Die Forschungsgruppe Lifeworlds in Crisis (LinC) untersucht Themen wie Migration, politischen Aktivismus, Rohstoffextraktion, Revolutionen und ihre Nachwirkungen, Vigilante-Regime, Infrastrukturen, digitales Unternehmertum sowie Gender- und feministische Perspektiven – mit einem besonderen Fokus auf afrikanische Kontexte und darüber hinaus.
Was erforschen wir?
Indem wir das alltägliche Leben von Menschen während kürzerer oder längerer Phasen von Krisen, Ungewissheit oder Ausnahmezuständen untersuchen – Phasen, die global in unterschiedlichen Ausprägungen auftreten – stellen die Projekte unserer Gruppe die Vorstellung infrage, dass das Alltägliche in solchen Zeiten zurückgedrängt werde. Stattdessen richten wir den Blick auf die Fortführung sozialer Beziehungen, auf Praktiken des Durch- und Weiterlebens sowie auf alltägliche Formen des Navigierens durch prekäre Situationen. Im Zentrum stehen dabei das situativ erzeugte Wissen und die Aushandlungen von Zugehörigkeit und Differenz mit anderen, die ebenfalls intensive Zeiten durchleben. Wir analysieren, wie sich Wissen und Praxis in ungleiche gesellschaftliche Verhältnisse einschreiben und verfolgen, wie Wissensprozesse – ihre Aneignung, Anwendung und Anpassung – auch in den Beziehungen zwischen Menschen und mehr-als-menschlichen Akteuren Gestalt annehmen.
Die Forschungsgruppe LinC steht unter der Leitung von Andrea Behrends.
Erfahren Sie mehr über Andrea Behrends in ihrem Profil.
Promovierende-Mitglieder
Über Alexander Waiblinger:
Alexander Waiblinger ist Doktorand am Institut für Anthropologie der Universität Leipzig. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf politisch-ökologischen Dynamiken und der mehr-als-menschlichen Anthropologie in den arabischsprachigen Regionen Subsahara-Afrikas.
Er hat einen Bachelor-Abschluss in Anthropologie der Universität Leipzig, im Rahmen dessen er vier Monate Feldforschung im Sudan durchführte, wobei er sich auf die Dritte sudanesische Revolution (2018–19) und die Protestbewegung konzentrierte, die zum Sturz des ehemaligen Diktators Omar al-Bashir führte. Während seines Bachelorstudiums nahm er unter der Leitung von Dr. Enrico Ille am ASA-Projekt „Afforestation in Sudan“ teil, in dem die Forschungsgruppe die Umweltauswirkungen von Flüchtlingen und anderen Akteuren auf die Vegetation und die Wälder im sudanesischen Bundesstaat White Nile untersuchte.
Alexanders Masterstudium der Anthropologie an der Universität Leipzig, das er 2026 abschloss, umfasste viermonatige Forschungsaufenthalte in der zentralchadischen Provinz Guéra mit thematischem Schwerpunkt auf der „Entstehung einer Landschaft im Ungleichgewicht“, nicht-menschlichen Akteuren und Umweltinterventionen. Während seines Masterstudiums arbeitete er zudem als studentischer Mitarbeiter in der interdisziplinären Forschungsgruppe „Plants and Politics“ am LeipzigLab, wo er sich gemeinsam mit einer Gruppe von Wissenschaftlern darauf konzentrierte, Umweltinterventionen und Renaturierungsinitiativen im gesamten Sahel nachzuzeichnen, mit besonderem Fokus auf einer Fallstudie im Bundesstaat Katsina im Norden Nigerias.
Über das Projekt – Co-Labouring with Trees: Vegetative Infrastrukturen, Zukunftsgestaltung und die stille Politik der Pflanzen im zentralen und östlichen Tschad
Alexanders Promotionsprojekt, das 9–12 Monate Feldforschung umfasst, untersucht die übermenschlichen Infrastrukturen, die Zukunftsgestaltung und die stille Politik der Vegetation im zentralen und östlichen Tschad, mit besonderem Fokus auf Bäume. Neben seiner Anstellung an der Universität Leipzig ist Alexander auch dem IMPRS Global Multiplicity verbunden.
