Sie haben Ihr Masterstudium erfolgreich abgeschlossen, möchten promovieren und haben auch schon eine Idee für ein Thema. Der nächste Schritt ist ein Gespräch mit Ihrer potentiellen Betreuer:in. Erst dann erfolgt die Aufnahme in die Doktorandenliste unserer Fakultät und eventuell die Einschreibung in das Promotionsstudium. Zusätzlich ist die Frage der Finanzierung zu klären, was durchaus eine Herausforderung darstellt. Gern loten wir im persönlichen Gespräch die Möglichkeiten der Promotionsförderung in Deutschland und der EU aus.
Laufende Promotionsprojekte
Unsere Promovierenden haben spannende Forschungsprojekte in den Bereichen Geschichte und Gegenwartsforschung. Regelmäßiger Austausch und Vernetzung finden in den Kolloquien statt.
Die Geistesgeschichte im Osmanischen Reich des 17. Jahrhunderts aus religiöser Perspektive
Betreuer: Prof. Dr. Markus Dreßler
Umkämpfte Säkularität – Eine diskursanalytische Untersuchung der Auseinandersetzung zwischen religiösen und säkularen Akteur*innen um das religionspolitische Arrangement des Staates Israel
Die israelische Gesellschaft ist von verschiedenen manifesten Konfliktlinien durchzogen. Einer der wichtigsten Problemkomplexe ist dabei die anhaltende Auseinandersetzung um die Ausgestaltung des religionspolitischen Arrangements. Diese wird nicht nur in der Knesset von säkularistischen und religiösen Parteien, sondern von verschiedensten außerparlamentarischen Gruppierungen vor dem Hintergrund spezifisch gesellschaftlicher Bezugsprobleme geführt. Das Promotionsvorhaben widmet sich diesem Problemkomplex und untersucht die Konfliktgeschichte zwischen säkularen und religiösen Interessengruppen über die kultur- und religionspolitischen Vereinbarungen des Staates Israel. Um der Heterogenität der gesellschaftlichen Bezugsprobleme und der sich darum gruppierenden Akteurinnen und Akteure gerecht zu werden, wird die Untersuchung über die parteipolitische Ebene hinaus auf außerparlamentarische Interessengruppen unterschiedlicher Religionszugehörigkeit ausgeweitet. Neben der Analyse gesellschaftlicher Bezugsprobleme und der sich darauf beziehenden Akteure, wird damit ebenfalls ein systematischer Vergleich zwischen diesen angestrebt, um bisher vernachlässigte Gleichzeitigkeiten und Wechselwirkungen zwischen den Beteiligten – gleicher und unterschiedlicher Religionszugehörigkeit – stärker ins Auge zu fassen. Das Forschungsvorhaben fragt so grundlegend danach, durch welche sozialen Mechanismen und Machtkonstellationen sich das religionspolitische Arrangement des Staates Israel konstituiert und perpetuiert. Die Beantwortung der Fragestellung soll einen differenzierteren Blick auf die historischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der israelischen Gesellschaft ermöglichen und so einen ergänzenden religionswissenschaftlichen Beitrag zu einem verkürzten und oftmals normativ geprägten Diskurs leisten.
Betreuer: Prof. Dr. Christoph Kleine
Das Bektashi-Netzwerk bei der Entstehung des modernen Ägyptens: Eine transnationale Geschichte (post-)osmanischer Eliten
Dieses Projekt befasst sich mit der transnationalen Geschichte des (post-)osmanischen Eliten-Netzwerks rund um die Bektaschi-Loge im modernen Ägypten. Die beabsichtigte Forschungsfrage lautet: „Welche soziale, kulturelle und politische Bedeutung hatte die Bektashi-Sufi-Loge im Kairo des frühen 20. Jahrhunderts für die Entstehung des modernen Ägyptens und für den Betrieb transnationaler Netzwerke in den spät- und post-osmanischen Gebieten?“ Das ägyptische Bektashi-Netzwerk wird im Hinblick auf die Zusammensetzung der diskursiven, wundersamen und wirtschaftlichen Macht, mit der es assoziiert wird, sowie auf die Art und Weise, wie dies zu seiner Stärke und Bedeutung beiträgt, analysiert.
Die in der Provinzhauptstadt Kairo ansässige Loge war Sitz eines transnationalen Bektashi-Netzwerks türkisch-albanischen Ursprungs. Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert genossen die Kairoer Bektashis die Gunst der ägyptischen Provinzdynastie türkischsprachiger Balkaner, mit denen sie regionale, ethnische und sprachliche Gemeinsamkeiten hatten. Ausgehend von den Amtszeiten der letzten beiden *Baba*s (Sufi-Führer) Mehmed Lütfî und Ahmed Sırrı zwischen 1901 und 1963 wird eine soziale Netzwerkanalyse des Bektaschi-Netzwerks rund um die Loge durchgeführt.
Auf der Grundlage von Primärdokumenten der Loge selbst sowie ägyptischer Behörden wie dem Ministerium für Stiftungen, dem Amtsblatt und der Sufi-Versammlung wird eine mehrstufige Analyse durchgeführt. Im Mittelpunkt der Analyse stehen die Funktionsweise des Bektashi-Sufi-Netzwerks, seine soziale Klassenstruktur und seine Stellung unter anderen Sufi-Orden. Für die Analyse und Visualisierung wird Software eingesetzt.
Betreuer: Prof. Dr. Markus Dreßler
When Healing Fails: Kognitive Dissonanz und Faktoren der Resilienz bei gescheiterten religiösen Heilungen am Beispiel christlicher Gemeinden in Malaysia
Im Rahmen des DFG-Projektes „When Healing Fails: Kognitive Dissonanz und Faktoren der Resilienz bei gescheiterten religiösen Heilungen“ geht das Forschungsprojekt der Frage nach, welche kommunikativen Strategien und narrativen Muster christliche Gemeinden entwickeln, um mit ausbleibender religiöser Heilung umzugehen. Ausgehend von der Theorie der kognitiven Dissonanz nach Leon Festinger lenkt das Forschungsprojekt den Blick auf Erfahrungen von Gläubigen, nicht durch das Einwirken höherer Kräfte von wie auch immer geartetem Leid befreit zu werden. Mit welchen kommunikativen Strategien behandeln religiöse Gemeinschaften die zu erwartenden Dissonanzen? Können diese intern dauerhaft aufgelöst werden und lassen sich – im Sinne einer Immunisierung – Strategien zum Umgang mit „Störungen“ dieser Art aufzeigen?
