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Veranstaltungsort: Humboldt-Universität zu Berlin

Im Rahmen der Jahrestagung der Gesellschaft für Musikforschung 2022 in Berlin haben Patrick Becker-Naydenov und José Gálvez (Universität Bonn) gemeinsam den Roundtable „Listening from (No-)Where? Situierung/Positionierung im Hören, Denken und Analysieren von/über Musik“ organisiert. Auf die fünf Impulsbeiträge wird Prof. Dr. Sebastian Klotz (Humboldt-Universität zu Berlin) mit einer Respondenz reagieren.

Roundtable: Listening from (No-)Where? Situierung/Positionierung im Hören, Denken und Analysieren von/über Musik

Beschreibung

Klare Grenzen zeichnen lange nicht mehr die Lage zeitgenössischer Musikforschung aus. Dies ist beispielsweise in der zunehmend globalen Perspektive musikhistorischer Forschung etwa bei Strohm (2018) oder Janz & Yang (2019) erkennbar. Vor allem zeigt sich diese Entgrenzung aber in Studien, die – folgt man Michel Foucault – besonders einen Fluchtpunkt geisteswissenschaftlicher Forschung seit dem 19. Jahrhundert massiv dezentrieren: ›den Menschen‹. Während etwa Tomlinson (2015) Musikgeschichte im Umfang von mehreren hunderttausend Jahren vor dem Auftreten des Homo sapiens erzählt, untersucht Trippett (2017) ein transhumanes Hören und Chua & Rehding (2021) schwebt nichts Geringeres als eine intergalaktische Musiktheorie vor, die ›den Menschen‹ und ›die Welt‹ hinter sich lassen will.

Stehen Originalität und Anknüpfungsfähigkeit dieser Studien außer Frage, so lassen sie ein Spannungsfeld von Forschungsansätzen erkennen, die von einer starken Situierung und Positionierung ausgehen, wie sich dies etwa bei Müller (2018) bezüglich der Analyse von Sexismus im musikalischen Klang oder bei Robinson (2020) hinsichtlich indigener Musik und damit zusammenhängender Formen kritisches Musikhörens äußert. Sicherlich gehört die Einsicht in die Notwendigkeit von Situierung und Positionierung für bestimmte Fragestellungen seit langem zum Selbstverständnis der Musikethnologie und zu einem geringeren Maß gilt dasselbe auch für die Musikgeschichtsschreibung. Allerdings scheint Situierung und Positionierung in systematisch ausgerichteten Ansätzen der Musiktheorie und Musikphilosophie vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit zuzukommen.

Informiert von Donna Haraways Plädoyer für ein ›situiertes Wissen‹ sowie von Thomas Nagels ›Blick von nirgendwo‹ stellt dieser Roundtable die Frage nach der Situierung und Positionierung im Hören, Denken und Analysieren von/über Musik zur Diskussion. Mehrere epistemologische und fachpolitische Problemstellungen ergeben sich aus dieser Frage: (1) Ob und inwiefern sind die diskursiven und medientechnischen Bedingungen von Wissensproduktion in Musiktheorie und -philosophie lokal, spezifisch und begrenzt? (2) Welche kultur- und medienhistorisch spezifischen Formen des Hörens, Denkens und Analysierens von/über Musik werden durch diese Bedingungen ermöglicht oder unmöglich gemacht? (3) Inwiefern sind für die Musikforschung jene Perspektiven sinnvoll, die Situierung/Positionierung etwa in Ansätzen zu ›Atmosphären‹ (Böhme 2013) oder zu einem ›agentiellen Realismus‹ (Barad 2012) reformulieren, beziehungsweise Situierung und Positionierung bewusst aufgeben, wie dies gerade etwa in der ›radikalen Medienarchäologie‹ (Ernst 2013) geschieht? (4) Was ist Forschungsansätzen abzugewinnen, die methodisch-theoretisch stark von ihrer Situativität und Positionalität ausgehen?

Innerhalb einer Forschungskultur, in der die philosophischen, philologischen und historischen Grundlagen der Geisteswissenschaften neu gedacht werden; in der die Kultur-, Medien- und Naturwissenschaften neue Allianzen eingehen; in der der Posthumanismus zu einem zentralen geisteswissenschaftlichen Themenkomplex avanciert, und in der identitätspolitische Themen mit einer starken Situierung und Positionierung immer näher an fachhistorische und methodische Diskussionen rückgekoppelt werden, stellt sich die folgende Frage vielleicht mit größerer Dringlichkeit als je zuvor: Von wo aus wird in der Forschung Musik gehört, gedacht und analysiert?

Beiträge
  • Dr. Alexander Wilfing (Österreichische Akademie der Wissenschaften): Politik, Kultur, Philosophie: Frühe Weichenstellungen der Musikwissenschaft und ihre Folgen
  • Friedlind Riedel (Bauhaus-Universität Weimar): Musikalische Mittel. Anthropomediale Verschränkungen am Ende der Welt
  • Roberta Vidic (Hochschule für Musik und Theater Hamburg): Situiertes Wissen und situiertes Lernen: zur Erforschung von theoretisch-praktischen Lehren aus der Basilica del Santo des frühen 18. Jahrhunderts
  • José Gálvez (Universität Bonn): Musikalische Werke/sonische Zeitmaschinen. Richard Kleins Frage nach der „musikalischen Zeit“ medienarchäologisch prozessiert
  • Prof. Dr. Magdalena Zorn (Goethe-Universität Frankfurt am Main): Hören als Miterfahrung: Das Geschichte der Musik
  • Prof. Dr. Sebastian Klotz (Humboldt-Universität zu Berlin): Respondenz 

Moderation: Patrick Becker-Naydenov (Universität Leipzig)

Abstracts und weitere Informationen finden Sie in der Programmbroschüre der GfM-Jahrestagung:

Programmbroschüre der GfM-Jahrestagung
PDF 18 MB

Erstellt von: Patrick Becker-Naydenov