei als Ausgangspunkt der Materialerschließung dienen, bevor die Untersuchung auf andere Fallbeispiele der ersten römischen Provinz ausgedehnt wird.

 

Solunt, Marmorne Beckenstütze aus der Casa di Leda

Weiterführende Literatur:

  • M. De Vos, Pitture e mosaici a Solunto, BaBesch 50, 1975, 195–224.
  • W. von Sydow, Die hellenistischen Gebälke in Sizilien, RM 91, 1984, 239–358.
  • M. Wolf, Die Häuser von Solunt und die hellenistische Wohnarchitektur (2004).

Materialität antiker Lebensstile. Wohnen in Pergamon zwischen hellenistischer Residenzstadt und römischer Metropole

In Kooperation mit der Pergamongrabung, Deutsches Archäologisches Institut, Abteilung Istanbul

Als räumlich hochgradig konzentrierte urbanistische Einheiten ist der Bereich des Wohnens ein sensibler Indikator kultureller Entwicklungen. Denn er umfasst Räume, die ein von Akteuren unmittelbar gestaltetes Umfeld repräsentieren und an denen sich etwa in Form von materiellen Inventaren zahlreiche „kleinste Fakten“ (S. Kracauer) aus dem antiken Leben erhalten haben. In Pergamon wurde erst mit Aufnahme der Stadtgrabung im Jahr 1973 der Blick dezidiert auf die „normalen Leute“ (W. Radt) gelenkt. Durch die primäre Konzentration auf die Erforschung architektonischer Dispositionen einzelner Wohneinheiten wurden ihre Aussagepotenziale für die Rekonstruktion kultureller Entwicklungen aber bisher noch nicht systematisch ausgeschöpft.

Hier setzt das vorliegende Projekt an. Es zielt darauf, in Erweiterung der bisher gewonnenen Einblicke in die urbanen Strukturen Pergamons die bisher bekannte Entwicklung des Stadtorganismus um eine akteurszentrierte, dezidiert auf die Ebene einzelner Wohnstrukturen und -prozesse ausgerichtete Untersuchungsperspektive zu ergänzen. Eine diachrone Betrachtung solcher akteursnahen Räume erlaubt in einer vergleichenden Perspektive nicht allein Aufschlüsse über persistente und veränderliche Elemente hinsichtlich individueller, sondern auch gruppenspezifischer Lebensstile. In Pergamon weisen zahlreiche Häuser ein breites Spektrum an räumlichen Umgestaltungen auf. Diese Gestaltungsprozesse auf der Ebene der Architektur sind vor dem Hintergrund der materiellen Kultur dieser Häuser zu reflektieren. Hier ist beispielsweise zu überlegen, in welchen Formen sich die politische Zugehörigkeit zu Rom ab 133 v. Chr. auf den unterschiedlichen Ebenen materieller Ordnungen des Wohnens niederschlug und welche Szenarien sich für den Umgang mit dem Erbe der hellenistischen Zeit während der römischen Kaiserzeit konkret nachweisen lassen.

Die Rekonstruktion solcher Transformationsprozesse des Wohnens bedarf einer möglichst hohen Informationsdichte. Daher wird die materielle Alltagskultur Pergamons zwischen hellenistischer und römischer Zeit (300 v. Chr. und 300 n. Chr.) in den Blick genommen. Zum einen liegen für diesen Zeitraum hinreichend aussagekräftige Befunde vor, zum anderen deckt sich dieser Untersuchungshorizont mit dem Fokus des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Langfristvorhabens „Die Transformation der Mikroregion Pergamon zwischen Hellenismus und römischer Kaiserzeit“. Durch die Kooperation des vorliegenden Projekts mit dem Langfristvorhaben können die Ergebnisse in den größeren Entwicklungszusammenhang der Region eingebettet werden. Zugleich erweitern sie das gewonnene Bild um einen dezidiert nahsichtigen Blick, der im vorliegenden Projekt aus drei Perspektiven erfolgt.

