Auf dieser Seite präsentieren wir ausgewählte Forschungsprojekte von Studierenden unseres Instituts mit dem Ziel, die Vielfalt studentischer Forschung sichtbar zu machen und Einblicke in aktuelle Themen, Methoden und Ergebnisse zu bieten. Die vorgestellten Projekte reichen von praxisorientierten künstlerischen Arbeiten, bis zu theoretischen Vertiefungen und zeigen, wie Studierende bereits während des Studiums aktiv zur wissenschaftlichen Weiterentwicklung ihres Fachgebiets beitragen.
ZugÆnge
Obwohl die Stadt als Ort des Zusammenlebens und der Gemeinschaft gilt, wird das alltägliche “Miteinander” zunehmend von einem “Nebeneinander” geprägt. Menschen bewegen sich rhythmisch auf engstem Raum, teilen Infrastrukturen, öffentliche Orte und hören dabei möglicherweise sogar dieselbe Musik. Sie sind auf vielfältiger Ebene miteinander vernetzt, aufeinander angewiesen und voneinander abhängig und dennoch scheint es, als würden direkte Begegnungen und gemeinschaftlicher Austausch im öffentlichen Raum immer stärker in den Hintergrund treten.
Wann und wie begegnen wir uns? Wie sind Ræume im Alltag für Begegnung gestaltet, wann ist es zu æng und wann ist es zugænglich?
Die Ausstellung ZugÆnge widmet sich diesen Fragen aus einer ethnographischen Perspektive und fragt nach Begegnung, Teilhabe und der Gestaltung alltäglicher Räume in Leipzig. Sie ist das Ergebnis des Forschungsmethoden Seminars des Instituts für Sozial- und Kulturanthropologie an der Universität Leipzig unter der Leitung von Sina Emde und Paola Kirchhof im Sommersemester 2026. Im Rahmen des Seminars entwickeln Studierende auf Basis sozial- und kulturanthropologischer Feldforschung eigene ethnographische Forschungsprojekte und erarbeiten daraus ein öffentliches Ausstellungsformat. Dabei werden Ansätze der Public Anthropology, multimodale Methoden und praktische Kulturarbeit miteinander verbunden, um ethnographisches Wissen über den universitären Kontext hinaus sichtbar, zugänglich und erfahrbar zu machen.
Aufbauend auf den Konzepten von Nearby (Xiang), Otherwise (Meek & Morales Fontanilla) und Also-space (Vanhoe) untersuchen die angehenden Anthropolog:innen verschiedene Perspektiven darauf, wie soziale Beziehungen, Gemeinschaft und Möglichkeiten des Zusammenlebens im urbanen Raum anders gedacht werden können. Während durch das Nearby der unmittelbare Radius eines Individuums in der Stadt in den Fokus rückt, sind Also-Spaces in diesem Kontext Räume für gemeinschaftliches Schaffen, die über verfestigte Handlungsmuster hinausgehen und Möglichkeiten eines Otherwise, eines Denkanstoßes für einen Perspektivwechsel, eröffnen.
Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen die Fragen: Wann und wie begegnen wir einander? Welche Räume ermöglichen Austausch, welche schaffen Distanz? Wie werden Zugänge zu Orten, Gemeinschaften oder gesellschaftlicher Teilhabe hergestellt, begrenzt oder verhandelt? Die ausgestellten Arbeiten nähern sich diesen Themen aus unterschiedlichen Perspektiven und machen sichtbar, wie alltägliche Praktiken, Infrastrukturen und soziale Beziehungen das Zusammenleben in der Stadt prägen.
Die Ausstellung übersetzt ethnographische Forschung in eine sinnlich erfahrbare, multimodale Form. Fotografien, Zeichnungen, Texte, Karten, Installationen, Objekte, Performances sowie Audio- und Videobeiträge eröffnen vielfältige Perspektiven auf die Forschungsprozesse und laden dazu ein, urbane Räume neu wahrzunehmen und über Begegnung, Zugänglichkeit und das Zusammenleben in der Stadt ins Gespräch zu kommen.
Mit ZugÆnge geht das von Paola Kirchhof initiierte Lehr- und Ausstellungsformat Arthropology nach Fragments of Leipzig (SoSe 2025) und ZWISCHEN UNS (WiSe 2025/26) in seine dritte Ausgabe. Anthropologie ist hierbei eine Praxis des Perspektivwechsels. Eine Praxis des Zuhörens, Beobachtens und Sich-Einlassens auf die Lebenswelten anderer. Kunst dient in diesem Zusammenhang nicht der Illustration von Forschung, sondern eröffnet als eigenständige Form der Wissensvermittlung Möglichkeiten, soziale Beziehungen sichtbar zu machen, neue Perspektiven zu eröffnen und Räume für Austausch und gemeinsame Reflexion zu schaffen.
Johan Koenen
Material: Fotografien
Welche Rolle spielen materielle Objekte bei der Herstellung eines Gefühls von Zuhause in der eigenen Wohnung?
Was macht eine Wohnung zu einem Zuhause?
Diese Forschung untersucht aus anthropologischer Perspektive, wie Menschen in ihrer Wohnung ein Gefühl von Zuhause kreieren und welche Rolle materielle Objekte dabei spielen. Der künstlerische Input übersetzt diese Fragestellung in eine fotografische Installation. Teilnehmende werden eingeladen, in ihrer Wohnung den Gegenstand zu fotografieren, der bei ihnen am meisten ein Gefühl von Zuhause hervorbringt. Die Fotografien bilden ein kollektives Archiv materieller Anker des Zuhausegefühls. Indem die Installation unterschiedliche Objekte – von Alltagsgegenständen bis hin zu Erinnerungsstücken – gleichwertig nebeneinanderstellt, macht sie sichtbar wie individuelle Biografien, Erinnerungen und Emotionen in materielle Dinge eingeschrieben sind. Die Arbeit lädt Betrachtende dazu ein, über die oft unscheinbare, aber zentrale Rolle von Dingen bei der Entstehung von Zuhause nachzudenken.
Laila Durczak, Jackie Marcell, Elena Westermaier
Material: Interaktives Kunstprojekt
Wie organisieren sich Menschen unterschiedlicher Wohnformen, um Verdrängung und Vereinzelung entgegenzuwirken und eigene Wohnvorstellungen umzusetzen?
Das Kunstprojekt „Baukasten – Bau dir deine (Wohn)Welt, wie sie dir gefällt“ verbindet eine ethnografische Untersuchung zu kollektiven Organisierungs- und Widerstandspraktiken innerhalb der Gesellschaft mit dem Fokus auf den Bereich des Wohnens und anhand einer interaktiven, partizipativen Installation. Der Ausgangspunkt der Forschung ist die Frage, wie Menschen sich in verschiedenen Wohnformen miteinander organisieren, um sich strukturellen Verdrängungs- und Vereinzelungstendenzen entgegenzusetzen und durch Kollektivismus ihren Wunschvorstellungen zum Wohnen nachgehen können. Im Zentrum steht das Zusammenspiel aus geteilter Verantwortlichkeit, solidarischen Entscheidungsprozessen und gemeinschaftlichen Alltagspraktiken, durch die widerständige Formen des Zusammenlebens entstehen und aufrechterhalten werden. Die ethnografische Fragestellung richtet sich darauf, ob und inwiefern kollektive Organisierung entscheidend dafür ist, dass sich solche Praktiken gegen äußeren Druck – etwa ökonomische Verwertungslogiken, rechtliche Verfahren oder institutionelle Vernachlässigung – behaupten und langfristig stabilisieren können.
Die Ausstellung transformiert diese Forschung in ein interaktives Format: Besucher:innen erhalten Zugang zu einem Laptop mit dem Spiel Sims 3, das als utopischer Baukasten dient. Sie sind eingeladen, ein eigenes Gemeinschaftsprojekt kollektiv zu entwerfen und Elemente hinzuzufügen, die für ein gutes, sicheres und solidarisches Zusammenleben zentral sind. Die Fragen „Wie möchte ich leben?“, „Was brauche ich, um gut mit anderen zusammenzuleben?“ und „Welche Gemeinschaft wünsche ich mir?“ bilden den kuratorischen Rahmen. Das digitale Bauen wird so zu einer Reflexionsfläche für individuelle und kollektive Utopien des Miteinanders.
Parallel dazu liegen Zettel und Stifte bereit, auf denen die Besucher:innen ihre eigenen Erfahrungen mit Organisierung, Solidarität oder Widerstand sowie Wünsche und Appelle an die Stadtgesellschaft zu ihrer gelebten Wohnsituation formulieren können. Diese gesammelten Stimmen werden im Anschluss zu einem kollektiven Statement zusammengeführt: als künstlerisch-politischer Appell für mehr Räume solidarischen und selbstbestimmten Zusammenlebens.
Das Projekt versteht sich als Fusion von Forschung, interaktiver Kunst und aktivistischer Praxis. Es macht sichtbar, dass kollektives Organisieren nicht nur eine strategische Notwendigkeit, sondern selbst ein politisches Feld ist, in dem Solidarität, Widerstand und Zukunftsperspektiven verhandelt werden.
Luis Heinke, Nora Kaufmann, Katharina Lempp, Carla Ruf
Material: Installation
Welche verschiedenen Bedeutungen werden Baustellen zugeschrieben und inwiefern sind die unterschiedlichen Perspektiven miteinander verknüpft?
Was bedeutet eine Baustelle für dich? Nichts? Alles?
“BAusstellung” ist eine Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Bedeutungen von Baustellen. Was und wen sieht eine Baustelle an einem Tag? Welche sozialen und politischen Ereignisse passieren innerhalb oder außerhalb der Bauzäune? Welche Schlaglöcher werden gefüllt, welche Gräben werden aufgerissen?
Dafür haben wir uns die Leipziger Baustellen genauer angeschaut und mit umliegenden Läden, Bauarbeitern, der Stadt und Vorbeilaufenden gesprochen.
Für uns hat sich die Baustelle von einem nicht-Ort zu einem Ort verwandelt. Das möchten wir gerne teilen. Um unsere Forschung erfahrbar zu machen, wird unsere Ausstellung selber zur Baustelle und die Baustelle zur Ausstellung.
Luise Sdun, Sabrina Weinel
Material: Video, mit Beamer an die (Haus)Wand gebeamt.