E-Mail: alexander.waiblinger@uni-leipzig.de
Zur Person
Asma Ben Hadj Hassen ist Doktorandin in Sozialanthropologie am BIGSAS der Universität Bayreuth. Sie hat ihren Master in Anthropologie mit Schwerpunkt Afrikastudien an der Universität Sousse in Tunesien abgeschlossen. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Migration, Pflege, Gender und Rassifizierung, wobei sie besonderes interssiert an am Storytelling, der ethnografischen Praxis und dekolonialen feministischen Ansätzen ist. Sie ist Autorin von “Travailleuses domestiques en Tunisie” und Mitautorin von “Histoires à raconter: Itinéraires de migrant.e.s”, beide auf Französisch erschienen. Asma hat an zahlreichen Konferenzen und gemeinsamen Forschungsprojekten zum Thema Migration in Nord- und Westafrika sowie im Nahen Osten teilgenommen und sich an Debatten über Hausarbeit, geschlechtsspezifische Mobilität und Grenzpolitik beteiligt. Sie hat an der Universität Leipzig einen Kurs über Vertreibung und Grenzregime unterrichtet und ist Mitglied des "Le Laboratoire Mixte International de recherche MOVIDA" (Mobilités, Voyages, Innovations et Dynamiques dans les Afriques méditerranéenne et subsaharienne).
Kontaktieren Sie Asma via E-Mail: Asma.Ben-Hadj-Hassen(at)uni-bayreuth.de oder Benhadjhassenasma(at)gmail.com oder telefonisch unter +49 (01)704181172.
Über das Projekt: Eine Ethnografie der Erfahrungen ivorischer Migrantinnen als Hausangestellte in und durch Tunesien
Diese Ethnografie untersucht die Schnittstelle zwischen Pflege und Migration in den Lebenswegen ivorischer Hausangestellter in und durch Tunesien und ordnet ihre Arbeit in breitere Machtstrukturen ein. Unter Verwendung eines intersektionalen Rahmens und einer multisite-Ethnografie in Abidjan, Tunesien und Marseille untersucht die Studie, wie soziale Kategorien wie Klasse, Ethnizität und Geschlecht die alltäglichen Praktiken, Positionierungen und Handlungsformen dieser Frauen in den verschiedenen Räumen, in denen sie leben, prägen, insbesondere in einem Migrationskontext, der durch Gewalt an den Grenzen und eingeschränkte Mobilität gekennzeichnet ist. Das Projekt untersucht darüber hinaus, wie rechtliche Unsicherheit und individualisierte Migrationsstrategien die Bedingungen und Dynamiken der Hausarbeit für ivorische Migrantinnen in Tunesien beeinflussen. Ihre Bewegungen sind Teil eines umfassenderen Prozesses des „se chercher” im Mittelmeerraum, einer Suche nach Selbstverwirklichung, sozialer Mobilität und persönlichen Zielen. Für diese Frauen verkörpert Migration sowohl Notwendigkeit als auch Wunsch und spiegelt ein proaktives Interaktion mit neuen Möglichkeiten durch Arbeit und Mobilität in einem Kontext zunehmend eingeschränkter Bewegungsfreiheit wider.
Hier folgen bald weitere Informationen zu und Eindrücke aus dem Forschungsprojekt.