Pergamon, Peristyl und Schutzbau (Foto: Jörn Lang)

Ausgangspunkt ist zunächst die Betrachtung von Angehörigen der gesellschaftlichen Elite. Dieser wird die Perspektive einer hinsichtlich der architektonischen Disposition wie auch Nutzungsfläche deutlich bescheideneren Wohnstruktur gegenübergestellt. Da die Evidenz gesellschaftlicher Konstellationen unterhalb der politisch aktiven Eliten nur selten ein differenziertes Bild zulässt, erfolgt nur eine relationale Bestimmung ex negativo. Die in dieser Perspektive in den Blick genommene soziale Konfiguration wird daher zunächst terminologisch als nicht-elitäres Wohnen festgelegt. Ein dritter Blick gilt schließlich dem Konsum- und Wegwerfverhalten. Aus dem Zusammenspiel dieser drei Perspektiven ergibt sich die Erfassung eines möglichst breiten Spektrums von Objekten unterschiedlicher pergamenischer Alltagskulturen in ihren jeweiligen kontextuellen Rahmungen. Die Berücksichtigung dieser Blickwinkel zielt darauf, Lebensstile unterschiedlicher sozialer Konfigurationen in Pergamon zu erfassen. 

Als konkrete Ausgangspunkte für diese Perspektiven wurden drei Fallbeispiele identifiziert, die einer systematischen Auswertung hinsichtlich Dokumentation der Ausgrabungen, Fundobjekten und kontextuellen Rahmungen unterzogen werden: das Haus des Konsuls Attalos, ein kleines Peristylhaus westlich der Treppengasse sowie ein Haus an der Ostgasse mit Zisternenbefunden.

Sie repräsentieren aufgrund ihres jeweiligen architektonischen Befunds und der Fundobjekte exemplarisch unterschiedliche Lebenstile. In ihrer Gesamtheit vereinen sie ein breites Spektrum an Erscheinungsformen und erlauben einen ganzheitlichen Blick auf die materiellen Alltagskulturen der Stadt. Indem in Gebrauch befindliche ebenso wie entfunktionalisierte Gegenstände in die Betrachtung einbezogen werden, berücksichtigen sie einen unterschiedlichen Umgang mit Objekten. In der Vorlage des Materials werden über die Vielfalt von Objektensembles und ihrer räumlichen Rahmungen mikrohistorisch angelegte Synthesen zur Materialität des alltäglichen Lebens in Pergamon zwischen Hellenismus und römischer Kaiserzeit (ca. 300 v. Chr. bis 300 n. Chr.) formuliert. Dies bietet die Möglichkeit, die materielle Dimension der Gesellschaft Pergamons so in den Fokus zu rücken, dass auf Basis von Gleichförmigkeit und Divergenz materieller Inventare der Häuser ein exemplarischer Einblick in unterschiedliche Lebensstile gewonnen werden kann. Vor diesem Hintergrund treten im Spiegel des täglichen Lebens zugleich charakteristische Elemente der spezifischen Physiognomie einer pergamenischen Stadtkultur hervor.

Antikenrezeption und Forschungsgeschichte

Ausgehend vom reichen Sammlungsbestand des Antikenmuseums werden einzelne Aspekte der Antikenrezeption in der Kunst und Kulturgeschichte der Neuzeit und der sich entwickelnden wissenschaftlichen Beschäftigung mit der antiken Kunst untersuchen. 

Ausstellung des Antikenmuseums "Faszination der Linie. Griechische Zeichenkunst auf dem Weg von Neapel nach Europa" 2004 in der Universitätsbibliothek Bibliotheca Albertina

Literatur

  • H.-U. Cain, Den Freunden der Natur und Kunst – Athena, Apollo und die neun Musen im Pantheon des Gartenreichs Dessau-Wörlitz, in: Münchner Jahrbuch der bildenden Kunst 3. Folge, 62, 2011 (2012) 7–51 Abb. 1 – 67.
  • H.-U. Cain, Das Leipziger Panorama ROM 312 von Yadegar Asisi - Zentrum eines zeitgenössischen Medienensembles, in: H.-U. Cain - A. Haug - Y. Asisi (Hrsg.), Das antike Rom und sein Bild, Transformationen der Antike 21 (Berlin - Boston 2011) 3 – 22 Taf. 1 – 7.
  • ¿Teuer und nichts wert? Fälschern griechischer Keramik auf der Spur. Begleitheft zu einer Sonderausstellung des Antikenmuseums der Universität Leipzig 2011, hg. v. H.-U. Cain – J. Lang – H.-P. Müller – W. Geominy (Leipzig 2011).
  • AUREA AETAS. Die Blütezeit des Leipziger Antikenmuseums zu Beginn des 20. Jahrhunderts, Begleitheft zu einer Sonderausstellung des Antikenmuseums anlässlich des 600-jährigen Jubiläums der Universität Leipzig 2009, hg. v. H.-U. Cain (Leipzig 2009).
  • Renaissance der Etrusker. Vom Mythos zur Wissenschaft. Begleitheft zur Sonderausstellung vom 21.10.2006 bis 28.1.2007, hg. v. H.-U. Cain - H.-P. Müller - D. Steuernagel (Leipzig 2006).
  • Faszination der Linie. Griechische Zeichenkunst auf dem Weg von Neapel nach Europa. Begleitheft zur Sonderausstellung vom 21.10.2004 bis 20.1.2005, hg. v. H.-U. Cain - H.-P. Müller - St. Schmidt (Leipzig 2004).
  • Pompeji wiederbelebt! Entdeckung, Nachleben und Rekonstruktion eines antiken Wohnhauses, hg. v. H.-U. Cain – F. Pirson, Ausstellungskatalog Antikenmuseum der Universität Leipzig 2001 (Leipzig 2001).
  • H.-U. Cain, Gipsabgüsse. Zur Geschichte ihrer Wertschätzung, in: Realität und Bedeutung der Dinge im zeitlichen Wandel. Werkstoffe: ihre Gestaltung und ihre Funktion, Akten der interdisziplinären Tagung Nürnberg 6.-8.10.1993, Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums 1995, 200-215 Abb. 1 – 13.