Als eine von drei Feldstudien widmet sich das Projekt Gemeinden aus dem Spektrum des evangelikalen Christentums in Penang, Malaysia. Diese agieren innerhalb einer Gesellschaft, die sich auf vielen Ebenen durch hohe Diversität auszeichnet. Entlang von Ost – West sowie Halbinsel – Insel Trennlinien lassen sich starke Gefälle sowohl der ethnischen und religiösen Gliederung, wie auch bezüglich der Verteilung von urbaner und ruraler Bevölkerung ausmachen. Die Verfassung bestimmt seit 1957 die ethno-religiöse Identität der Bevölkerung und sichert den als Bumiputra zusammengefassten Volksgruppen einen politischen Führungsanspruch zu. Zwischen den Volksgruppen malaiischer, chinesischer, indigener oder indischer Herkunft existieren vielfältige Interaktionsbeziehungen. Eingebettet in ein ebenso heterogenes wie fruchtbares Umfeld animistischer, buddhistischer, hinduistischer und islamischer Traditionen, steht das Christentum in Malaysia in einem ebenso komplexen Austausch und Spannungsfeld. Christen rekrutieren sich aus allen ethnischen und sozialen Gruppen und lassen nicht nur mit Blick auf die unterschiedlichen Heilungstraditionen und Körperkonzepte eine zu beobachtende Vielfalt liturgischer Inkulturation erwarten.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ließen sich drei, entlang von arbeitsmarktspezifischen Trennlinien verlaufende Gemeinschaften ausmachen. Neben den Malaien als Bauern und Kleingrundbesitzern waren Chinesen als Arbeiter in Zinnminen die dominante Kraft im urbanen Sektor, sowie Inder als Kautschukzapfer auf den Plantagen. Konstruiert im Zuge einer Teile-und-herrsche-Politik der Briten, gingen deren kolonial-merkantile Bemühungen seit Beginn des 19. Jahrhunderts mit missionarischen Tätigkeiten Hand in Hand. Ausgehend von den florierenden Hafen- und Handelszentren Malakka und Penang – letzteres galt als inoffizielles Zentrum chinesischer Händler – verbreiteten christliche Missionare ihren Glauben über die Provinzen Malaysias. Als eines der ältesten Zentren christlicher Aktivität in Südostasien bietet Penang heute eine besondere religiöse und ethnische Vielfalt und große Dichte christlicher Gemeinden verschiedener Denominationen. Darüber hinaus gewährt die Lokalverwaltung Penangs die freie Religionsausübung einschließlich missionarischer Tätigkeiten und nimmt diesbezüglich – neben Sarawak und Sabah auf Borneo – eine Sonderstellung in Malaysia ein.
In diesem pluralen Umfeld interreligiöser Konkurrenzsituationen müssen sich die Heil(ung)sangebote christlicher Gemeinden – so wird vermutet – nicht nur am wie auch immer gearteten Erfolg messen lassen. Maßgeblich sind auch interne Kommunikationsstrategien zur Be- und Verarbeitung potenzieller Dissonanzfaktoren, wie gescheiterter Heilungen. Diese resilienten bzw. resilienzfördernden, innerorganisatorischen Kommunikationsstrukturen aufzudecken und zu beschreiben ist Ziel des Projekts.
Betreuerin: Dr. Sabrina Weiß
Umsiedlung, Unruhen und Exodus: Die Entstehung und die sozioökonomische Struktur der Tahtacı-Alevi-Gemeinschaft im osmanischen Westanatolien (17.–19. Jahrhundert)
Mit dem Fokus auf die Tahtacı-Aleviten, einem turkmenischen Stammesverband, der einen wesentlichen, jedoch weitgehend vernachlässigten Bestandteil der Kızılbaş-Alevi-Geschichtsschreibung darstellt, untersucht dieses Promotionsprojekt analytisch die wiederkehrenden und sich überschneidenden Rahmenkonzepte der etablierten Forschung zu dieser Kızılbaş-Gemeinschaft und zielt darauf ab, die Tahtacı-Aleviten kontextuell innerhalb der sozio-institutionellen, politisch-geografischen und religiös-kulturellen Landschaft des osmanischen Mittelmeerraums neu zu verorten.
Im Wesentlichen stellt diese Forschung die gängige Auffassung in Frage, die sich unkritisch auf frühe osmanische Taḥrīr-Register stützt, in denen der Staat bestimmte westanatolische Gruppen unter einer Berufsbezeichnung erfasste, die sich aus ihrer forstwirtschaftlichen Tätigkeit – bestehend aus Holzfäll- und Holztransportdiensten – ableitete. Durch die Übernahme dieses Rahmens hat die historiografische Tradition die Geschichte der Tahtacı-Aleviten auf einen engen westanatolischen Horizont beschränkt und sie in eine statische, lokal begrenzte Identität eingebettet. Ich behaupte, dass diese Erzählung von Natur aus problematisch ist, da sie eine funktional-berufliche Kategorie mit der eigenständigen sozio-religiösen Realität der Kızılbaş-Alevi-Stammesgruppen (wie den Neccārlı, Çaylak und Enseli oymāqs) vermischt, die das historische Rückgrat dessen bilden, was heute als „Tahtacı“-Gemeinschaft bekannt ist. Durch eine Neudefinition des Kerns der Sache versucht die Studie aufzuzeigen, dass ihre Präsenz in Westanatolien nicht das Ergebnis einer frühen und kontinuierlichen geografischen Verankerung ist. Vielmehr verortet sie diese Präsenz innerhalb der breiteren Migrationsdynamik des osmanischen Mittelmeerraums und identifiziert die Region Çukurova–Maraş als ihren entscheidenden prägenden Ort. Ich behaupte, dass das Auftauchen der Tahtacı-Aleviten im westlichen Umfeld tatsächlich Ausdruck eines tiefgreifenden räumlichen und ökologischen Wandels ist, der eine bedeutende Abkehr von ihren angestammten Gebieten im osmanischen Kilikien darstellt.
Was waren also neben anderen begleitenden Faktoren die Hauptursachen für diesen „Exodus“ nach Westen im osmanischen Mittelmeerraum? Um diese Frage zu beantworten, dokumentiere ich den Prozess anhand der Taḥrīr-, Mühimme- und verschiedener Defter-Reihen in den osmanischen Reichsarchiven. Darüber hinaus versuche ich, durch die Zusammenführung dieser Quellen mit mündlichen Überlieferungen, die im kollektiven Gedächtnis der heutigen Nachfahren der frühneuzeitlichen Kızılbaş-Tahtacı-Gemeinschaft bewahrt sind, ein lebendiges Fenster zu diesen bürokratischen Aufzeichnungen zu öffnen.
Betreuer: Prof. Dr. Markus Dreßler
Failed Healing in Latino-Pfingstgemeinden in Kalifornien
Im Rahmen des DFG-Projektes „When Healing Fails: Kognitive Dissonanz und Faktoren der Resilienz bei gescheiterten religiösen Heilungen“ geht das Forschungsprojekt der Frage nach, welche kommunikativen Strategien und narrative Muster christliche Gemeinden entwickeln, um mit ausbleibender religiöser Heilung umzugehen. Ausgehend von der Theorie der kognitiven Dissonanz nach Leon Festinger lenkt das Forschungsprojekt den Blick auf die Erfahrungen von Gläubigen, nicht durch das Einwirken höherer Kräfte von körperlichen oder seelischen Leiden befreit zu werden. Mit welchen kommunikativen Mitteln wird diesem Dilemma begegnet? Führen diese Strategien dazu, dass Dissonanzen dauerhaft aufgelöst werden und religiöse Gemeinschaften sogar Resilienzen gegen diese entwickeln, sich also gegen derartige Probleme „immunisieren“ können?