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Büsra Üner
Titel der Forschungsarbeit
Die (nicht-)vernetzten feministischen und Umweltbewegungen im Spannungsfeld von (Un-)Sicherheit, Armut und Ungerechtigkeit: Ein Fallbeispiel aus Somkhele in Südafrika
Zusammenfassung
Wie viele andere rohstoffreiche Regionen hat auch Südafrika in den letzten Jahren eine erhebliche Zunahme der Rohstoffgewinnung erlebt. Insbesondere der Kohleabbau hat in der Region KwaZulu-Natal in der Nähe von Durban zugenommen (Finkeldey 2023), wobei die Kohle über die Häfen von Richards Bay und Durban nach Übersee transportiert wird. Somkhele, ein Dorf 60 Kilometer von Richards Bay entfernt, ist seit 2009 am stärksten von dieser Industrie betroffen. Die Auswirkungen des Kohleabbaus in dieser Region werden durch den immer gravierender werdenden Klimawandel noch verschärft, was zu weit verbreiteter Armut, Ernährungsunsicherheit, Energieknappheit und Wassermangel führt. Für die Menschen in Somkhele verschärfen sich die Nöte täglich, doch sie sind weiterhin auf Hilfe von außen angewiesen, insbesondere von zivilgesellschaftlichen Organisationen, um ihre Notlage zu lindern. Diese Situation wirft kritische Fragen zur Dynamik von Umwelt- und Klimagerechtigkeit in Südafrika auf: Warum gab es nur begrenzte Mobilisierung der Bevölkerung als Reaktion auf diese sich überschneidenden Krisen, obwohl sich andere Formen sozialer Ungerechtigkeit weiter verschärfen? Und, noch pointierter, warum haben sich lokale Bewegungen in Südafrika nicht stärker mit globalen und transnationalen Bewegungen wie La Via Campesina und dem Weltfrauenmarsch vernetzt, die sich mit ähnlichen Anliegen der Umwelt- und sozialen Gerechtigkeit befassen? Bestehende Studien zu Umweltgerechtigkeit, sozialen Bewegungen und Bergbaukonflikten heben durchweg die ungleiche Verteilung von Umweltrisiken hervor, von denen marginalisierte Gemeinschaften in ländlichen Gebieten, deren Lebensgrundlagen direkt mit dem Land verbunden sind, unverhältnismäßig stark betroffen sind (Temper et al., 2015; Anguelovski & Martinez-Alier, 2014; Mohai et al., 2009; Schlosberg, 2007; Martinez-Alier, 2002). Diese Studien betonen zudem, dass Umweltschäden oft entlang ethnischer und klassenbezogener Linien verteilt sind. Es gibt jedoch eine erhebliche Lücke in dieser Literatur: Die geschlechtsspezifischen Dimensionen der Umweltzerstörung werden häufig übersehen, sowohl in der akademischen Analyse der Umweltgerechtigkeit als auch in der Gestaltung sozialer Bewegungen und der Politikgestaltung, insbesondere im afrikanischen Kontext. Diese Studie zielt darauf ab, diese Lücke zu schließen, indem sie untersucht, wie sich Umwelt- und Klimagerechtigkeit mit Gender-Fragen in der Gestaltung sowohl lokaler als auch transnationaler Bewegungen überschneiden. Konkret versucht sie zu verstehen, warum geschlechtsspezifische Erfahrungen mit Umweltschäden die Mobilisierungsstrategien südafrikanischer Bewegungen nicht stärker geprägt haben und warum diese Bewegungen nach wie vor relativ wenig mit globalen Netzwerken verbunden sind, die sich mit ähnlichen Themen befassen.
Forschungsschwerpunkt und Forschungsgebiet
Umweltsoziologie, feministische politische Ökologie, Gender Studies, dekoloniale Feminismen, soziale Bewegungen, qualitative Methoden, Umwelt- und Klimagerechtigkeit, Kritische Theorie, Geografische Informationssysteme, Nicht-Menschen- und Menschenrechte, Friedens- und Konfliktforschung, Südafrika, Türkei
Veröffentlichungen:
Üner, B. (2023). Jojo: Su(suz)luğun Diğer Adı. [Jojo: Another Name of Water(less)ness]-a photo documentation of the Ph.D. fieldwork photos. Hatırlamak ve Anlamak İçin Şehre Bak. https://www.sehrebak.org/TR/Call/1298-Doga-Kent-Insan-Zitlik-Mi-Uyum-Mu/1316-Jojo-Susuzlugun-Diger-Adi/
Üner, B. (2023). Defending nature: Transformation of the space through grassroots activism against the threat of extractivism. Environmental and Earth Sciences, 6(2). https://doi.org/10.37773/ees.v6i2.1037
Üner, B., Zıngıl, Ö., Gölcük, S., Boyacı, S., & Kara, C. (2023). SLAPP: Strategic Lawsuit against public participation in environmental disputes. Center for Spatial Justice (Mekanda Adalet Derneği in Turkish). https://mekandaadalet.org/wp-content/uploads/2024/06/MAD_SLAPP_rapor_EN.pdf
Üner, B., & Zıngıl, Ö. (2022). An overview of the corporate human rights responsibility in Turkey. Center for Spatial Justice (Mekanda Adalet Derneği in Turkish). https://mekandaadalet.org/wp-content/uploads/2022/04/MAD_Corporate_Human_Rights_Responsibility_report.pdf
Kontakt:
E-mail: buesra.uener@uni-bayreuth.de
Hier folgen bald weitere Informationen zu und Eindrücke aus dem Forschungsprojekt.