Sammlungsbezogene Forschungen

Erschließung und Nutzbarmachung der Abgusssammlung der Universität

Das Projekt hat die Erschließung der rund 650 nach dem Krieg erhalten gebliebenen historisch wertvollen Gipse der Abguss-Sammlung der Universität Leipzig und deren Nutzbarmachung für die Lehre und Forschung zum Gegenstand. Ziel ist die seit Jahrzehnten überfällige, inhaltlich qualifizierte Neuinventarisierung des Bestandes, wobei durch die Anwendung elektronischer Medien die Sammlung anderen Altertumswissenschaftlern leicht zugänglich gemacht werden soll. Im Zusammenhang mit der Wiederherstellung der Abguss-Sammlung ist neben der Reinigung und Restaurierung der Gipse die Wiedergewinnung der authentischen Gipsoberfläche durch Entfernung alter Farbanstriche vorgesehen. Bei der Analyse der Farbanstriche und der Entwicklung von geeigneten Verfahren zu deren Entfernung wird die interdisziplinäre Kooperation mit naturwissenschaftlichen Disziplinen angestrebt.

Reinigungsprobe am Sockel und Fuß einer Porträtstatue: Mit Ammoniaklösung ließ sich der Überzug entfernen. Das Verfahren ist jedoch problematisch, da Erfahrungen über die Langzeitwirkung von Ammoniak auf Gips nicht…

Literatur

  • H.-U. Cain, Gipsabgüsse. Zur Geschichte ihrer Wertschätzung, in: Realität und Bedeutung der Dinge im zeitlichen Wandel. Werkstoffe: ihre Gestaltung und ihre Funktion, Akten der interdisziplinären Tagung Nürnberg 6.-8.10.1993, Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums 1995, 200-215 Abb. 1 – 13
  • H.-P. Müller, Das Akademische Gypsmuseum. Zur Geschichte einer vergessenen Skulpturensammlung, in: Leipziger Blätter 27 (1995) 56 – 59
  • H.-U. Cain, Interpretierende Linien und das Ethos eines ehrlichen weißen Gipses, in: Faszination der Linie. Griechische Zeichenkunst auf dem Weg von Neapel nach Europa, hg. v. H.-U. Cain - H.-P. Müller - St. Schmidt, Ausstellungskatalog Antikenmuseum der Universität Leipzig 2004/05 (Leipzig 2004) 33 – 36. 58 (Lit.) Abb. 28 – 30
  • H.-U. Cain, Arbeiten in Gips. Zu einer schöpferischen Methode der Archäologie, in: H.-U. Cain (Hrsg.), AUREA AETAS. Die Blütezeit des Leipziger Antikenmuseums zu Beginn des 20. Jahrhunderts, Begleitheft zu einer Sonderausstellung des Antikenmuseums anlässlich des 600-jährigen Juniläums der Universität Leipzig 2009 (Leipzig 2009) 16-21 Abb. 11 – 18

Klassische Archäologie an der Universität Leipzig (18.-20. Jahrhundert)