Kann ein Transit-Raum, wie die S-Bahnunterführung Leipzig Nord, eine über den baulichen Zweck hinausgehende (soziale) Bedeutung haben?
Durchgangsräume sind Orte des Nicht-Verweilens, jedoch gleichzeitig öffentlicher und geteilter Raum. Ob wir diese schnellen Orte wahrnehmen und wie, damit beschäftigen wir uns mit unserer Forschungsfrage exemplarisch an der S-Bahnunterführung Leipzig Nord. Dieser lange, baulich robuste Ort beherbergt täglich für kurze Zeit verschiedenste Menschen. Nehmen sie einander wahr? Nehmen Sie das wechselnde Graffiti, die sich wenig veränderte Baustelle oder die schnellen Fahrräder wahr? Fällt Ihnen der besondere Hall beim Durchqueren der Unterführung auf oder haben Sie vielleicht sowieso immer Ihren Lieblingssong auf den Ohren? Welche Sinneswahrnehmungen spielen eine primäre Rolle? Wir wollen herausfinden, ob die Unterführung eine individuelle und auch eine kollektive Bedeutung für die querenden Menschen hat, die über ihre Zweckmäßigkeit hinaus geht.
Tarja Mäcke, Leonie Krakowiak
Materialien: Magnettafel, Fotografien
Wie navigieren die Mitarbeiter: innen der Organisation „Drahtseil“ das Spannungsfeld zwischen professioneller Distanz und dem gleichzeitigen Schaffen eines „Safe Spaces“ im Rahmen institutioneller Suchtprävention ?
Die Jugend und Süchte. Irgendwie gehört das doch schon immer zusammen, oder? Doch zwischen entspanntem Konsum mit Freunden und lebensverändernden Süchten liegt oft nur ein schmaler Grat. Nimm dir mal einen kurzen Moment und denk an deine eigene Jugend zurück. Ein Lebensabschnitt, in dem Alkohol, Nikotin und Cannabis schon fast unausweichlich sind, um „dazuzugehören“. Doch wann sind Grenzen überschritten, wie gehen Jugendliche mit dem Thema Sucht um und welche Rolle spielen Rückhalt und ein stabiles soziales Umfeld? Zahlreiche Menschen legen den Grundstein für ein Leben mit illegalen Substanzen oder Rauschmitteln bereits in ihrer Jugend. Ein Abschnitt, in dem Aufklärung und Sensibilisierung, besonders im Zeitalter knallbunter Vapes und legalem Cannabiskonsum, so wichtig sind wie nie zuvor. Genau hier setzen wir mit unserer Forschung an, um einen Bereich sichtbar zu machen, in dem Menschen täglich unverzichtbare Arbeit leisten.
In unserem Forschungsbericht richten wir einen anthropologischen Blick auf das Thema Suchtprävention der institutionellen Organisation „Drahtseil“ mit dem Fokus auf die Arbeit der Sozialarbeiter: innen. Wie schaffen sie es, für Kinder und Jugendliche einen Safe Space zu erschaffen, einen Raum ohne Tabus und Vorurteile, in einem eigentlich professionellen Rahmen? Wie beeinflussen Gestik, Mimik und Rhetorik den Zugang zu jungen Menschen? Im Laufe unserer Forschung durften wir einen Einblick in Projekte sowie in die Arbeit als Sozialarbeiter:in sammeln. In ein Spannungsfeld, das von den Mitarbeiter:innen täglich ausgehandelt werden muss und in dem Grenzen täglich verschwimmen. Arbeit, die über die verschlossenen Türen von Drahtseil hinausgeht und wie ein permanenter Begleiter mit dem Bewusstsein der Menschen verschmilzt.
Die vorliegende Arbeit visualisiert den anthropologischen Kern unserer Forschung in Form einer interaktiven Magnettafel und Fotografie. Ziel des künstlerischen Outputs ist es, das Navigieren des Spannungsfeld von Nähe und Distanz nicht nur im Umgang institutioneller Suchtprävention sondern auch im Rahmen eigener Erfahrungen sichtbar zu machen. Das Projekt verkörpert den permanenten Aushandlungsprozess von sozial Arbeiterinnen und bricht so die Statik eines klassischen Berichts.
Luzie Lau, Emily Ponte, Maja Koch, Souza Schäfer
Material: Foto/Collagen-Buch
Wie funktioniert Rauchen als soziale Praktik und inwiefern werden Menschen in diesem Kontext in soziale Gruppen ein- oder ausgeschlossen?
Raucherpausen, Stresszigaretten, Antiraucher*innen, Partyrauchende, Ex-Raucher:innen, die Kippe danach… das Rauchen ist als kulturelle Handlung tief in der Gesellschaft verankert. Es ist ein kleines Sozial-Experiment, das jeden Tag aufs Neue stattfindet – auf dem Campus, vor Clubs, in Hinterhöfen oder auf Balkonen. Rauchen wird romantisiert, präventiert, verteufelt, genossen. Für die einen ist die Frage nach einem Feuerzeug ein willkommener Icebreaker, für die anderen der Geruch von Rauch eine Qual. Es entstehen Gruppen und Beziehungen, wo andererseits Ausgrenzung und sozialer Druck stattfindet. Gerade die ambivalenten Haltungen prägen den gesellschaftlichen Diskurs. Warum rauchen Menschen? Was für eine Bedeutung hat diese Praktik in sozialen Kontexten? Welche Räume werden für wen geöffnet und für wen sind sie verschlossen? Entscheidet man sich bewusst für den Konsum und wie groß ist der peer-pressure? Wann schließt das Teilen der Zigarette zusammen, wann trennt es? Inwiefern ist das Rauchen identitätsstiftend und welche Formen der Zugehörigkeit werden hervorgerufen?
In unserer Forschung haben wir uns genau mit diesen Fragen beschäftigt. Unser künstlerischer Output dazu umfasst ein Buch mit Fotos, Collagen, Zeichnungen, Begegnungen, eigenen Ideen und Gedanken zum Thema Rauchen als soziale Praktik, welche auch gerne von Besucher:innen weitergeführt werden darf. Ziel ist es, das scheinbar Alltägliche anthropologisch zu betrachten und die vielfältigen Bedeutungen von Rauchen in sozialen Räumen sichtbar zu machen. Wir wollen dokumentieren, was Rauchen für Menschen individuell bedeutet und wie es Mensc
Helena Schwuchow
Material: Soundcollage, Kopfhörer, MP3 Player
Ich hab mal in einem Buch von Bell Hooks gelesen, dass Zynismus die Maske des enttäuschten Herzens sei. Seitdem zitier ich das immer, was ein bisschen heuchlerisch ist, weil ich auch ziemlich zynisch bin. Aber vielleicht ist Zynismus grade hier das richtige Wort. Mir ist aufgefallen, dass ich noch nie mit jemandem gesprochen hab, der seine Heimatstadt als als eine durchschnittliche Stadt beschrieben hat. Oder so wie man sich eine durchschnittliche Stadt eben vorstellen mag. Irgendwas ist immer besonders toll, irgendwas besonders blöd. Ich muss dann immer an das Lied „wissenswertes über Erlangen“ denken. So ein nerviger 80er Jahre Hit in dem mehr gesprochen als gesungen wird. Ich war noch nie in Erlangen. Ich weiß ehrlich gesagt nichtmal wo das ist. Aber Erlangen hin oder her, die Frage bleibt, warum man so starke Meinungen zu seinem Heimatort hat.
Wahrscheinlich weil er einen sehr geprägt hat, oder? Eltern, Schule, Freunde? Aber das kann ja noch nicht alles sein. Was ist mit Gerüchen? Klängen? Dem Wetter?
Welche Gepflogenheiten bringt man mit aus seiner Heimat, vereint sie vielleicht sogar mit seinem neuen Leben, welche lässt man dort? Verspürt man vielleicht sogar Lokalpatriotismus obwohl man das Konzept eigentlich ablehnt? Und warum?
All diesen Fragen möchte ich in meiner Forschungsarbeit auf den Grund gehen. Als künstlerischen Output habe ich dafür ein Tonprojekt gewählt, in welchem ich Videos von mir konvertiert und die verschiedenen Geräuschen aus den Städten Leipzig und Rostock zusammengeschnitten habe. Ziemlich deutlich werden dabei die unterschiedlichen Geräuschkulissen der Städte und die Atmosphären die dabei kreiert werden. Im Anschluss daran sind Freunde von mir zu hören, die ich darum gebeten habe, mir ein Wort zu ihrer Heimatstadt zu nennen. Ohne Einordnung, einfach freie Assoziation. Einige Wörter machen die jeweiligen Städte kenntlich, andere nicht. Einige sind persönlich, andere völlig generalisiert. Interessant ist in jedem Fall, warum die genannten
Dinge als wichtig empfunden werden. Untermalt wird das ganze durch ein kleines kreatives Schreibprojekt.
Matilda Bechmann, Marlis Fleischmann
Material: 3 ausgedruckte Fotos im A3 Format und ein Soundscape über einen MP3-Player
Wie und in welchem Maße schafft die Sachsenbrücke als öffentlicher Raum und nearby space Gemeinschaft und was sind die Voraussetzungen für das Entstehen derartiger Räume?
Die Sachsenbrücke verbindet.
Einerseits erfüllt sie ihren Zweck als Brücke, indem sie sich über das Elsterflutbett spannt und zwei Ufer, zwei Stadtteile, den Westen Leipzigs mit dem Zentrum verbindet. Doch sie verbindet auch Menschen und ist zu einem Ort des Verweilens und der Begegnung geworden. Als konsumfreier, barrierearmer Ort in der Natur lockt sie die verschiedensten Menschen an.
Ob man nur mit dem Fahrrad über die Brücke fährt, um schnell in ein anderes Viertel zu kommen, mit der Familie einen Spaziergang macht, mit Freundinnen abends zusammensitzt oder ein kleines Straßenkonzert gibt: Die Sachsenbrücke bietet allen Menschen die Möglichkeit, den öffentlichen Raum für sich zu nutzen, ihn sich anzueignen und ihn aktiv mitzugestalten, unabhängig von ihrer Altersgruppe.