Zur Person:
Gökçen Kavuk ist visuelle Anthropologin, Fotografin und Forscherin im Bereich des kulturellen Erbes, deren Arbeit sich auf Katastrophenanthropologie, das Erbe von Minderheiten und digitale Dokumentation konzentriert. In ihrer Doktorarbeit untersucht sie die Situation in Antakya/Hatay nach dem Erdbeben und erforscht, wie arabisch-alawitische, arabisch-christliche und jüdische Gemeinschaften ihr kulturelles Erbe nach der Katastrophe in Erinnerung behalten, bewahren und neu interpretieren. Durch die Kombination von ethnografischer Feldforschung, mündlichen Überlieferungen, visueller Dokumentation und digitaler Kulturkartierung untersucht sie in ihrer Forschung den Wandel des Alltagslebens, der Rituale, der Stadtviertel und des kollektiven Gedächtnisses in Kontexten nach Katastrophen. Ihre Arbeit im weiteren Sinne vereint visuelle Anthropologie, GIS-basierte Kartierung, Photogrammetrie, 3D-Scanning und digitale Archivierung, um sich kritisch mit Kulturerbe-Schutz, kultureller Kontinuität und gemeinschaftsbasierter Bewahrung auseinanderzusetzen.
Über das Projekt:
Gökçen Kavuk ist visuelle Anthropologin, Fotografin und Forscherin im Bereich des Kulturerbes, deren Arbeit sich auf Katastrophenanthropologie, das Erbe von Minderheiten und digitale Dokumentation konzentriert. In ihrem Promotionsprojekt untersucht sie Antakya/Hatay nach dem Erdbeben und erforscht, wie kulturelles Gedächtnis, Alltag, Rituale und Nachbarschaftsbeziehungen nach einer Katastrophe verändert und bewahrt werden. Durch die Kombination von ethnografischer Feldforschung, mündlichen Überlieferungen, visueller Dokumentation und digitaler Kulturkartierung untersucht ihre Forschung den Wandel des Alltagslebens, des kollektiven Gedächtnisses und gemeinschaftsbasierter Praktiken zum Erhalt des Kulturerbes in den vielfältigen städtischen Gemeinschaften von Antakya. Ihre Arbeit im weiteren Sinne vereint visuelle Anthropologie, GIS-basierte Kartierung, Photogrammetrie, 3D-Scanning und digitale Archivierung, um sich kritisch mit dem Schutz des Kulturerbes, der kulturellen Kontinuität und der gemeinschaftsbasierten Bewahrung auseinanderzusetzen.
Laura Matt: Epidemische Beziehungen
Zur Person:
Laura beendet derzeit ihre Promotion im Fachbereich Sozial- und Kulturanthropologie an der Universität Bayreuth über die Afrikanische Schweinepest in Brandenburg. Sie interessiert sich für Mensch – Umwelt/Tier/Mikroben Beziehungen, multispecies Anthropologie, (feministische) Wissenschafts- und Technikforschung (STS) und relationale Ansätze. Zu ihren Forschungsgebieten gehören unter anderem Jagdpraktiken, Biosicherheitsmaßnahmen und deren Auswirkungen auf die in Beziehung stehenden Akteure, Disease Situations, und Wissens- und Fürsorgepraktiken.