Ausgehend von Johann Friedrich Christ (1701 – 1756) wurde 1735 in Leipzig das Studium der Klassischen Archäologie an deutschsprachigen Universitäten begründet und damit eine der Voraussetzungen für ihre weitere Entwicklung zu einer modernen Wissenschaft geschaffen. Entscheidende Impulse für die weitere Entwicklung der Archäologie an der Leipziger Universität gab die Gründung einer archäologischen Lehr- und Studiensammlung im Jahre 1840. Ihre umfangreichen Bestände an griechischen, etruskischen und römischen Originalwerken sowie Gipsabgüssen antiker Skulpturen verdankt sie namhaften Archäologen wie Wilhelm Adolf Becker (1796 – 1846), Otto Jahn (1813 – 1869), Johannes Overbeck (1826 – 1895) und Franz Studniczka (1860 – 1929), die seit 1840 den systematischen Ausbau der Sammlung vorangetrieben und sie zu einer der bedeutendsten an deutschsprachigen Universitäten ausgebaut hatten.

Blick in den Oberlichtsaal des Antikenmuseums mit den Abgüssen hellenistischer und römischer Bildwerke, um 1900

Die Sammlungsgeschichte spiegelt nicht nur Entwicklung des Faches Klassische Archäologie an der Universität Leipzig wieder. Zu Beginn waren es vor allem Gelehrte, die die Sammlung systematisch erweiterten. Seit dem späten 19. Jahrhundert war der weitere Aufbau ohne die enge Verflechtung von Universität und Öffentlichkeit nicht denkbar gewesen. Durch ihr großzügiges Engagement und namhafte Spenden bereicherte die Leipziger Bürgerschaft den Bestand um bedeutende Stück. Aus einer zunächst vornehmlich akademischen Zwecken dienenden Sammlung wurde so ein bis heute lebendiges Museum für breite Bevölkerungsschichten. In neueren Studien sollen Geschichte und Entwicklung der Klassischen Archäologie an der Leipziger Universität als Instituts-, Sammlungs- und Personengeschichte untersucht und dabei auch die kulturelle Wechselwirkung mit der Region einbezogen werden.

Literatur:

  • H.-P. Müller, Das Akademische Gypsmuseum. Zur Geschichte einer vergessenen Skulpturensammlung, Leipziger Blätter Heft 27, 1995, 56 – 59.
  • H.-P. Müller, Johann Friedrich Christ. Zum 250. Todestag am 2. September 2006, in: Jubiläen 2006. Personen. Ereignisse, Herausgegeben vom Rektor der Universität Leipzig (Leipzig 2006) 109 – 114.
  • H.-P. Müller, Zur Geschichte der Leipziger Vasensammlung, in: CVA Leipzig (3) 13 – 19.
  • H.-P. Müller, Griechische Keramik am Antikenmuseum der Universität Leipzig: Sammlungs- und Restaurierungspolitik am Beispiel einer universitären Lehr- und Studiensammlung, in: M. Bentz - U. Kästner (Hrsg.), Konservieren oder Restaurieren. Die Restaurierung griechischer Vasen von der Antike bis heute (München 2007) 69 – 75 (= Beihefte zu Corpus Vasorum Antiquorum; 3).
  • H.-P. Müller, Klassische Archäologie, in: U. von Hehl - U. John - M. Rudersdorf (Hrsg.), Geschichte der Universität Leipzig 1409-2009 Bd. 4,1 (Leipzig 2009) 197 – 219.
  • H.-U. Cain (Hrsg.), AUREA AETAS. Die Blütezeit des Leipziger Antikenmuseums zu Beginn des 20. Jahrhunderts, Begleitheft zu einer Sonderausstellung des Antikenmuseums anlässlich des 600-jährigen Jubiläums der Universität Leipzig 2009 (Leipzig 2009) 64 S. mit 59 meist farb. Abb.
  • H.-P. Müller, Christ, Johann Friedrich, in: H. Cancik – M. Landfester – H. Schneider (Hrsg.), Der Neue Pauly. Supplemente, Band 6. Geschichte der Altertumswissenschaften. Biographisches Lexikon (Stuttgart 2012)  Sp. 224 – 228.
  • H.-U. Cain, Overbeck, Johannes, ebenda Sp. 913 – 916.
  • H.-U. Cain, Studniczka, Franz, ebenda Sp. 1202 – 1204.