Uns interessiert, was die Menschen dazu bewegt, sich genau diesen Ort zum Verweilen auszusuchen, und ob sie eher zufällig oder gezielt auf die Sachsenbrücke gekommen sind. Welche Rolle spielt es, dass man dort sein kann, ohne Geld ausgeben zu müssen? Wie wichtig ist es, dass dieser Ort so belebt ist und man fast nie alleine ist? Wie lange halten sich die Menschen dort auf? Welche Gefühle löst der Ort in ihnen aus? Und kann hier, zumindest kurzzeitig, eine Form von Gemeinschaft entstehen?
Für unsere Forschung haben wir die Stimmung auf der Brücke in einer Tonspur eingefangen: Fahrräder, Lachen, Musik, Gespräche und Schritte. Das sind alle Geräusche, die diesen Ort ausmachen und seine Nutzung und Aneignung verdeutlichen. Illustriert wird die Aufnahme durch ein paar Fotos, die die Atmosphäre auf der Brücke einfangen.
Leif Thörmer
Material: Gedicht auf Steifen, DIN A4 vertikal aneinander geklebt; Bruchweide-Ast vom Biber bearbeitet, von mir geschnitzt, verziert mit Naturmaterialien aus dem Auwald (Schneckenhaus, getrocknete Beeren, Pflanzen) und Wolle
Wo finde ich mich wieder, wenn ich aufhöre, durch den für-mich Wasserfall an Kurzvideos zu strömen und stattdessen meine Aufmerksamkeit auf meine unmittelbare Umgebung lenke?
Der Sozialanthropologe Biao Xiang beschreibt eine Krise der Aufmerksamkeit, die ihm in der chinesischen Stadtgesellschaft begegnet: Menschen sind gleichzeitig mit dem ganz Nahen (dem Selbst, den eigenen vier Wänden, dem Profil, dem eigenen Körper) und dem ganz Fernen (den großen Narrativen, den globalen Krisen) beschäftigt. Dazwischen, im gelebten Raum der unmittelbaren Umgebung, entsteht eine Leerstelle. Das Nearby; “Fujin” ist Xiangs Begriff für genau diesen Zwischenraum: nicht das Ich, nicht die Welt, sondern das, was sich dazwischen ereignet, wenn man sich ihm zuwendet.
Diese zweiteilige Arbeit ist ein Versuch, diese Zuwendung zu verkörpern. Als ihr Feld diente der Leipziger Auwald: ein Flussauenwald mitten in der Stadt, den ich über Monate wiederholt aufgesucht habe: barfuß, oft allein, mit der Frage, was passiert, wenn ich anfange, Agency über meine Aufmerksamkeit zurückzugewinnen und sie auf meine unmittelbare Umgebung zu richten. Wahrnehmen wurde dabei zu einem dreifachen Begriff: etwas mit den Sinnen wahrnehmen — etwas als wahr annehmen — und ein Angebot wahrnehmen, taking part in. Das Gedicht Was quillt begleitet diesen Weg durch drei Jahreszeiten. Es ist kein Bericht, sondern eine Haltung: tastend, zweifelnd, sich umsichtig. Es hinterfragt, ob Annäherung wirklich möglich ist — und vollzieht sie trotzdem.
Im Juni 2026 habe ich eine Nacht im Auwald verbracht. In der Morgendämmerung beobachtete ich, wie ein Biber an dem Baum nagte, auf dem ich schlief. Er riss sich einen Ast ab, zog ihn ins flache Wasser und ihn dann dort genüsslich frühstückte. Den bearbeiteten Ast habe ich am Morgen aus dem Wasser gefischt. Jetzt liegt er hier: Frühstück, angenagt vom Biber, weitergeschnitzt von mir, verziert mit Wolle, Knoten, Pflanzen und Materialien aus dem Wald. Zwei Wesen haben dasselbe Stück Holz berührt — eines aus Notwendigkeit, eines aus Neugier. Was dabei entstand, ist kein Kunstwerk im klassischen Sinne, sondern ein Protokoll einer Begegnung: ein Objekt, das zeigt, dass das Nearby auch dann eine Welt ist, wenn kein Mensch darin vorkommt.
Theresa Klunkert, Charlotte Zens
Material: Fotografie in A3, Teekanne, Mp3-Player, Kopfhörer
Welche Rolle spielt das Christentum in sozialen Organisationen?
Welche Rolle spielen Glaube und Religion in sozialen Organisationen? Wie hängen diese Strukturen zusammen und warum? Und welche Implikationen hat das für die soziale Organisation? Am Beispiel des Teekellers, einer Suppenküche für einkommensschwache und teils wohnungslose Menschen, versuchen wir diesen Fragen nachzugehen. Auf den ersten Blick auffällig: Der Teekeller ist in einer Kirche. Der zweite Blick: Das Christentum spielt dennoch keine übergeordnete Rolle. Und zuletzt: Paradoxe Aussagen - Ich bin nicht gläubig, aber…; Der Teekeller hat kaum etwas mit der Kirche zu tun, aber… Mit einer Klangreise und einer bildlichen Collage wollen wir diese Ambivalenz und unsere damit verbundenen eigenen Eindrücke darstellen.
Marit-Isalie Meincke, Paula Anouk Rausch
Material: Audiospur mit begleitendem Stillleben
Inwiefern entstehen im Reudnitz-Center im Leipziger Osten Orte der Begegnung?
Piepende Kassen, klirrende Einkaufswagen, Kindergeschrei, Füße auf klebrigem Boden und sich verlierende Menschenmassen - alles streng getaktet nach den vorbeirauschenden Trams. Der Kaufland in Leipzig-Reudnitz hat Kultstatus. Jede*r kennt ihn, viele hassen ihn und jeden Tag durchströmen Hunderte die kalten Flure.
Hunderte Menschen, die sich kaum zu begegnen scheinen.
Mit dem Reudnitz-Center im Fokus richten wir unseren Blick auf scheinbar sinnentleerte Funktionsräume, sogenannte Non-Lieux [dt. Nicht-Orte], die zwar örtlich vereinen, aber vor allem funktional und temporär organisiert sind. Orte, ohne individuelle Identität, gemeinsame Vergangenheit oder soziale Beziehungen. Orte wie das Reudnitz-Center, die allein durch ihre räumliche Verortung, die schiere Fülle an sich überlagernden Geräuschen und die anonyme Schnelllebigkeit, Relationen erschweren.
Und doch schaffen es Menschen Orte des Verweilens innerhalb dieser begegnungsfeindlichen Umgebung zu kreieren.
Diese anthropologische Forschung nähert sich durch aktives Zusammentreffen und den Schritt in die Auseinandersetzung miteinander diesen Räumen im Nichts an. In einer solchen unpersönlichen Nähe verbergen sich Initiativen der gegenseitigen Hilfe, enge Beziehungen und gemeinsame Schicksale. Einen Fokus legen wir dabei auf die Begegnung über die eigene Klassenzugehörigkeit hinaus und die Möglichkeit eines passiven Lernens übereinander.
Emma Duppel, Tina Kutzner, Antonia Wollschläger
Material: Collage mit natürlichen Materialien
Wie gestaltet sich der Südfriedhof als Ort des Zusammenlebens und der Potentiale?
Leben, Freundschaft, Wohlfühlen, zur Ruhe kommen sind erstmal keine typischen Friedhofsassoziationen. Doch Friedhöfe sind mehr als nur Trauer und Vereinsamung. Durch ihre Parkanlagen, abgeschirmt vom alltäglichen Trubel, schaffen deutsche Friedhöfe einen ganz besonderen Ort des Zusammenkommens. Genau dieses Zusammenkommen zwischen Menschen, Tieren, Natur, Umwelt und Architektur schauen wir uns genauer an, auf einem der größten parkähnlichen Friedhöfen Deutschlands, dem Südfriedhof im Süden Leipzigs. Wie begegnen sich Tiere und Menschen neu auf dem Südfriedhof? Welche Potenziale hat der Friedhof als Begegnungsort, um neue Freundschaften zu knüpfen? Wie entstehen Austausch und Ruhe in der natürlichen Umgebung, abseits des Großstadt Lärms?
Mit unserer Collage laden wir euch ein, ein bisschen Südfriedhof Luft zu schnuppern und vielleicht sehen wir uns dann bald beim Spaziergang oder im Café.
Marlene Dörfler, Hannah Pütz, Sarah Rheindorf, Nils Rocholl
Material: Video & Ton Installation
Das weibliche NEIN – Welche Rolle spielt das Wort NEIN (im Leben von FLINTA*-Personen) und wie gehen Menschen damit um?
NEIN – Ein „NEIN“ ist nicht nur eines der ersten Wörter, die wir in unserem Leben hören, sondern auch eines der häufigsten und prägendsten. Kaum ein anderes Wort hat so viele alternative Ausdrucksformen und so viel Bedeutung wie ein “NEIN”.
Während uns in unserer Kindheit das „NEIN“ häufig einschränkend oder maßregelnd begegnet, lernen wir mit zunehmendem Alter es selbst für uns zu nutzen. Im jugendlichen Alter jedoch wird uns unser „NEIN“ – besonders institutionell – wieder abgesprochen, durch die fehlende Lebenserfahrung wüssten wir noch nicht was am besten für uns sein und die anderen meinen es doch nur gut mit uns.
Besonders als weiblich sozialisierte Menschen oder FLINTA*-Personen wird uns ein klares „NEIN“ systematisch abtrainiert, während wir selbst es immer mehr zu hören oder spüren bekommen – sei es durch die Erwartungshaltung immer gefällig zu sein, die gesellschaftliche Abwertung, die uns erwartet, wenn wir doch mal unkooperativ und „schwierig“ sind oder durch Strukturen, die unsere Grenzen übergehen.
Und so verlernen wir paradoxerweise wieder „NEIN“ zu sagen, obwohl es eigentlich so befreiend sein könnte, sei es, weil wir Widerstand fürchten oder weil wir selbst glauben, keinen Widerstand leisten zu dürfen. Wenn es dann endlich für uns an der Zeit ist, selbst Care-Arbeit zu übernehmen oder ein Kind in die Welt zu setzen lassen wir die ganzen „NEINs“ an ihm aus, es kann sich schließlich nicht wehren und es ist scheinbar unsere natürliche Pflicht als aufopferungsvolle Mütter und Sorge-Tragende, ihm soziale Werte und Normen einzuprägen, oder etwa nicht?
Sollten wir nicht versuchen diesen Kreislauf zu durchbrechen? Warum fällt es uns so schwer „NEIN“ zu sagen? Warum sagen wir nicht „NEIN“ zum „NEIN“? Und was können wir tun, um das „NEIN“ gesellschaftlich neu auszuhandeln?