Als eine von drei Feldstudien beschäftigt sich das Projekt mit (gescheiterter) Heilung in pentekostal-charismatischen Gemeinden in Kalifornien, in denen sich mehrheitlich Zugewanderte aus Lateinamerika versammeln. Im lateinamerikanischen Pfingstchristentum scheint das Thema Heilung eine noch zentralere Rolle einzunehmen als in anglo-amerikanischen Kirchen und auch häufiger ein Auslöser für Konversionen zu sein. Aufgrund des starken Wachstums evangelikaler und pentekostaler Kirchen in der Region kommen Migrierte oft bereits als evangélicos/-as in den USA an, wobei sie eigene religiöse Vorstellungen „mitbringen“. Gleichzeitig gibt es Anhaltspunkte dafür, dass sich Protestantinnen und Protestanten häufiger für die Migration entscheiden als Katholikinnen und Katholiken und im Migrationsprozess sowohl spirituelle als auch materielle Unterstützung durch ihre Kirchengemeinden erfahren.
Der Blick auf Zugewanderte aus Lateinamerika und in den USA geborene Latinos/-as ist hierbei nicht nur interessant, weil diese als größte (und mehrheitlich christliche) minority group Einfluss auf die Entwicklung des Christentums in den USA nehmen, sondern auch aufgrund der spezifisch migrantischen Perspektive: Einerseits ist der schlechte Zugang zu Gesundheitsversorgung eine der größten Schwierigkeiten, vor der vor allem urbane Migrierte in den USA stehen. Gleichzeitig wirft die Auseinandersetzung mit der Alltagsrealität von Latino-Gemeinden weitere Aspekte von Heilung in pfingstchristlicher Perspektive auf: Inwiefern werden Fragen von Identität und Anpassung über das Thema „Heilung“ verhandelt? Bleibt das Konzept göttlicher Heilung auf die Linderung persönlichen Leids beschränkt oder schließt es beispielsweise die Konfrontation mit Suchtkrankheiten und Gewalt als Gefahren für die Gemeinden ein? Sind konkrete Alltagserfahrungen von Flucht, Migration und Ankommen ein Teil der Erfahrungen, die durch Heilung bearbeitet werden? Die geplante Forschung strebt also an, mögliche Zusammenhänge zwischen christlicher Heilung, Identität und Migrationserfahrungen in den Blick zu nehmen und hierbei vor allem bisher selten wissenschaftlich betrachtete Erfahrungen ausbleibender Heilung in den Mittelpunkt zu rücken.
Betreuer: Prof. Dr. Sebastian Schüler
Verständnisse von Säkularität im intellektuellen Diskurs über Japan
Gegenstand dieser Untersuchung ist die Frage, auf welche Weise die westlich geprägte Theorie der Säkularisierung im japanischen Wissenschaftsdiskurs seit den 1970er Jahren aufgenommen, modifiziert oder auch zurückgewiesen wurde. Der Fokus liegt dabei weniger auf der Gültigkeit dieser Theorie im japanischen Kontext, als vielmehr auf der Frage, ob und in welcher Weise sie überhaupt epistemisch anschlussfähig gemacht wurde und welche alternativen Deutungsmodelle gegebenenfalls als adäquater galten.
Die Untersuchung versteht sich als ideen- und wissenschaftsgeschichtliche Analyse und geht der Frage nach, wie das Konzept „Säkularisierung“ (世俗化) innerhalb unterschiedlicher disziplinärer Kontexte – etwa der Religionssoziologie, Rechts-, Politik- und Geschichtswissenschaften, aber auch Literatur- und Kulturwissenschaften – verhandelt wurde. Dabei werden auch Beiträge am Rande wissenschaftlicher Veröffentlichungen berücksichtigt, sofern dies sinnvoll ist, um ein breites Feld möglicher Deutungen zu rekonstruieren.
Zentral ist die Analyse der epistemischen Bedingungen, unter denen das Konzept der Säkularisierung überhaupt als relevant oder problematisch erschien. Mit Rückgriff auf Ludwik Flecks Theorie der Denkstile und Denkkollektive wird untersucht, welche wissenschaftlichen Routinen, normativen Vorannahmen und methodischen Vorgaben die jeweilige Aufnahme oder Ablehnung säkularisierungstheoretischer Konzepte geprägt haben. Ergänzend dient ein ideengeschichtlicher Zugriff im Sinne von Mulsow dazu, nachzuzeichnen, wie Säkularität über epistemische Triangulation – also durch Umschreibungen, Analogien oder Rückgriffe auf eigene historische Erfahrung –verstehbar gemacht oder in der Adaption verzerrt wurde.
Ziel der Arbeit ist es, die vermeintliche Inkommensurabilität zwischen westlicher Theorie und japanischem Kontext historisch und begrifflich zu differenzieren. Damit leistet die Studie einen Beitrag zur Reflexion multipler Säkularisierungsmodelle – insbesondere zur Frage, ob und wie eine „japanische Säkularität“ jenseits westlicher Vergleichsmuster denkbar ist.
Betreuer: Prof. Dr. Christoph Kleine
Semantiken der Ganzheitlichkeit in der Integralen Szene in Deutschland – eine Ethnografische Studie
Der Integrale Ansatz – als soziales Deutungsmuster tief verwurzelt im US-amerikanischen Human Potential Movement der 1960er Jahre, den politisch subversiven Dynamiken der Counter Culture, den Diskursfiguren der New Age-Bewegung sowie den Ansätzen der transpersonalen Psychotherapie – zählt zu einem der einflussreichsten 'holistischen' Deutungsangebote im rezenten alternativ-religiösen Feld. Maßgeblich geprägt durch den Autor Ken Wilber, der als zentrale Initialfigur gilt, hat sich im deutschsprachigen Raum seit den 1990er Jahren eine Szene herausgebildet, die sich u.a. in privaten regionalen Gesprächsformaten, öffentlichen Seminaren und vielfältigen erlebnisorientierten Eventformaten organisiert. Diese hier als Integrale Szene zu bezeichnende Gruppierung versteht sich als Teil einer transnationalen Bewegung, die im Bereich der 'Persönlichkeitsentwicklung' 'ganzheitliche' Formen von 'Wissen', 'Heilung' und 'Sinn' hervorbringt. Die Integrale Szene operiert damit in der Schnittmenge von alternativ-religiösen Selbstdeutungs-, Coaching- und therapeutischen Dienstleistungsangeboten.