Über das Projekt: “Epidemische Beziehungen. Die Afrikanische Schweinepest in Brandenburg”
Lauras Promotionsprojekt entspinnt sich rund um den ‚Ausbruch‘ der Afrikanischen Schweinepest in Brandenburg. Sie beschäftigt sich mit den staatlich durchgeführten Maßnahmen die (erneute) Kontrolle über die Tierseuchen-Situation zu gewinnen und mit den Reaktionen derjenigen, die von den Biosicherheitsmaßnahmen betroffen sind. Wie wird die ASP (eine Abkürzung, die sowohl für die Afrikanische Schweinepest als auch die entsprechenden Biosicherheitsmaßnahmen steht) Situation ‚gemacht‘ (enacted)? Wie reagieren Jäger, die das Biosicherheitsprotokoll als Schädlingsbekämpfer eingesetzt werden? Wie navigieren sie ihre (im Konflikt stehenden) Verantwortlichkeiten und den Spannungsraum, in dem sie sich befinden? Laura interessiert sich dafür, wie verschiedene Zeiten und Orte im Kontext der ASP-Situation miteinander verwoben werden und wie die ASP-Situation die Beziehungen von Akteuren, inklusive der der Wildschweine, Jäger und politischen Behörden in Brandenburg verändert.
Lucilla Lepratti: Anti-Mafia Aktivismus in Palermo
Zur Person
Lucilla Lepratti ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Ethnologie und promoviert mit einer Forschung über anti-Mafia Bewegungen in Palermo, Italien. Sie beschäftigt sich mit Kriminalisierung, sozialen Bewegungen, Staat und Gewaltmonopol, Grenzen und Migration. Sie lehrt zu diesen und anderen Themen und arbeitet an Projekten der feministischen Pädagogik. Am Institut für Ethnologie ist sie außerdem Erasmus+ Fachkoordinatorin. Erfahren Sie mehr über die Forschungs- und Lehraktivitäten von Lucilla Lepratti hier.
Über das Projekt: Anti-Mafia von unten? Aktivismus in Palermo zwischen Basisbewegung und Staat
Die Anti-Mafia-Bewegungen auf Sizilien haben eine lange Geschichte; von Bäuer:innenbewegungen, die um eine Umverteilung des Landes kämpften, zu den Hungerstreiks von Frauen gegen die eskalierende Spirale von Gewalt in den 1990er Jahren. Anti-Mafia-Initiativen erlebten in den letzten Jahren einen neuen Aufschwung und fokussieren neue Probleme: Migration, Militarisierung, ökologische Fragen, sowie Themen wie Wohnen und vergeschlechtlichte Ungerechtigkeiten. In meinem Promotionsprojekt forsche ich mit jungen Anti-Mafia- Aktivist*innen, um zu verstehen, wie sie die genannten Themen und weitere soziale Fragen durch eine Anti-Mafia-Perspektive betrachten. Was bedeutet es, für junge Aktivist*innen „von unten“ gegen die Mafia zu kämpfen? Im Zentrum dieser Fragestellung steht die Spannung zwischen Anti-Mafia als Basisbewegung und Anti-Mafia als Repressionsapparat. Wie interagieren und kollidieren diese Modi? Das Projekt untersucht, woher unterschiedliche Verständnisse von Anti-Mafia-Aktivismus und sozialer Gerechtigkeit kommen, wie die Gesprächspartner*innen diese wahrnehmen und erklären und wie es ihre Vorgehensweise beeinflusst. Damit werden nicht nur die Entwicklungen der Anti-Mafia-Bewegungen thematisiert, sondern auch die Rolle des Staates und wie dieser von sozialen Bewegungen verstanden wird, erforscht.
Oumar Abdelbanat: Digitalisierung, Resilienz und Kreativität
Zur Person
Oumar Abdelbanat ist Doktorand der Anthropologie an der Universität Bayreuth in Deutschland unter der Leitung von Prof. Dr. Andrea Behrends. Er ist tschadischer Staatsbürger und hat einen Master-Abschluss in Anthropologie der Universität N'Djamena (2018) sowie einen Master-Abschluss in Internationalen Beziehungen des Instituts für Internationale Beziehungen Kameruns (2012). Seit 2017 ist er als Forscher und Berater am Forschungszentrum für Anthropologie und Geisteswissenschaften (CRASH) mit Sitz im Tschad tätig. Neben seiner Doktorarbeit engagiert er sich als Freiwilliger der Vereinten Nationen als nationaler Experte für lokale Regierungsführung. Seine Interessengebiete umfassen Fragen der Digitalisierung, des Unternehmertums, der lokalen Regierungsführung sowie Konflikte und mobile Gesundheit im Tschad und in Subsahara-Afrika.