Wir möchten mit unserer Forschung versuchen, die Hintergründe des “NEIN”-Sagens zu erkunden und sichtbar zu machen. Aus diesem Grund haben wir uns auf vier Unterthemen fokussiert, die besagten Kreislauf unserer Meinung nach gut darstellen:
Wenn Sie sich an ihre Kindheit zurückerinnern, dann erinnern Sie sich wahrscheinlich an viele schöne Dinge, doch vielleicht auch daran, dass Ihnen von ihren Eltern Grenzen gesetzt wurden, dass Sie Dinge nicht machen durften, die Sie eigentlich gerne gemacht hätten und vielleicht auch, dass Sie sich ungerecht behandelt gefühlt haben und sich gegen diese, Ihnen auferlegten Regeln gewehrt haben. Oder aber, dass Sie es still hingenommen haben und trotzdem gemacht haben, was von Ihnen verlangt wurde. Doch inwieweit hat Sie dieses „NEIN“ geprägt und prägt es Sie vielleicht bis heute? Macht es dabei einen Unterschied, ob Sie weiblich oder männlich sozialisiert wurden?
Jede Person, die mal bei einem Frauenarzt/einer Frauenärztin war, kennt das Thema – die AntiBaby-Pille. Egal, ob wegen Hautproblemen, Schmerzen, Stimmungsschwankungen, einer sehr starken Periode, dem Verdacht auf Endometriose oder einfach zur Verhütung, die Pille scheint die Antwort auf alles zu sein. Obwohl mittlerweile bekannt ist, dass die Pille durchaus nicht ohne Nebenwirkungen kommt, welche auch ganz klar gesundheitsschädlich sein können, entscheiden sich viele Frauen in Deutschland dennoch für die Anti-Baby-Pille. Aus meinem eigenen Umfeld und den Interviews, die ich geführt habe, hat sich herausgestellt, dass diese Entscheidung nicht immer unbedingt aus der Überzeugung zu dem Medikament entsteht, sondern mit Zweifeln und teilweise sogar Unwillen einhergeht. In meiner Forschung möchte ich mich damit befassen, warum sich dennoch so viele Frauen in Deutschland für die Einnahme der Anti-Baby-Pille entscheiden und was dazu geführt hat und warum es so ist, dass eben dieses Mittel in unserer Gesellschaft so normalisiert ist, dass man zum einen nicht um die Frage „Nehme ich die Pille, oder nehme ich sie nicht?“ herum zu kommen scheint und man zum anderen mit so einer Selbstverständlichkeit in eine Richtung gelenkt wird, dass es einem schwerfällt, diese Frage mit „NEIN“ zu beantworten.
Aber nicht nur im institutionellen Rahmen wird es uns schwer gemacht “NEIN” zu sagen, sondern auch in unseren privatesten Umgebungen - unseren romantischen Beziehungen und Partnerschaften. Am Beispiel der Care-Arbeit in Beziehungen untersuche ich, warum es uns oft ausgerechnet bei den Menschen, die uns am nächsten stehen, so schwerfällt eine klare Grenze zu ziehen. Wie sagen FLINTA*-Personen in Beziehungen “NEIN” und wie gehen ihre Partner:innen damit um? Dieser Teil der Forschung betrachtet, wie sich das “NEIN” im Laufe einer Beziehung entwickelt, welche Formen es annimmt und welche inneren Konflikte das “NEIN”-Sagen so schwer machen.
„Und wie viele Kinder willst du haben?“, „Ach, du willst keine Kinder?“, „Keine Sorge, das kommt schon noch, du bist ja noch jung!“. Welche weiblich gelesene Person musste sich solche oder ähnliche Kommentare noch nicht anhören? Klar, das ist nicht böse gemeint. In unserer Gesellschaft ist es eben völlig normal, Frauen* nach ihrem Kinderwunsch zu fragen, beziehungsweise nach dem Zeitpunkt, der Menge der Kinder und dem Geschlecht; dass Frau* aber gar keine Kinder haben möchte, und das schon mit Anfang 20 sagen kann, ist im Umkehrschluss kaum vorstellbar. Wieso müssen sich Frauen* in einer Welt, die von unbezahlter Care-Arbeit von eben diesen lebt, ständig dafür rechtfertigen, keine Kinder haben zu wollen? Welche Rolle spielen sich aufbrechende patriarchale Strukturen, ökonomische und politische Veränderungen, oder auch Smartphones und Dating-Apps in der Entscheidung für oder gegen Kinder, und wie gehen junge Frauen* damit um?
Tilda Gregel, Magdalena Lang
Welche Rolle spielt Glaube in christlichen-sozialen Einrichtungen („Leipziger Oase") ?
Ob Kleiderkammer, Suppenküche oder Tagesstätte man findet in Leipzig viele Orte, an denen soziale Hilfe angeboten wird und Menschen zusammenkommen. Dabei fällt auf, dass viele dieser Einrichtungen von christlichen Trägern getragen oder unterstützt werden. Vor diesem Hintergrund haben wir uns gefragt, was für eine Rolle der Glaube in solchen christlichen Sozialen Einrichtungen, für die Menschen, die dort arbeiten, sowie für die Menschen, die die Angebote wahrnehmen, spielt. Dabei haben wir den Kontakt zur „Leipziger Oase" (Ökumenische Kontaktstube für Wohnungslose) gesucht, eine Tageseinrichtung der Diakonie für wohnungslose Menschen, wo unter anderem Essen, Wäscheservice und Sozialbetreuung angeboten wird.
Inwieweit ist die Leipziger Oase ein religiös geprägter oder eher allgemein sozialer Raum?
Inwiefern beeinflusst der Glaube die Angebote, die Haltung und das Selbstverständnis der Einrichtung?
Wird der Glaube in der Einrichtung aktiv thematisiert oder eher im Hintergrund gelebt?
Für wen sind christlich-soziale Einrichtungen zugänglich?
Aufgrund von Zugangsschwierigkeiten (Personelle Engpässe, Kommunikationsschwierigkeiten u. Ä.) war es uns jedoch noch nicht möglich, Interviews mit Mitarbeitenden der Oase zu führen. Deshalb haben wir die Einrichtung zunächst erstmal besucht und unsere Eindrücke dargestellt.
Elena Alkimos, Mogli, Heinrich Ehrler
Material: Druck auf Papier A3, Folie
Welche Rolle spielen Ladenprojekte als Orte der Begegnung im urbanen Raum?
Zusammen raus, einen Abend mit Freund*innen verbringen, tanzen und nicht an die Bar gehen, weil nach dem Eintritt das Geld nicht weiter reicht. So die Dystopie, die für viele Menschen nah an der Realität liegt. Wertvoll können dann Orte sein, an denen man auch mit wenig und keinem Geld dabei sein kann - teilhaben kann.
Wie funktionieren solche Orte? Wer sorgt dafür, dass sie entstehen? Dafür, dass sie weiter existieren? Und warum? - Damit haben wir uns im Rahmen unserer Forschungsarbeit beschäftigt. Dafür haben wir uns exemplarisch mit einem Ladenprojekt beschäftigt, an Veranstaltungen und Plena teilgenommen, mit den Menschen, die diesen Ort auf unterschiedliche Art am Leben halten, gesprochen und einiges gelernt.
Unser Ausstellungsstück beschäftigt sich mit der Semi-Öffentlichkeit des Ortes und dem ständigen Konflikt zwischen Zugang für die Nachbarschaft und Verschleierung vor Behörden. Ort wie immer spielt dabei auf den Hinweis an, der sich auf einigen Plakaten findet, die für Veranstaltungen in Ladenprojekten werben, und dadurch viel über die Zugänglichkeit von diesem und ähnlichen Orten verrät, die oft auf persönlichen Kontakten, Netzwerken und Vorwissen basiert. Es ist also ein gewisses “Werkzeug” notwendig, um die Information auf dem Plakat nutzbar zu machen.
Mitja Bondsa
Material: 4 Fotos + Bilderrahmen
Wie wird Platz und Raum in den Leipziger Trams eingenommen und durch wen?
Fast jede:r kennt es. Man steigt in die Tram, und sie ist so voll, dass man wie in einer Sardinenbüchse steht. Und trotzdem bleiben manche Sitzplätze frei. Nicht, weil niemand sie braucht, sondern weil Personen ihre Rucksäcke oder Taschen darauf abgelegt haben oder weil Männer dort sitzen. Männer, die offenbar so dicke Klöten haben, dass sie nun mal im Spagat sitzen müssen.
PLÆTZE untersucht die alltägliche Praxis der Raumaneignung in den Trams Leipzigs. Wer nimmt Raum ein und wie? Scheinbar banale Situationen machen sichtbar, wie soziale Normen, Geschlecht, Rücksichtnahme und individuelle Ansprüche das Verhalten im öffentlichen Nahverkehr prägen. Dabei richtet sich der Blick auch auf das Phänomen der sogenannten Anderthalber-Sitzplätze. Sitze, die für eine Person zu breit, für zwei Personen jedoch zu schmal sind. Welchen Zweck erfüllen diese Plätze, und wer nutzt sie tatsächlich?
PLÆTZE ist eine fotografische Arbeit, die anhand von vier Motiven Formen der Raumaneignung im öffentlichen Nahverkehr dokumentiert: ein Mann, der breitbeinig einen Sitzplatz einnimmt, ein Rucksack, der einen Sitzplatz besetzt, ein leerer Anderthalber-Sitzplatz sowie ein Paar starrender Augen.
Durch die Reduktion auf vier scheinbar alltägliche Motive macht PLÆTZE sichtbar, wie Körper, Gegenstände, Blicke und die Gestaltung des öffentlichen Raums unser Nutzungsverhalten beeinflussen. Die Fotografien laden dazu ein, alltägliche Gewohnheiten zu hinterfragen und die Tram als Ort sozialer Aushandlung wahrzunehmen.
Jette Kolow
Wie wird sich an die DDR erinnert, an wen und was wird gedacht , wer wird vergessen?
In meinem Projekt beschäftige ich mich mit der Kirche in der DDR, besser gesagt mit
Geschichten von Mitgliedern, die in der heutigen Erinnerungskultur der DDR oft
verschwinden.