Die Erforschung dieser Szene ist religionswissenschaftlich bedeutsam, da hier exemplarisch sichtbar wird, wie Religion in der Spätmoderne in therapeutischen, alltagspraktischen und subjektkonstituierenden Diskursen fortwirkt. Der integrale Ansatz bedient sich u.a. christlicher, esoterischer und außereuropäisch-religiöser Wissensbestände und postuliert ein "integrales" Subjekt, das an der im Human Potential Movement populär gewordenen und religionswissenschaftlich elaborierten Figur Abraham Maslows self actualization anknüpft. Die Analyse eröffnet Einblicke in die Transformation religiöser Semantiken der Sinnproduktion – ihre 'ganzheitliche' Interpretation von religiösen sowie als wissenschaftlich geltenden Wissensbeständen – und ihre Einbettung in den marktförmigen Dienstleistungssektor der Spätmoderne.
Im Zentrum der Promotion stehen Semantiken der Ganzheitlichkeit, die innerhalb dieser Szene in Praxis, Diskurs und Selbstbeschreibung eine zentrale Rolle einnehmen und als zeitgenössische Ausdrucksformen der Transformation von Religion interpretiert werden können.
Mit ethnografischen und biografischen Forschungsmethoden soll untersucht werden, welche Faktoren (etwa biografische Narrationen, Kategorien religiösen Handelns und Erlebens oder Bedarfe nach sinnhafter Orientierung in der Komplexität der Spätmoderne) zur (Re-)Produktion von Semantiken der Ganzheitlichkeit beitragen. Zugleich wird betrachtet, wie diese Semantiken soziale Dynamiken strukturieren, die wiederum in die konkrete Lebenswelt der Subjekte innerhalb wie außerhalb der Szene ausstrahlen.
Ein weiteres Erkenntnisinteresse richtet sich auf die Rolle des therapeutischen Dienstleistungssektors, in dem alternativ-religiöse Semantiken performativ wirksam werden. Aus religionssoziologischer Perspektive soll der Frage nachgegangen werden, inwiefern diese Semantiken an übergreifende Diskurse der Spätmoderne anschließen und spezifische Formen religiöser Sinnproduktion hervorbringen und womöglich als Antwort auf gegenwärtige gesellschaftliche Herausforderungen gelesen werden können.
Betreuer: Prof. Dr. Sebastian Schüler
Neopaganismus europäischen Ursprungs in Mexiko-Stadt
Der Forschungsgegenstand des vorliegenden Dissertationsprojekts sind religiöse Phänomene in Mexiko-Stadt, die sich als Neopaganismus europäischen Ursprungs einordnen lassen. Es soll herausgefunden werden, wie diese Formen von Neuheidentum konzipiert werden. Dazu ist von Interesse, wie sie in einem außereuropäischen Rahmen adaptiert, gedeutet und gelebt werden sowie die Frage, inwiefern es sich dabei um Religiosität handelt, da einige der Phänomene von Forschungsinteresse religiöse Aspekte in einen nicht zwingend religiösen Kontext einbinden, beispielsweise Kunst oder Sport.
Mexiko ist ein vom Katholizismus geprägtes Land und die Mehrheit der Glaubensvorstellungen und religiösen Praktiken kann als christlich kategorisiert werden. Abgesehen davon existiert eine weite Bandbreite alternativer Religionen verschiedenen Ursprungs, zum Beispiel afroamerikanischer Herkunft, neureligiöse Bewegungen und die Religionen der über sechzig indigenen Völker Mexikos, über die eine Vielzahl wissenschaftlicher Arbeiten publiziert wurden. Ein bisher weithin unbeforschtes Feld bieten die verschiedenartigen Strömungen neopaganer Religiosität in der mexikanischen Hauptstadt, die von Wicca über Asatheismus/Asatru bis hin zu Göttinnenspiritualität und deren Mischformen oder lediglichen Einbindung in individuelle Spiritualität reichen. Ihre Präsenz wird sowohl digital – auf einschlägigen Facebookgruppen und Internetseiten – als auch an thematisch gestalteten Orten wie dem Salem Witch Store and Coffee, auf gemeinschaftlichen Events, Feiern der Jahrkreisfeste und Workshops zu diversen neuheidnischen Praktiken sichbar.
Mit einem auf Grounded Theory basierenden Forschungsdesign sollen daher schwerpunkthaft die Informationsquellen neuheidnischen Gedankenguts, dessen Deutung und Adaptation im Lebensalltag sowie die Wechselwirkung mit den entsprechenden Weltanschauungen untersucht werden.
Betreuer: Prof. Dr. Sebastian Schüler
Problematisch, vage, fragwürdig? – Robert Hertz und der durkheimsche Begriff der Seele. Eine Untersuchung zur Interpretation und Bedeutung der Studie über die kollektiven Vorstellungen vom Tod.
Robert Hertz hatte sich einer soziologischen Untersuchung der Religion verschrieben, die bis heute kaum nennenswerte Beachtung gefunden hat. Dies ist einer der Gründe, warum die Fragestellungen und Thesen sowie die Bedeutung seiner Studie über kollektive Vorstellungen vom Tod nach wie vor falsch eingeschätzt werden. In dieser Hinsicht sprechen die durchweg negativen Bewertungen der Auseinandersetzung des Autors mit dem Begriff der „Seele“ für sich und leiten den Titel dieser Dissertation ein.
Meine These lautet, dass die vermeintliche Schwäche der Studie in Wirklichkeit ihre Stärke ist. Abgesehen davon, dass Hertz mit dieser Abhandlung einen bedeutenden Beitrag zur Klärung der Begriffe „kollektives Bewusstsein“ und „Repräsentation“ leistet, operationalisiert er ein soziologisches Konzept der Seele, das in der Durkheim-Schule sukzessive entwickelt wurde und das sowohl für das Phänomen des sozialen Todes als auch für die ihm zugrunde liegende Sozialtheorie entscheidend ist.
Der Inhalt dieser Dissertation besteht aus einer Exegese des gesamten Textes, einer Analyse der Theorie und Methodik der Studie sowie deren Synthese mit rund 20 ausgewählten Beiträgen von Durkheim, Mauss und Hubert unter Berücksichtigung programmatischer, methodischer und thematischer Neuausrichtungen. Die vorliegende Dissertation befasst sich somit mit charakteristischen Forschungsschwerpunkten der Gruppe in ihrer Entwicklung von der Theorie der Heterogenität des Sozialen und des Individuums hin zur Theorie der Autorität kollektiver Vorstellungen.
Aus dieser Perspektive lassen sich einige gängige, aber unzutreffende Einschätzungen des religionssoziologischen Denkens dieser Autorengruppe revidieren; fundierte Einschätzungen hingegen können weiterentwickelt werden.