Praxis neuzeitlicher Restaurierung und Konservierung

Die Konservierung, Sammlungsbetreuung und restauratorische Pflege der Original- und Gipsabguss-Sammlung zählen zu den wichtigen Aufgaben des Antikenmuseums der Universität Leipzig. Bei der Anwendung aktueller Methoden der Konservierung und Restaurierung werden häufig archäologische Fragestellungen berührt. So ist die Geschichte der Restaurierung antiker Keramik in den letzten Jahrzehnten immer mehr in den Mittelpunkt von Diskussionen und Forschungen gerückt. Im historisch gewachsenen Bestand des Leipziger Antikenmuseums befinden sich zahlreiche Beispiele, an denen sich die Restaurierungsproblematik von der Antike über das 19. bis zum frühen 20. Jahrhundert sowohl in Fallbeispielen als auch unter übergreifenden Aspekten darstellen lässt. 

Athena mit dem Haupt der Gorgo Medusa auf einem apulisch rotfigurigen Glockenkrater (Inv. T 83).
Während der Neurestaurierung von 1994 wurde die Überholung ihres Schmuckes aus dem frühen 19. Jahrhundert abgenommen

Grundlage einer zeitgemäßen Praxis der Konservierung und Restaurierung ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Vertretern naturwissenschaftlicher Institutionen in und außerhalb der Universität. An der Schnittstelle zwischen Geistes- und Naturwissenschaften geben Ergebnisse z.B. der Materialanalytik Auskunft über das verwendete Material und die Herstellungstechnik, woraus sich für Einzelobjekte oft neue Erkenntnisse gewinnen lassen oder, wie bei der Beschichtung von Gipsabgüssen, Strategien ihrer Restaurierung abgeleitet werden können. Angesichts des großen Aufwands und wissenschaftlicher Fortschritte in Restaurierungstechniken und Materialforschung wird immer dringlicher, den Zustand vor und nach der Restaurierung umfassend zu dokumentieren und wenigstens für die bedeutendsten archäologischen Denkmäler in einer interaktiven Bilddatenbank allgemein zugänglich zu machen.

Attisch rotfigurige Kylie des Makron-Malers Inv. T 3367, um 480 v. Chr.
Die Aufnahme in digitaler Luminiszenzradiographie macht die an weißen Punkten kenntlichen Bohrungen für eine antike Reparatur sichtbar. Aufnahme: Prof. Dr. Frank Schmidt, Universitätsklinik Leipzig
  • A. Fendt, Archäologie und Restaurierung. Die Skulpturenergänzungen in der Berliner Antikensammlung des 19. Jahrhunderts (Berlin, Boston 2012) = H. Böhme u.a. (Hrsg.), Transformationen der Antike, Bd. 22. Die Dissertation wurde an der Universität Bielefeld und Universität Leipzig von Uwe Walter und Hans-Ulrich Cain betreut.
  • H.-U. Cain - M. Pfanner, Marmor in Rom – Verfall und die Aura der Originale, mit einem Beitrag zur Marmorbestimmung des Titusbogens von G. Lehrberger, in: Deutsche Stratigraphische Kommission (Hrsg.), Denkmalgesteine – Festband zum 80. Geburtstag von Prof. Dr. W.-D. Grimm. Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Geowissenschaften 59, 2008, 226-248.
  • H.-P. Müller, Griechische Keramik am Antikenmuseum der Universität Leipzig: Sammlungs- und Restaurierungspolitik am Beispiel einer universitären Lehr- und Studiensammlung, in: M. Bentz - U. Kästner (Hrsg.), Konservieren oder Restaurieren. Die Restaurierung griechischer Vasen von der Antike bis heute (München 2007) 69 – 75 = Beihefte zu Corpus Vasorum Antiquorum; 3.
  • S. Pfisterer-Haas, Der Leipziger Euphronios-Stamnos. Fragmente eines athenischen Meisters und ein Lehrstück der Restaurierung, in: ebenda S. 147 – 150.
  • P. Cain - M. Pfanner,  Der falsche Augustus. Katalog der Sonderausstellung vom 27.6. – 31.8.2000, hg. v. H.-U. Cain (Leipzig 2000).
  • S. Pfisterer-Haas, Wenn der Topf aber nun ein Loch hat... Restaurierung griechischer Keramik in Antike und Neuzeit, Begleitheft zur Sonderausstellung Leipzig 1998 (Leipzig 1998).