In meinem Bild gehe ich auf die Friedensbewegung in der DDR ein, welche eng mit
der evangelischen Kirche verbunden war. Ihr Symbol ist ,,Schwerter zu Pflugscharen“,
Worte die ihren Ursprung in der Bibel finden.
Das Bild zeigt eine Umformung des Symbols ,,Schwerter zu Pflugscharen“, zu
,,Pflugscharen zu Schwertern“. Die Idee entstand nach einem Interview mit einer
Person, die in der DDR in der Kirche war. Sie erzählte von einer Situation, in der sie
und eine enge befreundete Person etwa 15 Jahre alt waren. Die Person erzählte, mit
welchem Druck die Schulleitung darauf beharrte, dass die jungen Menschen den
Aufnäher ,,Schwerter zu Pflugscharen“ von ihren Jacken entfernen sollten. Es wurde
damit gedroht, sie würden ihr Zeugnis nicht bekommen und somit keinen Abschluss
haben. Sie erfuhren auch, dass eine Klassenkameradin von einem Mitarbeiter der Stasi
zuhause besucht und ausgefragt wurde. Er wollte wissen, worüber die interviewte
Person und ihre engste Freundin auf dem Schulhof sprechen würden.
Junge kirchliche Menschen kamen durch einen Aufnäher auf den Radar der Stasi. Das
ist nur ein Beispiel dafür, wie die DDR versuchte die Friedensbewegung, aber auch
kirchliche Menschen und somit anders und staatskritisch denkende Menschen, zu
beängstigen und Repression auszuführen.
Bildlich gesprochen: die DDR wollte wieder aus Pflugscharen Schwerter schmieden
Mira Johne, Theresa Kallenbach
Material: Nest aus Naturmaterialien, Draht, Taubeneierschalen, Taubenfedern, Straßenabfällen
Wie äußert sich die Beziehung zwischen Tauben und Menschen in urbaner Umgebung und wie gehen Tauben mit menschengemachten Verboten um?
Kaum ein anderes Tier ist in unseren Städten so häufig anzutreffen wie die Taube. Auf Straßen, in denen Einwohner*innen, Geschäftsinhaber*innen, Tagestourist*innen und Tauben nebeneinander leben, findet täglich ein Verhandeln um Raum statt: Von Metallspikes über Netzen hin zu Fütterungsverboten werden auf stadtpolitischer Ebene wie auch im Privatraum Maßnahmen ergriffen, um die Vögel zu „regulieren“. Währenddessen nehmen sich die Tiere tagtäglich Platz, indem sie sich an „Taubenspaces“ sammeln oder an und in Gebäuden schlafen, fressen und brüten.
Doch welche tieferliegenden Haltungen und Meinungen verstecken sich hinter alltäglichen Begegnungen von Mensch und Taube? Wann genau sind Tauben „mehr“ als nur Tiere im Randbereich unserer Wahrnehmung?
Unser Forschungsprojekt betrachtet zwei im Raum „Stadt“ koexistierende Parteien: Seine „Eigentümer“, die Menschen, und ihre oft missverstandenen Mitbewohner, die Stadttauben. Teilnehmende Beobachtungen an öffentlichen Plätzen in Leipzigs Innenstadt untersuchen, wie sich die alltäglichen, beiläufigen Begegnungen von Menschen und Tauben gestalten und wie Letztere sich an menschengemachte Beschränkungen anpassen. In Interviews werden Ansichten, die Menschen den Tieren entgegenbringen sowie persönliche Geschichten und urbane Utopien gesammelt.
Im Verlauf unserer Forschung stellten wir fest, dass sich in alltäglichen Interaktionen mit Tauben das Konzept des „Nearby“ ausdrückt; ein Austausch zwischen Mensch und Tier, der im Unmittelbaren, Nahen stattfindet. Indem Menschen sich mit Tauben beschäftigen und sich für sie engagieren, entstehen außerdem alternative, „otherwise“ Wege und Zukunftsvorstellungen für ein Zusammenleben, das den Menschen nicht isoliert von anderen Lebensformen, sondern in Verflochtenheit mit ihnen sieht.
Das ausgestellte Nest übersetzt unsere Forschungsansätze in ein materielles Objekt. Es setzt sich zusammen aus einem verlassenen Vogelnest als Grundgerüst, sowie aus Taubenfedern, ausgeblasenen Taubeneiern und Abfällen der Leipziger Straßen. Indem natürliche Nistmaterialien mit zweckentfremden Gegenständen menschengemachten Ursprungs zusammenkommen, wird sichtbar, dass der vermeintliche Rückzugsort der Tauben von urbanen, menschlichen Eingriffen geprägt ist. Verpackungsmüll wird zum Ersatz, bzw. zur Ergänzung von Zweigen, Gefieder und Pflanzenteilen; die Metallspikes stehen für die ständige Konfrontation der Tauben mit gesellschaftlichen Einschränkungen und Kontrollmaßnahmen. Das Objekt verbindet Schutz und Bedrohung und zeigt die Verflochtenheit menschlichen und nichtmenschlichen Lebens in der Stadt. Des Weiteren soll verdeutlicht werden, wie Tauben sich anpassen und Hindernisse umgehen, um in einer Stadt, die von Menschen für Menschen geplant ist, zu überleben.
Herzlichen Dank an unsere Interviewpartner*innen sowie den Verein AG Pro Stadttaube e.V. für die Kooperation!
Noa Bader, Mila Bozic, Lilo Klier, Kara Wöhl
Material: Interaktive Station mit Boxhandschuhen und Pratzen, Plakat für fortlaufende Gedankensammlung
Wie drücken sich Ideale des Arbeitersports im Arbeitersportverein heute aus und welche Grenzen und Herausforderungen gibt es?
Sport im Verein kann toll sein, aber auch teuer. Höher, besser, schneller, weiter! Häufig wird sich dabei an Wettkampfmaßstäben orientiert; der Aufstiegs- und Konkurrenzgedanke ist so auch in unserer Freizeitbeschäftigung fest verankert. Sport ist fast ausschließlich zu einem Mittel zum Zweck der Optimierung geworden.
An dieser Stelle kommt der Arbeitersport ins Spiel, mit dem wir uns in unserer Forschungsarbeit beschäftigen. Leipzig war eine Hochburg des Arbeitersports und noch heute wird sich mancherorts an dieser Tradition orientiert. Die Bewegung des Arbeitersports will andere Möglichkeiten des Sporttreibens aufzeigen. Es geht um Zugänglichkeit, niedrigschwellige Angebote, Offenheit und Solidarität. Im Mittelpunkt steht das Sporttreiben im Kollektiv, Spaß und ein gesunder Körper, der nicht im Interesse des Kapitalismus arbeitet. Als Teil der Nachbar*innenschaft versucht der Arbeitersportverein diese zu stärken und setzt sich gegen Vereinzelung und Individualismus ein: Politik als alltägliche Praxis im kleinen Rahmen, ohne das große Ganze aus den Augen zu verlieren.
Mit einem anthropologischen Blick wollen wir unter anderem untersuchen, wie der Arbeitersport als Ort für Gemeinschaft funktioniert. Wie kann im Sport ein politischer Anspruch erwachsen, der auch außerhalb des Vereins gelebt wird und welche Rolle spielen Körper und Geschlecht beim Training und im Verein? Wie werden die Ideale des Arbeitersports gelebt und welche Herausforderungen ergeben sich?
Im Rahmen der Ausstellung wollen wir dies anhand einer kleinen selbstorganisierten Mitmachstation mit Boxequipment selbst erproben. Findet euch zusammen, alleine klappt es nicht !
Es soll ein Raum in einem Raum entstehen, in dem sich niedrigschwellig, offen und zugänglich sportlich betätigt werden kann - ganz im Sinne des Arbeitersports und der Gemeinschaft. Was kann dadurch entstehen, beim Arbeitersport, aber eben auch hier im Ausstellungsraum? Was für Möglichkeiten von Solidarität und Gemeinschaft kann der gemeinsame Sport aufmachen?
Franziska Berg, Leo Schwarzhans
Material: alles aus Tauschhäusern
Forschungsfrage: Inwiefern entsteht durch Tauschschränke ein Konflikt zwischen kapitalistischen Grundsätzen und Solidarität in der Nachbarschaft?
Tausch oder Täusch? Unser Modell eines Tauschschranks soll zur Benutzung einladen - geben, nehmen, tauschen! Das Kunstprojekt „Täuschschränke?“ ist Teil einer forschungsbasierten Auseinandersetzung mit der Frage, inwiefern durch Tauschschränke ein Konflikt zwischen kapitalistischen Grundsätzen und Solidarität in der Nachbarschaft entsteht. Dabei haben wir uns mithilfe von Beobachtungen, Interviews und Interaktionen zwei Tauschschränke in Plagwitz näher angeschaut.
Tausch in einer individualisierten Gesellschaft scheint weit mehr zu sein als eine materielle Reziprozität. Menschen tauschen neben Kleidung, Büchern oder Geschirr auch gemeinsame Zeit, kurze oder längere Gespräche. Teils findet der Tausch auch mit einer zeitlichen Verzögerung statt oder wirkt sich eher auf Gefühle aus, die durch die Interaktion mit den Tauschschränken hervorgerufen werden: Ich gebe alte Dinge und habe danach ein Gefühl der Wohltätigkeit, geholfen zu haben. Ich nehme etwas mit und habe trotzdem nicht etwas Neues in einem Geschäft kaufen müssen.
Gleichzeitig lesen wir Tauschschränke auch als Symbol des Überflusses im kapitalistischen System. Durch Gespräche fanden wir heraus, dass mindestens eine ehrenamtliche Person täglich am Tauschschrank aufräumt und dabei auf viele Gegenstände trifft, die eigentlich in den Müll gehören. Dadurch kommt es zu Konflikten mit der Stadt und innerhalb der Nachbarschaften, die vermehrt in Verboten der Tauschmöglichkeiten enden.
So wie Tauschschränke Orte eines gemeinsamen „Inbetween“ sind, soll auch unser Kunstprojekt Interaktionen und Aufeinandertreffen verschiedener Räume, Menschen, Ideen und Gedanken ermöglichen.
Sarah Schwaldt
Material: Papier, Pappe, Geschenkpapier, Buchbindegarn
Welchen Problemen begegnen Indonesier bei der Migration nach Deutschland?