Schlüsselwörter: Übergangsriten als kommunikatives Problem; Dynamiken sozialer Integration und Desintegration; Kernvorstellungen des kollektiven Bewusstseins; Grenzen sozialer Ordnungssysteme; Ökonomie des Sozialen; Identitätskonstruktionen; dépense; Tabu; sacré; Mythos; Klassifikationssysteme; Solidarität; Partizipation; Transgression; Leidenschaft; Feier; Anthropologie der Moderne
Betreuer: Prof. Dr. Dr. Hubert Seiwert
Religionspolitik während der Französischen Revolution Vom Schisma bis zum Konkordat
Im Gegensatz zu Ansätzen, die das Entstehen säkularer Staaten alsRationalisierungsprozesse deuten, weisen sakraltheoretische Ansätze darauf hin, dass die Entstehung ,moderner‘ Nationalstaaten - die in vorliegender Arbeit am Fallbeispiel der Französischen Revolution veranschaulicht wird - mit Phänomenen einherging, die analog zur achsenzeitlichen Gründung religiöser Ordnungen sind.
Zielsetzung des vorliegenden Dissertationsprojektes ist es, den Blick über die Sakralisierung der Nation hinaus darauf zu richten, wie das plurale religiöse Feld – inklusive der jeweiligen lokalen Konsequenzen - in Frankreich während der Revolution in den Staat integriert wurde. Ausgangspunkt hierfür ist die politische Reform der katholischen Kirche in Frankreich, die 1791 in ein Schisma mit Rom mündete. Darüber hinaus gilt es aber auch zu erforschen, inwieweit die nichtkatholischen Religionsgemeinschaften das ihnen zugestandene Recht auf Religionsfreiheit ausüben konnten und zu welchen Spannungen dies sowohl mit dem schwindenden Establishment der katholischen Kirche als auch mit dem Staat führte. In der Forschung zur Französischen Revolution sind nichtkatholische Religionsgemeinschaften in Gesamtdarstellungen bislang weitestgehend unterbeleuchtet geblieben sind (Rita Hermon-Belot).
Der erhoffte Mehrwert der Arbeit liegt darin aufzuzeigen, dassdas Konzept der Laizität, lediglich eines unter anderen Modellen darstellt, die in der Phase der Französischen Revolution politisch experimentiert wurden. Demnach bestünde die religionspolitische Errungenschaft der Revolution nicht in einem spezifischen Typ von Säkularität, sondern in einer Abfolge unterschiedlicher Modelle, deren Gemeinsamkeit darin besteht, dass nur jene religiöse Gemeinschaften vom Staat als legitim erachtet wurden, deren Akteure die sakrale Oberhoheit des Staates anerkannten.
Betreuer: Prof. Dr. Sebastian Schüler
Eine Analyse der intellektuellen Beiträge von Seyyed Javad Miri zu Pluralismus, Religion und Identität
Diese Studie untersucht die intellektuelle Entwicklung von Seyyed Javad Miri, einem modernen iranischen Philosophen, und beleuchtet dabei insbesondere seine Sichtweisen auf Vielfalt, Religion und Identität. Miris Ideen stellen eine kritische Alternative zu den vorherrschenden religiösen Narrativen dar, vor dem Hintergrund der anhaltenden Erosion islamischer Diskurse im Iran. Diese Studie zielt darauf ab, zu ermitteln, ob Miris pluralistische Vision einen gangbaren Diskurs zur Lösung der soziopolitischen und kulturellen Sackgassen im Iran bietet, indem sie die Entwicklung seiner Ansichten und die Elemente untersucht, die seine intellektuelle Entwicklung beeinflusst haben.
Miris intellektuelle Beiträge entspringen einer einzigartigen Mischung aus soziologischer Forschung und philosophischer Reflexion, die sich aus verschiedenen Quellen inspirieren lässt, insbesondere von iranischen reformorientierten Intellektuellen wie Ali Shariati. Diese Studie wird analysieren, wie Miris Rahmenkonzept vorherrschende religiöse Paradigmen hinterfragt und neue Wege aufzeigt, um Identität und Pluralität in einer stark fragmentierten Gesellschaft anzugehen.
Die Forschung zielt darauf ab, Miris philosophische Entwicklung zu beleuchten und kritisch zu bewerten, ob sein pluralistischer Ansatz eine alternative Erzählung in einem Kontext bieten könnte, in dem konventionelle islamische Diskurse an Bedeutung verloren haben. Diese Studie soll eine breitere Diskussion über den Einfluss der Religion auf Identität und das Potenzial des Pluralismus als Vermittler zwischen konkurrierenden ideologischen Strömungen im Iran und darüber hinaus anregen.
Betreuer: Prof. Dr. Markus Dreßler
Traditionsvermittlung und kollektives Gedächtnis im Alevitentum auf der Grundlage religiös-philosophischer Gesänge
Bis etwa Mitte des 20. Jahrhunderts lebten türkisch-, kurmancî- und zazakî-sprachige alevitische Stammesgruppen vorwiegend in entlegeneren Gebieten Anatoliens und waren durch die Organisation von den als heilig geltenden Familien (ocak) miteinander vernetzt, die über Jahrhunderte hinweg die Kontinuität der Religionskultur primär durch orale Vermittlung des identitätsrelevanten Wissens gewährleisteten. Die spirituellen Meister (dede, pir, baba) waren für die Ausbildung und Glaubenspraxis ihrer Adepten (talip) zuständig, wobei neben manchen schriftlichen Manuskripten religiös-philosophische Gesänge, die sogenannten deyiş und nefes, eine wichtige mediale Funktion bei der Überlieferung von religiöser Weltanschauung, historischer Rückführung und ideeller Legitimierung der Tradition erfüllten.
Das Forschungsprojekt strebt eine hermeneutische Annäherung an die deyiş/nefes als traditionseigene Medien der Aleviten an, wobei übergeordnet der Frage nachgegangen wird, welche identitätsstiftende Potenziale den Texten hinsichtlich der Vermittlung des religiösen Selbstverständnisses zugesprochen werden können. Die Arbeit besteht aus einem theoretisch-konzeptionellen sowie einem empirisch-analytischen Teil.
Der erste Teil befasst sich mit der Rezeption der alevitischen Gesangstradition im türkischsprachigen Forschungsdiskurs ab dem frühen 20. Jahrhundert aus ideologiekritischer Perspektive und diskutiert die darin gängigen Paradigmen hinsichtlich ihrer konzeptionellen Tragweite. Anschließend sollen ausgehend von erinnerungstheoretischen, medien- bzw. kulturwissenschaftlichen Ansätzen Grundlagen für eine alternative Neukonzeption der Gesangstradition diskutiert werden, die über den Horizont der bisherigen Forschung zum Thema deyiş/nefes hinausgehen möchte.