Über das Projekt: Digitales Unternehmertum und sozialer Wandel: Anthropologische Erkundung des Einflusses der Digitalisierung auf die Resilienz und Kreativität von Unternehmer:innen im Tschad
Diese Doktorarbeit befasst sich mit der unternehmerischen Praxis einer neuen Generation von Unternehmer:innen im Tschad, einem Land in Subsahara-Afrika, die zunehmend digitale Technologien nutzt. Sie steht im Zusammenhang mit einem globalen Kontext, in dem die IKT (Informations- und Kommunikationstechnologien) unser tägliches Leben prägen, aber auch mit einem lokalen Kontext am „Rande”, in dem junge Menschen und Frauen, die mit vielfältigen Herausforderungen konfrontiert sind, sich anpassen und neu erfinden. Die Dissertation befasst sich hauptsächlich mit den neuen Dynamiken, die durch die Digitalisierung und das Unternehmertum im Agrar- und Bekleidungssektor im Tschad ausgelöst werden. Sie untersucht vor allem die Interaktionen zwischen Unternehmerinnen und ihren Netzwerken, den Wandel ihres Berufsbildes, aber auch ihre Widerstandsfähigkeit in einem schwierigen und unsicheren Umfeld, ohne dabei die Frage ihrer Einbindung in den globalen Markt aus den Augen zu verlieren.
Patricia Vorhold: "Green Social Prescribing (GSP) in London"
Zur Person
Seit Juni 2025 ist Patricia Vorhold Doktorandin am Forschungszentrum Global Dynamics (ReCentGlobe) in Leipzig und Mitglied der Max-Planck-Forschungsgruppe "Global Multiplicity: A Social Anthropology for the Now". Bevor sie nach Leipzig zog, absolvierte sie ihren Master in Europastudien an der Universität Passau und sammelte dort erste relevante Forschungserfahrungen durch Feldforschung in Argentinien zum Aktivismus indigener Communities sowie durch eine Metastudie zu Migration in Westafrika. Erfahren Sie mehr über Patricia Vorhold in ihrem Profil (auf Englisch) oder kontaktieren Sie sie.
Über das Projekt: "Green Social Prescribing (GSP) in London"
Patricia zu ihrer Forschung: “Derzeit arbeite ich an meiner Doktorarbeit über Green Social Prescribing (GSP) in London, England – einem Ansatz des Langzeitplans der Regierung zur personalisierten Pflege. Ich möchte mit ethnografischen Methoden die Überweisungs- und Pflegepraktiken untersuchen, die dazu dienen, Menschen mit sozialen Bedürfnissen mit Gemeinschaftsgartenprojekten in Kontakt zu bringen, sowie die (verkörperten) Erfahrungen, die während dieser sozialen Begegnungen und Aktivitäten in der Natur gemacht werden. Damit möchte ich Einblicke in die Institutionalisierung von GSP gewinnen und untersuchen, wie eine „Verschreibung” für naturbasierte Projekte von
verschiedenen am Überweisungsprozess beteiligten Akteuren umgesetzt, navigiert und erfahren wird. Insgesamt möchte ich mehr über die Vielfalt der Praktiken und Erfahrungen im Zusammenhang mit dem GSP-Ansatz erfahren und darüber, wie dieser Ansatz die Art und Weise prägt, wie Pflege innerhalb von Gemeinschaften verstanden, gestaltet und erlebt wird.”
Saskia Jaschek: revolutionären Bewegung im Sudan
Zur Person
Saskia ist Promovierende an der Bayreuth International Graduate School of African Studies der Universität Bayreuth. Zu Saskias Forschungsinteressen gehören Revolutionsdynamiken und Konterrevolutionen, Straßenproteste und andere Formen des Widerstands, politische Subjektivität, politische Gefühle und Affekte in sozialen Bewegungen. Darüberhinaus schreibt Saskia freiberuflich journalistische Beiträge, mit Fokus auf dem Sudan.