Nur die Worte, die in einer Fremdsprache gelernt werden, sind bekannt. Wie benennt man den Gegenstand, den man noch nicht kennt? Die Sprachbarriere wird für uns alle im Alltag immer relevanter. Dies gilt sowohl auf Reisen als auch innerhalb von Deutschland. Heutzutage wird Englisch oftmals als Brücke zwischen zwei verschiedenen Sprachen verwendet. Meine künstlerische Darstellung ist ein dreisprachiges Bilderwörterbuch.
Doch es gibt auch Personen, die gezielt Deutsch lernen, um hier in Deutschland arbeiten und im Alltag klarkommen zu können.
In meiner Arbeit fokussiere ich mich auf Indonesier, die bereits in Deutschland leben, sowie die Schwierigkeiten, die ihnen in ihrem alltäglichen Leben begegnen. Wie ist es, Deutsch aktiv zu lernen? Mit welchem Niveau kann man nach Deutschland? Und vielen weiteren Fragen gehe ich nach.
Den Zugang habe ich durch private Kontakte.
Anni Riedel, Lenny Menzel, Constanze Baumeister
Materialien: Fotos, ein Poster, Gewürze im Glas, Musikbox, Getränkekisten, Gemälde, kleine Zeichnungen
Welche Bedeutungsebenen verbergen sich hinter einem Späti als Nearby Space?
Der Begriff „Späti“, kurz für Spätverkauf, entstammt der DDR. Hier konnten sich Arbeiter*innen auch nach einer späten Schicht mit Lebensmitteln eindecken. Noch heute gehören sie zum Stadtbild der deutschen Großstädte und versorgen Kund*innen mit Getränken, Snacks, Tabak, Lebensmittel und Haushaltssachen. Auch das Leipziger Stadtbild ist von Spätis durchzogen. Über 40 von ihnen sind in den einzelnen Stadtteilen verteilt zu finden.
Spätis sind mittlerweile nicht mehr nur Einkaufsmöglichkeiten, sie sind zu Orten des Verweilens geworden.
Wird der Späti hiermit zum Near By Space?
Das Near By nach Biao Xiang beschreibt den Ort zwischen dem Zuhause und dem Arbeitsplatz, der durch einen niedrigschwelligen Zugang gekennzeichnet ist. An diesem Ort treffen sich zufällig Menschen aus verschiedenen Bereichen und in unterschiedlichen Lebenssituationen.
Die verschiedenen Bedeutungsebenen und Motive des Hingehens wollen wir in unserer sozial- und kulturanthropologischen Forschung anhand eines Spätis in der Leipziger Südvorstadt erforschen. Das Besondere an diesem Späti ist das Doppel Konzept des Ladens: Zum einen wird hier das gängige Späti Sortiment verkauft, zum Anderen fungiert der Raum jedoch auch als Restaurant, welches tagtäglich frische kurdische Spezialitäten anbietet.
Um unsere Forschungsfrage zu erörtern, konzentrieren wir uns auf drei verschiedene Teilfragen.
Inwiefern erfüllt ein kurdischer Späti die Rolle als Nearby Space und wie tragen sowohl Besuchende als auch Mitarbeitende zu seiner Erhaltung bei?
Inwiefern fungiert ein kurdischer Späti als Nearby Space und als Ort von home/place making?
Wie sieht die Arbeit in einem Späti als Nearby Space aus?
Unsere Forschungszeit an dem Späti war neben den Beobachtungen und Gesprächen umhüllt von der Musik, die über die Musikbox zu hören ist. Zudem gehörte meist eine kurdische Speise dazu. Immer teze (frisch) zubereitet! Riecht gerne selbst an den Gewürzgläsern, um eine Idee für die kurdische Küche zu bekommen.
Das ausgestellte Poster hing die Forschungszeit über an der Tür des Spätis. Wir wollten von den Kund*innen wissen, warum sie an diesen Späti kommen. Das Poster wollen wir zusammen mit dem Gemälde an das Team des Spätis als Dankeschön zurückgeben.
Hedi Schmidt, Leni Schönicke, Stjarna Woellner
Material: Pappaufsteller im Stil der Trolleys der Zeugen Jehovas (ca. 1,30 m)
Aus einem zufälligen Gespräch über Religionserfahrungen in Leipzig entwickelten wir ein konkretes Interesse an der Präsenz der Zeugen Jehovas im urbanen Raum. Wir fragten uns: Wie werden sie wahrgenommen? Werden sie das wirklich oder sind sie eher passive Teilnehmer des urbanen Geschehens? Wie wird mit ihnen interagiert? Wie empfinden sie selbst ihre Präsenz im Alltag?
Den größten Teil unserer Forschungspartner*innen machen Mitglieder der Zeugen Jehovas aus, die wir nach ihren Erfahrungen an den Trolleys befragt haben. Trotz erster Zweifel und Schwierigkeiten einen Zugang zu finden, eröffneten sich im Forschungsprozess eine unerwartete Bandbreite an Gesprächsmöglichkeiten und -themen. So entwickelten wir schließlich, v.a. im Hinblick auf die Hausarbeit, einen zweiten Forschungsschwerpunkt: die Geschichte der Zeugen Jehovas in Deutschland und ihre Unterdrückungserfahrungen in der DDR.
Schnell wurde klar, dass die externe Wahrnehmung der Zeugen Jehovas und deren persönliche Erfahrungen nicht generalisierbar sind. Jede Interaktion, jede Empfindung muss individuell betrachtet werden. Sowohl die eigenen religiösen Biographien als auch gesellschaftliche Einflüsse haben die Menschen geformt, mit denen wir gesprochen haben. Um dieser Vielfalt gerecht zu werden, haben wir in der künstlerischen Darstellung einige Zitate unserer Forschungspartner*innen in Form von Sprechblasen hervorgehoben.
Als kleinen Einblick in unseren Forschungsprozess stellen wir neben Flyern der Zeugen Jehovas auch unsere Interviewfragen und einige unserer Erkenntnisse bereit. Um auch die Gäste der Vernissage zum Mitdenken und zur Partizipation anzuregen, stellen wir Papier und Stifte bereit und richten uns an euch:
Wie nehmt ihr die Zeugen Jehovas wahr?
Nehmt ihr sie aktiv wahr?
Was assoziiert ihr mit ihnen?
Welche Fragen würdet ihr stellen, wenn ihr die Möglichkeit hättet?
Nele Hänneschen
Material: Installation auf Holzplatte mit rotem Faden (ca.30x30cm)
Welche emanzipatorische Bedeutung hat ein Senior*innentreff für die sozialen Beziehungen und die Teilhabe am Alltag für die Besucher*innen?
Wer macht sich Sorgen ums Alleinsein im Alter?
Mit dieser Frage besuchte ich einen Senior*innentreff in Leipzig. Schnell wurde meine ursprüngliche Forschungsfrage von einer anderen abgelöst:
Welche emanzipatorische Bedeutung hat der Senior*innentreff für die sozialen Beziehungen und die Teilhabe am Alltag für die Besucher*innen?
Die roten Fäden machen die Beziehungen sichtbar, die im Senior*innentreff entstehen. Sie verbinden Menschen miteinander, führen in den Treff hinein und von dort weiter nach außen, zu weiteren Begegnungen, Aktivitäten und sozialen Räumen. Der Senior*innentreff erscheint dabei nicht nur als Ort der Begegnung, sondern als Ort der Emanzipation und als Ausgangspunkt für soziale Teilhabe und neuen Verbindungen im Alltag.
Wie die Leipziger Buslinie 70 als vermeintlicher „Nicht-Ort“ urbane Teilhabe und Räume des Seins produziert.
Valentin Abanop Fuchs
Material: Poster
Forschungsfrage: Wie wird die Leipziger Buslinie 70 von einem vermeintlich anonymen Nicht-Ort in einen gelebten Raum urbaner Teilhabe transformiert und welche Beiträge zur spatial justice werden dabei im Alltag realisierbar?
“45 Stationen. 65 Minuten Fahrzeit. Eine Verbindung, die sich querstellt: Vom Nordosten Leipzigs, über den Osten der Stadt bis tief in den Süden trotzt die Buslinie 70 der klassischen radialen Struktur des Leipziger Nahverkehrs. Als grundlegende Tangentiallinie verbindet sie verschiedene Viertel der Stadt, die auf den ersten Blick nicht unterschiedlicher sein könnten: Sie verknüpft Alt und Jung, migrantisch und nicht-migrantisch geprägte Nachbar*innenschaften, sowie einkommensstarke Viertel und solche, die strukturell von Stadt und Staat vernachlässigt werden, in einem Raum, der die Stadt im 10-Minuten-Takt durchquert.
Ausgehend von verschiedenen anthropologischen Zugängen werden öffentliche Verkehrsmittel vorrangig als ein Ort des reinen Transits, der Anonymität und der Funktionalität verstanden, doch hinter diesen eindimensionalen Zuschreibungen verbirgt sich vielleicht eine eigene, fluide Form des Seins und der Zugehörigkeit. Durch die Überwindung stadträumlicher Segregation ohne einen Umweg über das Stadtzentrum kann die Linie 70 als Beförderer für urbane Gerechtigkeit fungieren. Sie demokratisiert den Zugang zu elementaren Lebenswelten der Stadtbewohner*innen: von Einkaufsmöglichkeiten in Reudnitz und Mockau über studentisch-jugendliche Orte, wie der HTWK, dem Lene-Voigt-Park und der Eisenbahnstraße bis hin zu peripheren Naherholungsgebieten, wie dem Cospudener See oder dem „Bagger“-See in Thekla.
Der vermeintliche Transitraum wird so zum sozialen Mikrokosmos in ewiger Bewegung. Die Linie 70 sichert mobile Teilhabe für eine diverse Stadtgesellschaft und verankert das „Recht auf Stadt“ im Leipziger Alltag.”
Hanna Christof
Material: Mit Faden bestickte Fotocollage
In der Eisenbahnstraße 109 sitzt die "Treuhand". Ah! Nicht die Treuhandanstalt von 1990? Die für eine symbolische D-Mark das Volkseigentum der DDR verscherbelte? Quatsch! Nur eine Bar. Eine Bar, in der man vom Nebentisch darauf aufmerksam gemacht wird, dass die Begriffe "Wessi" & "Ossi" obsolet seien und als unhöflich gelten, denn die Wiedervereinigung ist 36 Jahre her! Auf die Nachfrage, ob man wisse, was genau die Treuhandanstalt im Kontext der Wiedervereinigung war, brach großes Gelächter aus. Mit der Antwort: "Meinst die Bar hier, oder wie?"