Im zweiten Teil der Arbeit sollen anhand einer qualitativen Textanalyse von Gedichten aus der Zeit zwischen dem 16. Und dem 19. Jahrhundert Bereiche des alevitischen Selbst- und Traditionsverständnisses herausgearbeitet werden. Der Fokus richtet sich auf poetische Darstellungsformen, indem sie Formulierungen unter den Gesichtspunkten politischer Imagination, sozio-ethischer Regulierung, metaphysischer Fundierung und ideell-historischer Legitimierung der Religionstradition in einem intertextuellen Vergleich erfasst. Dabei soll das Meister-Schüler-Verhältnis (pir-talip ilişkisi) den Leitfaden der Analyse bilden und bei der Ausarbeitung und Diskussion der genannten Themenschwerpunkte orientierungsgebend fungieren. Es wird als ideell gedachtes Konstrukt für den Deutungshorizont vorausgesetzt, um eine funktionsorientierte Behandlung der Textbeispiele im Kontext der dynamischen Traditionsvermittlung zu unternehmen und Darstellungsformen als rhetorische Strategien zu interpretieren, die in der Konfrontation zwischen dem lyrischen Ich und dem Rezipienten die Verbindlichkeit des rezipierten Wortes stärken.
Betreuer: Prof. Dr. Markus Dreßler
Der neue Mensch zwischen Esoterik und Sozialismus in Bulgarien
Meine Doktorarbeit befasst sich mit Ljudmila Schiwkowa (1942–1981) – einer der einflussreichsten Politikerinnen des Spätsozialismus in Bulgarien und Tochter des Vorsitzenden der Bulgarischen Sozialistischen Partei, Todor Schiwkow (1911–1998). Ein kurzer Blick auf Zhivkovas Kulturpolitik offenbart ihre doppelte Rolle als religiöse und politische Akteurin in der bulgarischen Gesellschaft. Sie war nicht nur persönlich von den theosophischen Lehren von Nicholas und Helena Roerich, Helena Blavatsky, Rudolf Steiner und Petar Dunov beeinflusst, sondern sah in ihnen auch ein Mittel zur politischen Verwirklichung des „neuen sozialistischen Menschen“ und versuchte, sie auf nationalpolitischer Ebene umzusetzen. In ihren politischen Reden auf wichtigen Kongressen der Bulgarischen Kommunistischen Partei bediente sie sich eher esoterischer als marxistischer Semantik und förderte pseudowissenschaftliche Institute sowie Forschungen in den Bereichen Parapsychologie, Hypnose und Hellsehen.
Als Verantwortliche für die Bereiche Kultur, Bildung, Medien, Wissenschaft, Sport und Verlagswesen in Bulgarien verwandelte Zhivkova diese Institutionen in Zentren der Wissenschaft und Schulbildung und integrierte esoterische Symbole in zentrale Gebäude, die unter dem Sozialismus errichtet worden waren. Zudem pflegte sie gute Beziehungen zur bulgarisch-orthodoxen Kirche und organisierte Ausstellungen orthodoxer Ikonen. Diese Elemente ihrer Kulturpolitik, die im Widerspruch zur allgemeinen antireligiösen Agenda der Sowjetunion standen, führten zu innen- und außenpolitischen Spannungen. Ich werde untersuchen, wie dies in einem atheistischen sozialistischen Land möglich war, indem ich die (1) rhetorischen, (2) materiellen und (3) persönlichen Ressourcen analysiere, die Zhivkova zu diesem Zweck mobilisieren konnte.
*Förderung durch die Deutsche Wissenschaftsstiftung 2020–2023*
Betreuer: Prof. Dr. Horst Junginger
Lessings „Erziehung der Menschheit“ als historisch-philosophisches Modell der Säkularisierung
„Die Erziehung der Menschheit“ von Gotthold Ephraim Lessing – erstmals 1780 in vollständiger Fassung erschienen – ist ein historisch-philosophisches Modell der Säkularisierung, das auf die Herausforderung reagierte, die die raschen Modernisierungsprozesse am Ende des 18. Jahrhunderts für die etablierten europäischen religiösen Traditionen darstellten. Ausgehend von Lessings produktiver Rezeption der Philosophie der Aufklärung präsentiert es das Konzept der Abschaffung der Religion als einen für seine Zeit neuartigen Säkularisierungsprozess und liefert eine historische Grundlage für die Religionskritik. Im Hinblick auf moderne Säkularisierungstheorien in der Religionswissenschaft kann Lessings Modell als deren philosophische „Vorgeschichte“ verstanden werden, insofern darin konzeptionelle Grundannahmen der religionsgeschichtlichen Theoriebildung, die bis heute kontrovers diskutiert werden, vorweggenommen und in der Wirkungsgeschichte zur Entfaltung gebracht wurden. Um diese konzeptuelle Tiefe der Erziehungsschrift plausibel zu machen, müssen ihre philosophischen Prämissen und deren Transformation in Lessings Denken ideengeschichtlich rekonstruiert und erläutert werden. Auf dieser Grundlage lässt sich der bislang unerforschte Einfluss der Erziehung der Menschheit auf spätere Geschichtsauffassungen – zentral die von Hegel – und damit ihre allgemeine Bedeutung für moderne Säkularisierungskonzepte nachzeichnen.
Betreuer: Prof. Dr. Horst Junginger
Klanglandschaften Alevitischer Religionspraktik
Diese Dissertation untersucht zeitgenössische musiktherapeutische Praktiken in der Türkei, die sich auf den Sufismus, osmanische medizinische Traditionen und wissenschaftliche Diskurse stützen, um ein therapeutisches Modell zu entwickeln. Mit dem Schwerpunkt auf der Verflechtung von Spiritualität und Wissenschaft untersucht die Studie, wie solche Praktiken vor dem Hintergrund der republikanischen Vergangenheit der Türkei mit historischen Spannungen zwischen Religion und Säkularismus umgehen und diese aushandeln. Durch eine genaue Lektüre relevanter Diskurse, Performances und öffentlicher Materialien – ergänzt durch teilnehmende Beobachtung und Interviews – untersucht die Forschung, wie Spiritualität (maneviyat) anstelle von Religion (din) mobilisiert wird. Historisch fundiert verortet die Dissertation diese zeitgenössischen Praktiken und Diskurse in drei unterschiedlichen Epochen der Türkei: der frühen republikanischen Säkularisierung, der Kulturalisierung der Religion in der Mitte des 20. Jahrhunderts und dem Aufkommen eines Neo-Spiritualismus, der sowohl Metaphysik als auch Positivismus umfasst. Besondere Aufmerksamkeit gilt der Anwendung der Makam-Therapie, die in der osmanischen Medizintheorie verwurzelt ist, als Legitimationsgrundlage sowohl für Spiritualität als auch für Wissenschaft. Letztendlich argumentiert die Studie, dass diese musiktherapeutischen Praktiken einen fortwährenden Versuch veranschaulichen, die Spaltung zwischen zwei Formen der Wissenschaft (bilim und ilim) zu überbrücken, und dabei umfassendere kulturelle Dynamiken rund um Heilung, Klang und Modernität in der heutigen Türkei offenbaren.