Über das Projekt: „Zeit der Enttäuschung“
Das Promotionsprojekt „Zeit der Enttäuschung“ befasst sich mit der revolutionären Bewegung im Sudan und ihrem Widerstand gegen den Staatsstreich, der am 25. Oktober 2021 von den sudanesischen Streitkräften (SAF) und den paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF) durchgeführt wurde. Mit Fokus auf die revolutionäre Bewegung auf der Straße analysiert das Projekt ethnografisch die Straßenproteste und damit verbundene Widerstandspraktiken sowie deren Verlauf vom Tag des Staatsstreichs bis zur Unterzeichnung eines Rahmenabkommens zwischen militärischen und zivilen Vertretern im Dezember 2022.
Auf der Grundlage der Theorie des Affekts, der Atmosphären und des Neuen Materialismus untersucht das Projekt die atmosphärischen Bedingungen eines Staatsstreichs, wie diese die Revolutionäre und die Praktiken des Straßenwiderstands beeinflussten und wie sich diese im Laufe der Zeit veränderten. In diesem Zusammenhang verfolgt es auch die atmosphärischen Veränderungen nach dem Staatsstreich, die im Ausbruch des Krieges im April 2023 endeten.
Shahar Livne: „Extreme Wetterereignisse und Gesundheit"
Zur Person
Shahar ist Doktorandin und Dozentin an der "School of Public Health" und am “Tamar Golan African Studies Center” der Ben-Gurion-Universität (BGU) in Israel. In ihrer Doktorarbeit untersucht sie den Zusammenhang zwischen extremen Wetterereignissen, Gesundheit und Ernährungsunsicherheit unter Verwendung verschiedener Methoden, wobei sie besonders daran interessiert ist, die Erfahrungen von Gemeinden und Gesundheitsdiensten mit dem Klimawandel im ländlichen Malawisie zu verstehen. Eine Kooperationspartnerschaft mit “Partners in Health/Abwenzi Pa Za Umoyo” (PIH/APZU) ermöglicht es ihr seit 2020 im Süden Malawis Feldforschung durchzuführen und zu untersuchen, wie Zyklen extremer Wetterereignisse das Leben ländlicher Gemeinden und Gesundheitsdienstleister beeinflussen.
Shahar hat einen Bachelorabschluss in Geschichte und Afrikanistik und einen Master-Abschluss in Notfall- und Katastrophenmanagement von der BGU, beide mit Auszeichnung für außergewöhnliche Leistungen. Ihre Forschungsinteressen umfassen den Wandel von Gesundheitssystemen und die Anpassungsfähigkeit in ressourcenarmen ländlichen Umgebungen, den kritischen Diskurs über Katastrophen und die menschlichen Dimensionen des Umweltwandels in Subsahara-Afrika, mit besonderem Schwerpunkt auf den Auswirkungen auf die und Umsetzung der Gesundheitspolitik.
Lesen Sie mehr über Sahar Livne (auf Englisch). Ihre veröffentlichten Arbeiten finden Sie hier. Ihre Kontaktdaten finden Sie hier.
Über das Projekt
Das Projekt „Extreme Wetterereignisse und Gesundheit: Erfahrungen mit dem Klimawandel in Gemeinden und Gesundheitsdiensten in Malawi” untersucht aus anthropologischer Perspektive die Auswirkungen extremer Wetterereignisse auf ländliche Gemeinden und Gesundheitssysteme. Während sich die Klimawandelforschung traditionell auf naturwissenschaftliche Ansätze konzentriert, untersucht dieses Projekt die sozialen und kulturellen Dimensionen des Klimawandels in Malawi. Nach den verheerenden Klimaereignissen wie den Zyklonen Idai, Ana und Freddy sowie einer Zunahme von Dürren, Überschwemmungen und Krankheitsausbrüchen in der Region untersucht die Studie, wie diese wiederkehrenden Krisen die Erfahrungen der Gemeinden und die Gesundheitsversorgung in Malawi prägen. Mithilfe multilokaler-ethnografischer Methoden (multisite-ethnographic methods), darunter teilnehmende Beobachtung, Interviews, Umfragen und Dokumentenanalyse, untersucht das Projekt, wie ländliche Gemeinden und Gesundheits- und Sozialdienstleister klimabedingte Risiken und die Chancen, die sich während der Wiederaufbau- und Sanierungsmaßnahmen ergeben, verstehen und darauf reagieren. Durch die Fokussierung auf die Schnittstelle zwischen Gesundheitsdiensten und klimabeeinträchtigten Gemeinden liefert diese Studie wichtige Erkenntnisse über die gelebten Erfahrungen des Klimawandels in einer der klimavulnerabelsten Regionen der Welt.