Für viele Ostdeutsche steht die Treuhandanstalt sinnbildlich für den „Ausverkauf des Ostens“ und teilweise als einer der Gründe, warum eher von einer Annexion anstatt einer Wiedervereinigung gesprochen wird. Für die anderen ist das nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Die einen sagen, wir sind vereint, die anderen fühlen sich noch immer entzweit.
Anhand geführter Interviews in der Bar "Treuhand" möchte ich erforschen, inwieweit sich ost- und westdeutsche Perspektiven auf die deutsche Wiedervereinigung unterscheiden, wie sie erinnert, bewertet und erzählt werden.
Neo Adrís Seeber
Format: Rauminstallation
Material: Text auf Papier, Screenshots, Audio, Diaspora Karten
Wo ist die dominikanische und haitianische Diaspora in Leipzig und wie erleben sie Zugehörigkeit, Sichtbarkeit und Anerkennung in der Stadt?
Diese Forschung begann mit einer Frage, die aus Sehnsucht entstand und der Vermissung eines Teils von Identität und Gemeinschaft. Sie endete vorerst mit gelesenen und unbeantworteten Nachrichten.
Auf der Suche nach der haitianischen und dominikanischen Diaspora in Leipzig bewegte ich mich durch Parks, Seen, ein venezolanisches Restaurant, Straßenbahnen, Latinx Gruppen.
Was bedeuted es keinen Zugang zum "Feld" zu bekommen?
Fast alle Menschen, mit denen ich sprach, waren selbst überrascht, dass sie keine einzige dominikanische oder haitianische Person kennen, die in Leipzig lebt. Das Feld existiert vielleicht nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Während dominikanische und haitianische Diaspora-Gemeinschaften in New York, Rotterdam, Miami oder Berlin Stadtteile prägen, bilden die wenigen, die in Leipzig leben, möglicherweise kein zugängliches Netzwerk oder es gibt schlicht kaum welche.
Diese Forschung löst diese Frage nicht auf. Die Suche geht für mich weiter nach Berlin und nach Hamburg, wo Deutschlands einziges dominikanisches Restaurant kürzlich geschlossen hat.
Paul Hartwig
Material: Soundcollage über Kopfhörer und mp3 Player (ca. 25 min. Loop), Digitaldrucke auf Transparentpapier (8x A5), Holz, Faden
Wie entsteht durch nachbarschaftliche Beziehungen ein gemeinsamer Handlungsraum und welche Möglichkeiten eröffnet dieser?
Nachbarschaft ist mehr als räumliche Nähe. Sie entsteht durch alltägliche Begegnungen,
gegenseitige Unterstützung und gemeinsam gelebte Momente. Ausgehend von Interviews und teilnehmender Beobachtung in einer Hausgemeinschaft in Leipzig-Connewitz untersucht dieses Projekt, wie nachbarschaftliche Beziehungen einen gemeinsamen Handlungsraum hervorbringen und welche Möglichkeiten daraus entstehen. Im Mittelpunkt stehen kleine alltägliche Praktiken wie spontane Gespräche im Hausflur, gemeinsame Feste oder gegenseitige Hilfe, durch die Vertrauen, Solidarität und Gemeinschaft entstehen können. Diese Gemeinschaft durch eine Kombination vieler kleiner Aspekte wird in eine Klangcollage aus aus Klängen aus dem Haus widergespiegelt. Ergänzend bringen einige Acetondrucke auf Transparent ein visuelles Netz aus Fragmente des Wohnhauses ein. Die Installation lädt dazu ein, Nachbarschaft nicht nur als soziales Konzept zu verstehen, sondern als Atmosphäre und gelebte Erfahrung wahrzunehmen
Helen Sophie Diehlmann, Jasmin Romy Hahn, Amelie Schönitz, Clara Bérénice Schwab
Material: Kurzfilm auf einem Fernseher, ein kleiner Tisch und zwei Stühle
Warum kehren junge Menschen vermehrt zur Analogie zurück im Kontext von Online Dating und Speed-Dating Events?
Swipe links, swipe rechts...it`s a Match! Online-Dating Plattformen sind schon längst fester Bestandteil der Datingkultur junger Menschen. Jederzeit überall erreichbar sein, wenig Effort, nach jedem Swipe kann jemand "Besseres" kommen. Schnell, einfach, unverbindlich, niemals endend. Convenience Culture at its finest. Das ist Dating in 2026. Die vermeintlich beste Lösung für unser Zeitalter. Doch in den Socials dominiert seit der Jahreswende ein neuer #2026istdasneue2016. Analoge Kameras, Kabelkopfhörer, Klapphandys - ist das der Trend der sich gegen die komplette Einnahme von Digitalisierung in alle unsere alltäglichen Lebenspraxen stellt? Genau diese Ambivalenz hat uns zu unserer Forschungsarbeit inspiriert. Was macht Digitalisierung mit der Wahrnehmung von zwischenmenschlichen Beziehungen? Warum gehen junge Menschen vermehrt wieder den vermeintlich aufwendigeren Weg des analogen Datings? Wie beeinflusst die Selbstinszenierung online unsere Eigen- und Fremdwahrnehmung im Bezug auf das Datingverhalten und warum werden immer mehr junge Menschen müde von Dating Apps? Unser Kurzfilm ist ein Abriss unserer Impressionen und Erfahrungswerte von Online-Dating und Speed-Dating Events, die wir durch teilnehmende Beobachtungen, Interviews mit Teilnehmenden von Speed-Dating Events sowie Gesprächen über unsere eigenen Erfahrungen von Online Dating gesammelt haben. Unsere Arbeit soll vor Allem zum Nachdenken anregen: Nachdenken über die eigene Inszenierung auf Dating Plattformen, wie dieses mit dem eigenen Datingverhalten zusammenhängt und ob #2026istdasneue2016 einen transformativen Gegentrend darstellen kann.
ZWISCHEN UNS
“ZWISCHEN UNS” ist ein multimodales Projekt, das im Rahmen des Moduls “Praxis und Transfer” im Wintersemester 2025/26 entstanden ist. Im Kontext des Seminars “Künstlerische Strategien als Vermittlungsform in pluralisierten Gesellschaften” fragen wir uns, welche Möglichkeiten wir haben, den aktuellen politischen Spannungen und der daraus resultierenden Fragmentierung unserer Gesellschaft zu begegnen. Wie können wir eine Atmosphäre der Spaltung und des Misstrauens destabilisierte Gesellschaft überwinden und Brücken für ein gemeinschaftliches bauen?
Grundlage des Seminars ist die Auseinandersetzung mit Differenzen und mit der Frage, wie wir in einer pluralen Stadtgesellschaft miteinander interagieren und kommunizieren. Im Zentrum steht dabei das Nachdenken über Formen des Zusammenlebens: Wie können wir uns als Stadtgemeinschaft begreifen? Wie lässt sich Verständnis für das entwickeln, was uns zunächst fremd oder unverständlich erscheint? Ausgangspunkt ist die Annahme, dass wir selbst Teil der Öffentlichkeit sind. Wir möchten sichtbar machen, dass Gesellschaft nicht trotz, sondern gerade durch unterschiedliche Perspektiven, Meinungen, Bedürfnisse und Erfahrungen entsteht. Nach unserem Verständnis bedeutet Vielfalt keine Spaltung, sondern eröffnet Möglichkeiten für Dialog, Aushandlung und solidarisches Miteinander, auch und gerade in Zeiten gesellschaftlicher Krisen.
Anthropologie verstehen wir dabei als ein Instrument des Perspektivwechsels, als Praxis des Zuhörens, des Sich-Einlassens und des Hineinversetzens in die Lebenswelten anderer. Wie können wir Kunst nicht nur als Ausdruck kultureller Identität verstehen, sondern als Medium, mit dem soziale Brücken gebaut, Diskurse geöffnet und neue Öffentlichkeiten geschaffen werden können?
Vor dem Hintergrund aktueller Debatten um Öffentlichkeit, dem Kampf um kulturelle Hegemonie, der Elitisierung von Wissen und unterschiedlich verteilten kulturellen Kapital fragen wir danach, wie Kunst und Kultur heute präsentiert und vermittelt werden. Was bedeutet Öffentlichkeit und was braucht es, um diese herzustellen? Was bedeutet kulturelle Teilhabe? Wer hat Zugang zu Kulturinstitutionen und wie kann dieser Zugang geschaffen werden? Welche und wessen Bedürfnisse werden dabei berücksichtigt? Ausstellungen und Museen begegnen uns dabei als Orte, an denen gesellschaftliche Bedeutungen verhandelt werden und die mit kuratorischen Strategien als kritisches Werkzeug erweitert werden können. Im Rahmen des Seminars setzten wir uns daher intensiv mit der Frage auseinander, welche Möglichkeiten Kunst und Kuration bieten, als Medium für Teilhabe und Dialog zu wirken und zwischen unterschiedlichen Perspektiven zu vermitteln.
Im Verlauf des Semesters erhielten wir Einblicke in die Debatten, Arbeitsweisen und Praxis Formate verschiedener kultureller Akteure in Leipzig sowie die Möglichkeit uns gegenseitig auszutauschen. Dazu gehörte unter anderem Live Speaking, ein Vermittlungsformat des Grassi Museums für Völkerkunde zu Leipzig, das sich mit Kunstvermittlungsstrategien zur kolonialen Aufarbeitung beschäftigt und darauf abzielt, möglichst vielen Besucher:innen Zugänge zu komplexen Themen in einem sich wandelnden ethnologischen Museum zu eröffnen. Zudem lernten wir die aktuellen Künstler:innen des Leipzig International Art Residency Programms (LIA) in der Baumwollspinnerei Leipzig und ihre Arbeitsweisen kennen. In Kooperation mit dem Auswärtigen Amt widmen sich die aktuellen Residency Künstler:innen aus Nicaragua, Tansania und Südafrika den Archiven der Herrnhuter Brüdergemeinde um eine koloniale Aufarbeitung durch künstlerische Auseinandersetzung anzustoßen. Weitere Einblicke erhielten wir in die Arbeit des Museums der bildenden Künste (MdbK) Leipzig sowie in das dort von der Kulturstiftung des Bundes geförderte Programm „Übermorgen – Neue Modelle für Kulturinstitutionen“. Unter dem Projekttitel „Was fehlt – Beziehungen als Zukunftswerkzeug des Museums“ werden neue Arbeitsweisen erprobt und Konzepte für einen gemeinschaftsstiftenden Museumsort entwickelt.