Betreuerin: Jun.-Prof. Dr. Mariam Goshadze
Historische Perspektiven religiöser Vielfalt im Kontext: Eine vergleichende Studie zu Shahrastani und Alexander Ross
Diese Dissertation befasst sich damit, wie zwei einflussreiche, aber deutlich unterschiedliche Denker – Abū al-Fatḥ al-Shahrastānī, ein muslimischer Gelehrter des 12. Jahrhunderts, und Alexander Ross, ein europäischer Gelehrter des 17. Jahrhunderts – die Aufgabe der Klassifizierung der Weltreligionen angegangen sind. Zwar stellt diese Studie ihre Werke, al-Milal wa al-Niḥal und Pansebeia, in direkten Dialog zueinander, behandelt sie jedoch nicht bloß als vergleichbare Datenpunkte. Vielmehr geht sie von einer umfassenderen Frage aus: Welche intellektuellen Voraussetzungen, kulturellen Verpflichtungen und rhetorischen Entscheidungen ermöglichen es, religiöse Vielfalt in ein erkennbares, geordnetes Objekt zu verwandeln? Bei der Auseinandersetzung mit dieser Frage wirft die Studie eine Reihe tiefergehender Fragen auf: zum Verhältnis von Wissen und Macht, zu den epistemologischen Herausforderungen der Klassifizierung von Glaubensvorstellungen und zu den Spannungen zwischen Darstellung und Widerlegung, die beiden Projekten zugrunde liegen.
Diese Studie vertritt die Auffassung, dass solche religiösen Kompendien nicht nur als theologische oder polemische Texte betrachtet werden sollten, sondern als reichhaltige Quellen für das Verständnis der historischen Entstehung religiösen Wissens. Klassifizierung, Polemik und Apologetik, die oft als feststehende Techniken oder rhetorische Gewohnheiten behandelt werden, werden hier als historisch bedingte Strategien neu beleuchtet; die Ängste vor religiösen Unterschieden, das Streben nach epistemischer Ordnung und die umfassenderen Rahmenbedingungen von Übersetzung, Handel und intellektuellem Austausch, die solches Wissen ermöglichten, werden hier als historisch bedingte Strategien neu beleuchtet; die Ängste vor religiösen Unterschieden, das Streben nach epistemischer Ordnung und die umfassenderen Rahmenbedingungen von Übersetzung, Handel und intellektuellem Austausch, die solches Wissen ermöglichten.
Betreuer: Prof. Dr. Christoph Kleine
Die Auseinandersetzung der Buddhisten Ostasiens mit dem „ursprünglichen Buddhismus” als innerreligiöse Begegnung am Beispiel des modernen Korea
Zusammenfassende Vorstellung der Forschungsthematik, Fragestellung und Hypothesender Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde
Die buddhistische Landschaft in Korea wird zu Beginn des 21. Jahrhunderts immervielfältiger. Dabei zeigt die buddhistische Öffentlichkeitauch eine erstaunliche Offenheit und Zugänglich-keit für die Begegnung und Auseinandersetzung mit den Lehren und Praktiken des nicht-mahāyānischen sogenannten „südlichen” oder „ursprünglichen Buddhismus” inGestalt des Theravāda-bzw. Pāḷi-Buddhismus, derin Lehre und Praxis denkbar weit außerhalb dessinitischenMahāyāna-Buddhismus und darin bzw. damit eng verbunden desChan/Zen/Sŏn-Buddhismus liegt, welchem der Buddhismus in Korea in seiner Hauptströmung zugehört.Nach einer ersten Erkundung relevanter Quellenmaterialien und allgemeinen Beobachtungen ist dieBegegnung koreanischer Buddhisten mit dem ihnen kaum vertrauten aber als besonders ursprünglich erscheinenden und sicher auch mit dem Reiz des Exotischen behafteten Theravāda und dem eng damit verbundenen Kategorem „ursprünglicher Buddhismus” äußerst vielgestaltig undreicht vom pragmatischen Rückgriff auf Versatzstücke Theravāda-buddhistischer Medita-tionsübungen und auf Schriften des Pāḷi-Kanons über indviduelle oder organisierte Pilgerreisen zu buddhistischen Stätten in Süd- und Südostasien bis hin zur tatsächlichen Identifikation mit dem „südlichen Buddhismus” durch selbstgewählte Hinwendung an einen in Korea aktiven Theravāda-Mönch aus dem Ausland oder sogar durch Eintritt in den „Han’guk T’erawada Pulgyo”, die 2008 offiziell auf koreanischem Boden gegründete Theravāda-Organisation. Kann dieses vielgestaltige Übertreten lang etablierter Abgrenzungen innerhalb des Buddhismus hier aber wirklich so kritiklos und konfliktfrei vor sich gehen? Es sind in der koreanischen Debatteaktuell bereits Begriffe wie „multibuddhistische Situation“ (ko. tabulgyojŏk sanghwang多佛敎的狀況) u. ä. im Umlauf, mit denen die für diese Veränderungen im zeitgenössischen Buddhismus in Korea sensiblen Buddhisten (und auch Nichtbuddhisten) die beschriebene Dynamik begrifflich zu erfassen und sich in ihr zu positionieren versuchen. Die Fragestellung der Dissertation ist im Kern, wie die Begegnung und Auseinandersetzung koreanischer Buddhisten mit dem nicht-mahāyānischen, nicht-sinitischen Buddhismus (als religiöse Realität Süd- und Südostasiens einerseits und als schriftliches Zeugnis im Pāli-Kanon andererseits) als Symptom einer Suche nach religiösen „Ursprüngen” bzw. „unverfälschten” Ur-formen und der entsprechenden Neuformulierung eigener Grundhaltungen erfasst werden kann, die sich in der Moderne über alleregionalen undreligiösen Grenzenhinweg vorfinden lässt. Dabei ist natürlich auch von Interesse, worin das Besondere und mithin das Erklärungsbedürftige der Entwicklungen im Fall deskoreanischen Buddhismus liegt und was uns das über seine innere Verfasstheitals einer Diskurs- und Brauchtumsgemeinschaft sowie seinen modernen Formenwandel verrät. Dazu kommen sekundäre Anschlussfragen, etwa welchen Aufschluss uns die Geschichte dieser Begegnung über charakteristische Eigenschaften des hauptsächlich von der Taehan PulgyoCho-gyejong 大韓佛敎曹溪宗 vertretenen koreanischen Buddhismus und über die Selbstverortung seiner ordinierten Mitglieder und seiner Laienanhänger innerhalb der Welt des Buddhismusgibt, die in einer Zeit immer unübersichtlicherer Globalisierungseffekte, De- und Relokalisierungsprozesse und Autoritätsverschiebungen in der religiösen Landschaft Koreas große Dringlichkeit zu besitzen scheint, und inwieweit schließlich der Aussage zuzustimmenoder zu widersprechen ist, dass sich diese Pluralisierung des Buddhismus in Korea wirklich in besonderer oder sogar einzigartiger Art und Weise vollzieht. Die zentrale Hypothese der Arbeit lautet, dass es eine historische Herleitung der spezifischen Struktur und Identität des koreanischen Mainstream-Buddhismus ermöglicht, seine überraschende relative Offenheit und Pluralität als komplexe Aneignungs- und Abgrenzungsdynamik innerhalb der modernen Neuverortung des koreanischen Buddhismus in der „Welt des Buddhismus” oder im „globalen Buddhismus” zu begreifen und zu erklären. Daher ist auch ein vergleichender Ausblick auf die Situation in anderen klassischen Mahāyāna-Ländern Ostasiens sinnvoll und notwendig, wobei dort wie auch für Korea gilt, dass die Forschung zur oben beschriebenen oder zu ähnlichen Begegnungskonstellationen in Asien überhaupt gerade erst beginnt, wozu das hier vorgestellte Dissertationsprojekt einen grundlegenden Beitrag leisten möchte.
