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Wie arbeiten Menschen mit Behinderung? Und welche Erkenntnisse erwachsen aus Dialog und partizipativer Forschung rund um ihre Perspektiven und Arbeitsrealitäten? Der internationale Thyssen-Workshop „Disabled Bodies at Work” ging diesen Fragen nach.

Unter der Rubrik “Disabled Bodies at Work: Utopias for Work Worlds Yet to Come” fand in der zweiten Juliwoche (7.-10.) ein internationaler Workshop zu einem Thema statt, das Gesellschaften nachhaltig beschäftigen wird. Wie arbeiten Menschen angesichts wachsender Raten von Behinderung und chronischen Erkrankungen? Die Frage stellt sich nicht nur für den so genannten Globalen Süden, wo Kriege, Umweltschäden oder prekäre Arbeitsbedingungen körperliche Gesundheit beeinträchtigen. Sie stellt sich auch für Deutschland und andere europäischer Länder, in denen sich Arbeitsorganisation an die Realität chronischer Erkrankungen und alternde „tätige“ Bevölkerung anpassen muss. In einer lebendigen Konversation zwischen Vertreter:innen der Fächer Sozial- und Kulturanthropologie, Geschichte, Medienwissenschaften, Soziologie, Wirtschaftswissenschaften und Regionalwissenschaften ging es darum, Erkenntnisse zu Arbeit und Behinderung aus verschiedenen Teilen der Welt zusammenzutragen. 

Teilnehmer:innen lieferten Einblicke in hochdiverse Zonen, in denen Menschen ein Auskommen suchen. Viele der Gruppen, die hier im Zentrum standen, werden in ihren Lebenskontexten stark stigmatisiert. Unter harschen Bedingungen finden sie Wege, um ökonomisch zu überleben. Das sind zum Beispiel Tansanier mit Albinismus, die bajaji (dreirädrige Tuktuks) fahren (Giorgio Brocco, Universität Wien) oder von Lepra betroffene Menschen in Südindien, deren Betteln strategisch ihre Körper nutzt und von ihnen als anspruchsvolle Tätigkeit kultiviert wird (James Staples, Brunel University). Michele Friedner lieferte einen Beitrag über die Auswirkungen von Quotenregelungen in Indien, und die spezifischen Arbeitserfahrungen, die aus selektiver Integration erwachsen. Unter Minenarbeitern in der Türkei ist „becoming accidented" (Unfälle, die zu Behinderungen führen) Teil der Risikoerwartung. Wie der Beitrag von Elif Irem Az (Harvard University) zeigte, übersetzt sich diese Gewöhnung an Risiko nach dem vernichtenden Erbeben von 2023 in die Fähigkeit, bei Erdbeben ad hoc Hilfe zu leisten und verschüttete Menschen zu befreien. Als staatliche Hilfe drei Tage lang stillstand, waren es selbstorganisierte Kollektive von Minenarbeitern, die hunderte Menschen aus dem Schutt zogen und Leichen bargen. 

Andere Beiträge kamen aus Ländern wie Großbritannien, Deutschland oder den USA. Sie zeigen, wie Arbeitsfähigkeit kategorisiert wird, und Menschen mit Diagnosen verschiedentlich versorgt oder ausgeschlossen werden (Kelly Fagan Robinson). Oder auch: Welche neuen technischen Tools werden für demente Menschen entwickelt und welche neuen Probleme bringen sie mit sich, und inwieweit bauen sie auf unbezahlter Pflegearbeit durch Angehörige? (Nancy Salem, University of Cambridge, London). Wie kam es, dass der US-amerikanische Unternehmer Henry Ford in den 1910ern und -20ern ein Drittel seiner Belegschaft mit Veteranen besetzte?, fragte wiederum die Historikerin Sarah Rose, die an der University of Texas, Arlington ein BA-Studienprogramm zu Disability Studies ins Leben gerufen hat. Sarah Karim von der Humboldt-Universität Berlin teilte Erkenntnisse dazu, wie Menschen mit kognitiven Behinderungen ihre Arbeit in deutschen Behindertenwerkstätten erleben, ihren Alltag gestalten, aber auch Widerstand und Missfallen artikulieren. Zuletzt ging es auch um unternehmerische Initiativen, von Firmen bis Aktivismus, die Menschen mit Behinderung auf neuen Wegen integrieren und neue Formen von Arbeit in die Welt setzen – zum Beispiel die Plattformarbeiter:innen in Singapur (Renyi Hong, University of Singapore) oder behinderte Betreiber:innen von Bushaltestellen-Shops im Sudan (Stefanie Mauksch, Universität Leipzig). Die Wissenschaftlerin Anica Zeyen widmet sich künstlerischen Interventionen und Formen von “disabled entrepreneurship”, die konventionelle Rahmungen von Behinderung als Kategorie des Ausschlusses unterwandern und herausfordern. Weitere Beiträge beleuchteten unterschiedliche Wege, wie Arbeitswelten von Menschen mit Behinderung gestaltet werden oder Zugang (Access/ibility) eingefordert wird.

Eine Besonderheit dieses Workshops, Behinderung und Fragen von Zugang und Ausgrenzung war nicht nur Thema der Diskussion, sondern gelebte Realität beteiligter Akademiker:innen. Die Gruppe macht sich nun mit weiteren Beteiligten auf, einen Herausgeberband zur Zukunft von Arbeit im „Zeitalter der Behinderung“ (Sunaura Taylor) zu schreiben.

Wir danken Philipp Klemm von der Stabsstelle für Chancengerechtigkeit, Diversität und Familie für die Unterstützung und die barrierefreien Räumlichkeiten, und Cecilie Prindahl für die logistische und kommunikative Unterstützung. Wir danken Dinah Zimmermann und Christiane Czymoch für den Live-Captioning Service (Echtzeit-Untertitelung). Wir danken der Thyssen-Stiftung und der University of Chicago für die Finanzierung des Workshops.

Projektorganisator:innen: Stefanie Mauksch (Universität Leipzig), Michele Friedner (University of Chicago), Giorgio Brocco (Universität Wien) und Dilshan Fernando (Universität Guelph, Kanada)

Beiträge von:

  • Elif Irem Az, Harvard University, USA
  • Clara Devlieger, Université de Lausanne
  • Nancy Salem, University of Cambridge
  • Renyi Hong, National University of Singapore
  • Sarah Karim, Universität zu Köln
  • Kelly Fagan Robinson, University of Cambridge
  • Sarah F. Rose, University of Texas at Arlington
  • James Staples, Brunel University, London
  • Robert Stock, Humboldt University, Berlin
  • Anica Zeyen, Royal Holloway, University of London
  • Giorgio Brocco, University of Vienna, Austria
  • Michele Friedner, The University of Chicago
  • Stefanie Mauksch, Universität Leipzig