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Wir trauern um Hans-Thies Lehmann

Am Samstag, den 16. Juli 2022, ist der Theaterwissenschaftler Prof. Dr. Hans-Thies Lehmann nach längerer Krankheit im Alter von 77 Jahren in Athen verstorben. Ein schwerer Verlust für das Theater unserer Zeit ebenso wie für die Theaterwissenschaft, die er in den letzten Jahrzehnten maßgeblich mit geprägt hat.

Nach seinem Studium und der Assistenz an Peter Szondis Berliner Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft hat Lehmann Mitte der 1980er Jahre gemeinsam mit Andrzej Wirth zunächst den Studiengang für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen aufgebaut. Dort ebenso wie in Frankfurt am Main, wo er von 1988 bis 2010 am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft arbeitete, gab er einer ganzen Generation angehender Theatermacher:innen und Theaterwissenschaftler:innen wichtige, bis heute nachwirkende Impulse. Die Gründung der Hessischen Theaterakademie gemeinsam u.a. mit Hans Hollmann bot ihm Gelegenheit, an der Universität Frankfurt einen praxisorientierten Master-Studiengang für Dramaturgie einzurichten, die er nach seiner Emeritierung 2013 und 2014 auch an der Hochschule für Musik und Theater Felix Mendelssohn Bartholdy in Leipzig lehrte.

Mit seiner Forschungsarbeit international bekannt wurde er vor allem durch seine erstmals 1999 erschienene Studie Postdramatisches Theater, die mittlerweile als Standardwerk für zeitgenössische Theaterformen gilt und in mehr als 25 Sprachen übersetzt ist. Seine zahlreichen Publikationen u.a. zu Bertolt Brecht, Heiner Müller, dem Theater der antiken Tragödie und dem Schreiben des Politischen erweisen ihn als einen vielseitig versierten und oftmals bahnbrechenden Autor, der wissenschaftliche Erkenntnis stets mit großem Gespür für die Praxis verbunden und vermittelt hat. So ist ihm besonders die Etablierung und Klärung strukturell grundlegender Begriffe für die zeitgenössische Theaterpraxis zu verdanken, die er in ihren komplexen Beziehungen zu allen Arten von Texten ebenso wie in ihrer Angewiesenheit auf Körperlichkeit, Spiel, Experiment und Risikobereitschaft sowie in ihrer Verflechtung mit medialen Technologien zu analysieren verstand.

Die Arbeit am Institut für Theaterwissenschaft der Universität Leipzig wurde von ihm in vieler Hinsicht inspiriert und auch praktisch unterstützt, als es die 2014 beschlossenen Kürzungen zumindest in ihren schlimmsten Folgen abzuwenden galt. Unvergessen sein Auftritt bei der Solidaritätsveranstaltung im Schauspiel Leipzig, wo er sich mit Humor und klaren Worten für die Erhaltung des Instituts einsetzte und gegen eine Kultur- und Wissenschaftspolitik, die den Menschen „nur so viel Kultur gestattet als im Interesse des Erwerbs ist“ (Friedrich Nietzsche).

https://www.youtube.com/watch?v=bvrCLhbOM4I

Der Rückblick auf diesen solidarischen Appell von Hans-Thies Lehmann erinnert uns an einen großartigen Lehrer, Kollegen und Freund. In den letzten Jahren, die er relativ zurückgezogen in Athen verbrachte, verhielt es sich mit seiner Gegenwart ähnlich wie er selbst einmal die Erfahrung geschildert hat, von unzähligen Theateraufführungen immer nur einen Bruchteil sehen zu können: „Zu wissen, dass es sie gibt, ist trotzdem gut.“ Nun müssen wir seinen Tod betrauern, und wissen dennoch, das Vieles von ihm bleiben wird.

Im Namen aller Mitglieder des Instituts für Theaterwissenschaft der Universität Leipzig,

Prof. Dr. Patrick Primavesi (Geschäftsführender Direktor)