Betreuer: Prof. Dr. Christoph Kleine
Abgeschlossene Promotionsprojekte
Dies ist eine Liste der abgeschlossenen Promotionen am Religionswissenschaftlichen Institut in Leipzig.
Yee Lak Elliot Lee
Negotiating Modern Sino-Muslim (Hui) Subjectivities, 1900-1960: Reforming Islamic religious episteme, piety, bodily knowledge, and economic relations in China (2025)
Benjamin Raßbach
Landscapes of Resistance – Sacred Places im Sinjar (Iraq) and the ISIS Genocide against Yezidis, 2023
Thomas Krutak
Die Imagination von Konversion in Indien: die Religionsfreiheitsgesetze, ihr koloniales Erbe und ihre Wirkung auf das Christentum im 21. Jahrhundert, 2021
Markus Vollert
Zwischen Integration und Rückzug. Der Rechtskonflikt um die Zwölf Stämme. Eine Fallstudie zum staatlichen Umgang mit religiösem Nonkonformismus in Deutschland, 2021
Jörg Albrecht
Vom „Kohlrabi-Apostel” zum „Bionade-Biedermeier”. Zur kulturellen Dynamik alternativer Ernährung, 2019
Jeannine Kunert
Der Juden-Könige zwei – Zum deutschsprachigen Diskurs über Sabbatei Zwi und Oliger Paulli. Nebst systematischen Betrachtungen zur religionswissenschaftlichen Kategorie Endzeit und sozio-diskursiven Wechselwirkungen, 2018
Inna Feigina
Religion und Veränderung: Jüdische Immigranten aus der ehemaligen Sowjetunion, 2017
Christiane Altmann
Authentisches Judentum oder gefährlicher Messianismus? Die Kontroverse um Chabad Lubavitchs meshichists in den USA, 2016
Christan Espig
Die „Soziale Morphologie” als methodischer Zugang einer lokalen Religionswissenschaft am Beispiel des Fürstentums Reuß ä.L., 2016
Judith Zimmermann
„Sozialismus als aktive Soziologie.” Das Verhältnis von Politik und Sozialwissenschaft in der Durkheimschule am Beispiel von Robert Hertz aus religionswissenschaftlicher Perspektive, 2015
Moritz Deecke
Biografie & Ekstase. Außeralltägliches Bewusstsein in der narrativen Rekonstruktion, 2015
Ute Wegert
Die Säkularismus-Debatte in Indien: Indigene Tradition oder hegemoniales Konzept?, 2015
Sarah Jahn
Religion – Recht – Verwaltung. Eine Untersuchung der Rechtspraxis von positiver Religionsfreiheit im Strafvollzug der Bundesrepublik Deutschland, 2015
Christiane Königstedt
Religiöser Nonkonformismus und Laizität – kulturelle Konflikte um „Religion” am Beispiel der Guerres des Sectes in Frankreich, 2014
Daniel Eißner
Religiös auffällige Handwerker um 1700. Zur religiösen Selbstermächtigung in der Frühen Neuzeit, 2014
Nicolas Broy
Die religiöse Praxis der Zhaijiao („vegetarische Sekten”) in Taiwan, 2014
Bernadett Bigalke
Von Aura bis Yoga: Die Leipziger alternativ-religiöse Szene um 1900 am Beispiel der internationalen theosophischen Verbrüderung, 2013
Anna-Konstanze Schröder
Konversionserleben als Schnittpunkt der psychologischen und soziologischen Forschungsperspektive auf den Konversionsprozess. Eine religionspsychologischer Zugang für die Religionswissenschaft und eine neue Konversionstheorie, 2013
Johannes Graul
Nonkonforme Religionen im Visier der Staatsgewalt. Eine Untersuchung am Beispiel der Mazdaznan-Religion im Deutschen Kaiserreich anhand von sächsischen Polizei- und Verwaltungsakten, 2012
Johanna Lüdde
Die Funktionen der Konversation chinesischer Studierender in Deutschland zum Christentum (protestantischer Prägung) am Beispiel einer chinesischen christlichen Gemeinde in einer deutschen Großstadt, 2011
Jeong Hwa Choi
Religion als Weltgewissen. Rudolf Ottos Religiöser Menschheitsbund und das Zusammenspiel von Religionsforschung und Religionsbegegnung nach dem Ersten Weltkrieg, 2011
Katharina Neef
Gesellschatswissenschaft zur Kulturbeherrschung. Zur Entstehung der deutschsprachigen Soziologie aus der Sozialreform, 2010
Zhejun Yu
Volksreligion im Spiegel der Zivilgesellschaftstheorie: Gottbegrüßungsprozession in Shanghai während der Republikzeit, 2010
Hanno Willenborg
„Denn Gefühl in seinem Ursinn ist ...” Die klassischen Emotionstheorien von Charles Darwin, Wilhelm Wundt, William James und William McDougall im Vergleich zu Rudolf Ottos gefühlszentrierten Religionstheorie des Numinosen, 2010
Claudia Wustmann
Die „begeisterten Mägde” – mitteldeutsche Prophetinnen im Radikalpietismus Ende des 17. Jahrhunderts, 2008
Frank Neubert
Charisma und soziale Dynamik: Religionswissenschaftliche Untersuchungen am Beispiel von Śrī Rāmakrṣṇa und Svāmī Vivekānanda, 2005
Maximilian Oettinger
Der Fluch – Zur Dynamik finaler Sanktionierung in sakralen Gesellschaften der jüdischen und christlichen Tradition, 2005
Lutz Rogler
Suche nach einem „progressiven Islamverständnis”: Untersuchungen zu Diskurs und Praxis einer Gruppe islamischer Intellektueller in Tunesien, 2004
Thomas Hase
Zivilreligion. Religionswissenschaftliche Überlegungen zu einem theoretischen Konzept am Beispiel der USA, 2000
Andreas Christmann
Der Fastenmonat Ramadān und das Fastenabschlußfest cid al-ƒitr in Damaskus – Zur sozialen Wirkungsweise islamischer Rituale und zu Aspekten des Traditionswandels, 1998
Alema
Die Beziehungen zwischen Afghanistan und Deutschland in den Jahren 1919 bis 1929, 1994