Zum Ende des Semesters steht nun die Entwicklung und Umsetzung eines eigenen Format im Vordergrund, welches im öffentlichen Rahmen umgesetzt wird. Dabei kommen Ansätze aus der Public Anthropology, multimodale Ansätze sowie der praktischen Kulturarbeit zum Einsatz, um Wege zu erproben, wie Wissen öffentlich sichtbar und zugänglich gemacht werden kann.
Die Projekte laden dazu ein, vermeintliche Grenzen zwischen „uns“ und „den anderen“ zu hinterfragen und erfahrbar zu machen, dass das Fremde oft näher ist, als es scheint, indem die Öffentlichkeit als geteilter Raum verstanden wird.
https://polylog-ik.github.io/fragen-an-die-zukunft/
Projekte
Fragments of Leipzig - Visuelle Ethnographien im urbanen Raum
Die Ausstellung Fragments of Leipzig - Visuelle Ethnographien im urbanen Raum präsentiert visuelle, auditive und materielle Annäherungen an den urbanen Raum Leipzigs. Sie ist das Ergebnis eines forschungsorientierten Lehrprojekts des Instituts für Ethnologie der Universität Leipzig im Sommersemester 2025, das sich mit sozial- und kulturanthropologischen Forschungsmethoden und deren theoretischer Verortung beschäftigt. Ziel des Projekts ist die Sichtbarmachung und Zugänglichmachung studentischer Forschung im öffentlichen Raum.
Basierend auf einer Einführung in verschiedene Methoden der ethnographischen Feldforschung – darunter teilnehmende Beobachtung, Interviews und (audio-)visuelle Verfahren – sowie einer historischen Kontextualisierung ethnologischer Wissensproduktion, entwickelten die Studierenden zwischen April und Juli 2025 eigene Forschungsfragen und setzten diese empirisch um. Teil dieser Ausarbeitung war es, in einer zweiten Projektphase das gesammelte Wissen in eine Ausstellung zu übertragen.
Die Ausstellung überführt die ethnographische Forschung in eine erfahrbare, sinnlich zugängliche Form und macht sie außerhalb des akademischen Kontexts sichtbar. Ein Spätverkauf wird dabei zum Ort der Begegnung: Die üblichen Regale und Verkaufsflächen verwandeln sich in Träger von Bildern, Texten, Karten, Objekten, Zeichnungen, Fundstücken und Medienfragmenten. Jedes Exponat ist, ähnlich wie die Produkte in den Regalen, mit einem Code versehen, der beim scannen individuelle Forschungsprozesse, Hintergründe und Fragestellungen digital zugänglich macht. Ergänzt wird die Präsentation durch kurze Audio- und Videosequenzen, Interviews, Erzählungen und klangliche Dokumente, die während der Feldforschung entstanden sind.
Theorie in Bildern - Envisioning Theory
„Theorie in Bildern“ ist ein aus einem Lehr-Lern-Experiment entstandener international rezipierter Ansatz, der eine lebendige Annäherung an Theorie in Seminaren ermöglicht und dabei abstrakte Konzepte durch Visualisierung und kreative Methoden greifbar macht.
Ziel ist es, das Erfahrungslernen (Experiential learning) in das Genre des Theorieseminars einzuführen. Während andere Fächer Statistik, Berechnungen und Experimente nutzen, gehört in der Sozial- und Kulturanthropologie die Lektüre akademischer Texte zur DNA des Studiums. Konzepte und Theorien liefern eine Art erweiterbares Toolkit für das Verstehen und Erfassen sozialer Praxis und politischer Formen. Dabei haben viele Texte eine hoher inhaltlicher Dichte, die insbesondere zu Beginn des Studiums eine sprachliche Herausforderung darstellt und durch ihre Autorität einschüchternd wirken kann.
Mit „Theorie in Bildern“ begegnen wir diesen Herausforderungen, indem die emotionalen, künstlerischen und kommunikativen Kompetenzen der Studierenden mit in den Prozess des Lesens einbezogen werden. In Kleingruppen arbeiten die Studierenden die Kernbotschaften der Texte heraus, und suchen Wege, diese erfahrbar zu machen. Anstatt zu fragen „Wie denkt diese Autorin? Wie argumentiert sie?“, fordert das Experiment die Studierenden auf, sich in der Gruppe zu überlegen: „Was ist die Kernidee und wie können wir sie ausdrücken?“ Die Studierenden sind somit Mitgestalter:innen des Ansatzes.
Im Modul Körper, Verwandtschaft, Geschlecht wurde der Ansatz auf kreative und vielseitige Weise aufgegriffen, von Performances und kleinen Inszenierungen, Raumkonstellationen, Spiele, bis hin zu A3 Formaten, die Mindmaps oder Wortspiele zeigen.
envisioning-theory-an-anthropological-teaching-experiment-part-one
envisioning-theory-an-anthropological-teaching-experiment-part-two
Master Forschungsprojekte
Diese Seite bietet einen Überblick über die aktuellen Forschungsprojekte, die von Masterstudierenden unseres Instituts durchgeführt werden. Die Projekte zeigen die thematische Vielfalt und die unterschiedlichen methodischen Ansätze, mit denen sich unsere Studierenden mit aktuellen anthropologischen Fragestellungen auseinandersetzen.
Einmal im Jahr werden diese Projekte im Rahmen des MA-Researchday dem gesamten Institut vorgestellt. Die Studierenden präsentieren dabei ihre Forschungsfragen, den Stand ihrer Arbeit und ihre ersten Ergebnisse. Ziel der Veranstaltung ist es, einen offenen Raum für den akademischen Austausch zu schaffen und Feedback sowohl von den Studierenden als auch von den Mitgliedern des Instituts zu ermöglichen.
Die folgenden Projekte geben einen Einblick in die aktuelle Forschung an unserem Institut.
Aktuelle Forschungsprojekte
Verliere dich selbst – Die existenzielle Schuld der Nation in der militärischen Opferwirtschaft
Dieses Forschungsprojekt untersucht, wie deutsche und US-amerikanische Veteranen des Globalen Krieges gegen den Terrorismus (GWOT) nach ihrer Rückkehr aus einem Konflikt, der weithin als politischer und strategischer Misserfolg angesehen wird, mit ihrer Identität und Zugehörigkeit umgehen. Ausgehend von Ghassan Hages Interpretation von Pierre Bourdieus Werk als politische Ökonomie des Seins analysiert die Arbeit, wie militärische Institutionen durch das Versprechen von existenziellem Kapital funktionieren.
Für viele, die mit begrenztem wirtschaftlichem, sozialem oder kulturellem Kapital zum Militär kamen, bot die Einberufung einen strukturierten Weg, ihr Dasein zu verbessern – einen Weg zu einer wertvollen Identität, einem Sinn und einem Platz innerhalb der nationalen Ordnung. Einsätze und Kampfhandlungen, die in dieser Ökonomie des Seins als die wertvollste Währung gelten, scheinen durch Opferbereitschaft Anerkennung und Bedeutung zu garantieren. Nach ihrer Rückkehr nach Hause sehen sich Veteranen jedoch mit der Verletzung dieses existenziellen Vertrags konfrontiert: Die Gleichgültigkeit der Öffentlichkeit, die Vernachlässigung durch die Bürokratie und die moralische Zweideutigkeit des GWOT entwerten genau die Opfer, die ihren Wert sichern sollten. Dieser Entzug des existenziellen Kapitals führt nicht nur zu moralischen Verletzungen, sondern auch zu tieferen ontologischen Wunden, die die Fähigkeit der Veteranen, kohärent in der Zivilgesellschaft zu existieren, destabilisieren und eine nationale existenzielle Schuld anhäufen.
Anhand hybrider ethnografischer Untersuchungen, die in militärnahen Einrichtungen, öffentlichen Veteranentreffpunkten und digitalen Foren durchgeführt wurden, untersucht dieses Projekt, wie Veteranen mit diesem Verlust ihres „Seins“ umgehen, und beleuchtet dabei die allgemeinen Spannungen in den zivil-militärischen Beziehungen in der Zeit nach dem Globalen Krieg gegen den Terrorismus.
Budjur, Ouhar, Neem und Ibni Adam – Eine interspezifische Analyse der politisch-ökologischen Landschaften der Region Guéra im Tschad
Diese Masterarbeit basiert auf einer viermonatigen Feldforschung in der zentral-tschadischen Provinz Guéra und untersucht die Rolle der drei weit verbreiteten Pflanzenarten Azadirachta indica, Balanites aegyptiaca und Calotropis procera bei der Gestaltung der soziopolitischen und ökologischen Landschaften der Region. In einem Kontext, in dem die Lebensgrundlagen vieler Menschen (Ibni Adam) zwischen Fragilität und Resilienz schwanken, untersucht die Arbeit, wie und warum diese Arten die (halb-)ländlichen Landschaften dominieren. Dazu verortet das Forschungsprojekt die sozioökologische Dynamik in der tschadischen Provinz Guéra an der Schnittstelle zwischen den beiden breiteren theoretischen Feldern der politischen Ökologie und der Multispezies-Anthropology.
Indem diese drei Pflanzenarten in den Mittelpunkt der Analyse gestellt werden, veranschaulicht die Forschung, wie ihre Präsenz aus einer Vielzahl ökologischer, sozialer und politischer Verflechtungen hervorgeht. In diesem Sinne können sich wandelnde Mensch-Pflanze-Beziehungen als Ausdruck komplexer Interaktionen innerhalb einer mehr als nur menschlichen Umwelt verstanden werden. Diese Interaktionen spiegeln die vielfältigen Kräfte wider, die unter volatilen Bedingungen versuchen, diese Beziehungen neu zu gestalten.
Letztendlich argumentiert die Arbeit, dass eine interspezifische Analyse aufzeigt, wie Landschaften (und die Kämpfe um sie) gleichzeitig von pflanzlichen Einflüssen, übermenschlichen Verflechtungen und groß angelegten, vom Menschen gestalteten politischen Interventionen geprägt werden und damit demonstriert, wie Landschaften entstehen.