Digitale Methoden

Digitale Rekonstruktion der 'Beißergruppe'

In Kooperation mit dem British Museum und dem Deutschen Archäologischen Institut, Abteilung Rom

Die 'Beißergruppe' gehört zu den wenig erforschten Stücken hellenistischer Genreplastik. Die Gruppe, die 1678 in einer römischen Villa bei Grottaferrata in Latium gefunden wurde und sich heute im British Museum in London befindet, zeigt zwei Knaben, die beim Knöchelspiel in Streit geraten sind. Ein Knabe beißt seinen Gegenspieler, von dem sich nur die Hand mit einem Astragal erhalten hat, in den Arm. Für den Gebissenen hat bisher nur A. Herrmann (1979) eine Rekonstruktion in Form einer Zeichnung vorgelegt, die, wie die Autopsie der Gruppe in London ergeben hat, jedoch nicht zutrifft. Daher wird basierend auf einem im Structure from Motion (SfM) Verfahren angefertigten Modell eine dreidimensionale digitale Rekonstruktion der Gruppe erstellt. Mittels dieser digitalen Rekonstruktion können verschiedene Rekonstruktionsvarianten ausprobiert, Ergänzungen markiert und Fragen nach dem Betrachterstandpunkt, den Ansichtsseiten und möglichen verschiedenen Lesarten beim Umschreiten der Gruppe untersucht werden. In dem Projekt geht es daher auch darum, den wissenschaftlichen Nutzen entsprechender digitaler Rekonstruktionen (über die reine Visualisierung hinaus) zu erforschen. Zudem wird der Statuentypus in die größere Tradition des Motivs der knöchel- bzw. nüssespielenden Kinder und streitenden Knaben eingeordnet, das in der Vasenmalerei, auf Grabstelen, als Statuetten aus Stein oder Terrakotta, in der Wandmalerei, auf Weihreliefs und Sarkophagen belegt ist.

Vom raumgreifenden Gipsabguss zur digitalen Punktwolke: Dokumentation und Visualisierung antiker Plastik am Beispiel des Toro Farnese in der Abguss-Sammlung des Antikenmuseums Leipzig

Projektleitung: Jörn Lang, Katharina Meinecke

Seit ihrer Auffindung in den Thermen des Caracalla in Rom im Jahr 1545 gehört die knapp vier Meter hohe Skulpturengruppe des sog. Toro Farnese zu den spektakulärsten Beispielen antiker Skulptur. In severischer Zeit (frühes 3. Jh. n. Chr.) aus einem einzigen Marmorblock gearbeitet, handelt es sich um die steinerne Kopie eines berühmten hellenistischen Werks, das uns selbst nicht erhalten ist. Die Sammlung der Abgüsse im Antikenmuseum der Universität Leipzig verfügt seit dem späten 19. Jahrhundert über eine der wenigen Abformungen ebendieser Gruppe. Der damalige Direktor Johannes Overbeck hatte sie als Glanzstück für die Neuaufstellung der Abgüsse im Hauptgebäude der Universität am Augustusplatz erworben. Seit den 1960er Jahren befindet sie sich jedoch in ihre ca. 50 teils zerbrochenen oder beschädigten Einzelteile zerlegt im Magazin. Da aufgrund ihrer Größe ein Wiederaufbau in den vorhandenen Räumen nicht möglich ist, kann das vielseitige Potenzial der historisch bedeutenden Gruppe derzeit weder für die Forschung noch für die Lehre ausgeschöpft werden. Dies steht exemplarisch für die Herausforderungen der Leipziger Sammlung mit ihren ca. 800, zum großen Teil über 150 Jahre alten Gipsabgüssen. Der Gipsabguss des Toro Farnese soll daher im Rahmen des Projekts als virtuelles dreidimensionales Modell wiedererstehen.

Gipsabguss des Toro Farnese aus der Abgusssammlung der Universität Leipzig (Foto: Jörn Lang)

Ziel ist es, am Beispiel des Toro Farnese Verfahren der digitalen Dokumentation von historischen Abformungen antiker Skulpturen weiter zu entwickeln, um die Abgüsse über ihre Aufbewahrungsräume hinaus weltweit und nachhaltig für Forschung und Lehre nutzbar zu machen. Dabei wird der gesamte Prozess von der restauratorischen Vorbereitung der einzelnen Bestandteile des Abgusses, über die digitale Dokumentation bis hin zur langfristigen Sicherung und Nutzung der Digitalisate für archäologische und restauratorische Fragestellungen modellbildend optimiert. Das Vorhaben stellt zugleich einen ersten Schritt zur vollständigen digitalen Erschließung der überregional bedeutenden Sammlung der Leipziger Abgüsse dar. Dabei werden sowohl neue Technologien für archäologische Fragen eingesetzt als auch die Verfahren selbst anwendungsorientiert weiterentwickelt.

 

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