Die sogenannte New History of Capitalism hat die historische Forschung in den vergangenen zwei Jahrzehnten maßgeblich verändert. Während zunächst vor allem die Entwicklung des Kapitalismus in den Vereinigten Staaten im Mittelpunkt stand, rückten zunehmend die europäischen Imperien, globale Handelsbeziehungen und die Verflechtungen verschiedener Weltregionen in den Fokus. Auch die Globalgeschichte hat entscheidend dazu beigetragen, Kapitalismus nicht mehr allein als nationale Entwicklung, sondern als globalen historischen Prozess zu verstehen.
Dabei spielen unter anderem die transatlantischen Handelsbeziehungen und die Geschichte der Versklavung eine zentrale Rolle. Sie zeigen, wie eng wirtschaftliche Entwicklungen, politische Machtverhältnisse und globale Verflechtungen miteinander verbunden waren. Doch welche Aspekte fehlen bislang in dieser Geschichte? Wie müsste eine neue globale Geschichte des Kapitalismus aussehen, wenn wir Kapitalismus nicht nur als Wirtschaftssystem, sondern als historischen Prozess betrachten?
Der Roundtable am 29. August setzte genau hier an. Die Diskussion richtete den Blick auf die Grenzen und Randbereiche des Kapitalismus – Bereiche, die viel zentraler für das Verständnis kapitalistischer Prozesse sind, als es die bisherige Konzentration auf ihre wirtschaftlichen Zentren vermuten lässt.
Zugleich geht es um eine weitere bislang häufig unterschätzte Dimension: die ethischen Voraussetzungen und Praktiken, durch die kapitalistische Ordnungen aufrechterhalten und ausgeweitet werden. Neben wirtschaftlichen Strukturen, globalen Verflechtungen und Interaktionen soll daher auch die Frage nach den sozialen und moralischen Aushandlungsprozessen gestellt werden, die mit der Entstehung und Ausbreitung des Kapitalismus verbunden sind.
Über diese Fragen diskutierten:
- Dmitri van den Bersselaar, Universität Leipzig, Institut für Afrikastudien
- Katja Castryck-Naumann, Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO)
- Jürgen Dinkel, Universität Leipzig, Historisches Seminar
- Megan Maruschke, Universität Leipzig, Global and European Studies Institute
- Stefanie Mauksch, Universität Leipzig, Institut für Sozial- und Kulturanthropologie
Der CISH feierte in diesem Jahr sein 100-jähriges Bestehen und brachte Historikerinnen und Historiker sowie Vertreter:innen benachbarter Fächer aus aller Welt zusammen, um über aktuelle Fragen, neue Perspektiven und zukünftige Entwicklungen der Geschichtswissenschaft zu diskutieren.