Die Studie wird durch einen Zuschuss der Israelischen Wissenschaftsstiftung (Nr. 2027/22, PI: Prof. Anat Rosenthal) finanziert.
Teresa Cremer: "Grains of Power - Sand"
Zur Person
Teresa Cremer ist Doktorandin am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung in Halle. Sie ist Teil der vom DFG finanzierten Emmy Noether Forschungsgruppe Sand: Die Zukunft von Küstenstädten im Indischen Ozean (The Future of Coastal Cities in the Indian Ocean). In ihrem Dissertationsprojekt untersucht sie die materiellen, politischen und sozialen Dimensionen von Sand an der Küste Kenias. Am Beispiel von Mombasa untersucht sie, wie Sand abgebaut, gehandelt, bewertet und umkämpft wird. Indem sie die Wege des Sediments - von Sandminen über lokale Lebensgrundlagen bis hin zu erodierende Stränden und Küsteninfrastrukturen - nachzeichnet, macht sie sichtbar, wie Sand das alltägliche Leben, urbane Vorstellungen und Zukunftsbilder an der Küste prägt und zugleich von diesen geprägt wird. Ihre Forschung stellt damit extraktivistische Verständnisse von Sand und dominierende Entwicklungslogiken kritisch infrage.
Teresa studierte Sozial- und Kulturanthropologie (BA und MA) an der Universität Köln und arbeitete dort in der Emmy Noether Forschungsgruppe DELTA - Unbeständige Gewässer und das hydrosoziale Anthropozän in großen Flussdeltas (Waters and the Hydrosocial Anthropocene in Major River Deltas). Ihre Masterarbeit, die auf ethnographischer Forschung während der Wasserkrise im Jahr 2018 in Kapstadt basiert, wurde in den Kölner Ethnologischen Beiträgen publiziert und von der Universität Köln ausgezeichnet. Ihr anschließender Essay “Crises, downside up” erhielt den VAD-Preis für den besten Essay über afrikanische Politik im Jahr 2020. Neben ihrer wissenschaftlichen Arbeit interessiert sich Teresa für multimodale ethnographische Methoden insbesondere für Film, Fotografie und Storytelling, mit denen sie alternative Formen der Wissensproduktion erprobt.
Über das Projekt: Grains of Power: Sand, Urban Transformation, and Coastal Futures in Mombasa, Kenya
Dieses Projekt untersucht die vielfältigen Bedeutungen, Verwendungen und Wertzuschreibungen von Sand in Mombasa - einer schnell wachsenden Stadt am Indischen Ozean. An der Schnittstelle von Stadtanthropologie, Materialität, und Heritage Studies, geht das Projekt der Frage nach, wie Sand abgebaut, gehandelt und genutzt wird - uns wie er das städtische Leben, die Küstenlandschaft und soziale Beziehungen prägt. Durch die Nachverfolgung der Bewegungen des Sands - von Sandminen über Baustellen und Planungsbüros bis hin zu erodierenden Stränden - wird sichtbar, wie eng Fragen von Stadtentwicklung, sozialer Ungleichheit und Umwelt mit diesem unscheinbaren Material verbunden sind.
Sand erscheint dabei als strategische Ressourcen und umkämpftes Material, das Menschen verbindet, Räume verändert und Konflikte hervorruft. Vor dem Hintergrund von kolonialen Hinterlassenschaften, rasantem Städtewachstum und einer Bauwirtschaft, die zunehmend Swahili-Architektur, lokale Baupraktiken und Lebensgrundlagen zu verdrängen droht, fragt das Projekt, wie Sand den Alltag, die Baukultur und das soziale, kulturelle und ökologische Gefüge Mombasas mitgestaltet.
Mehr zu dem Team hinter dem Projekt erfahren Sie auf dieser Seite. Wenn Sie mehr über das Projekt Sand erfahren möchten, klicken Sie hier.
Tristan Brelage: "An Ontology of Remaining"
Zur Person
Tristan bereitet aktuell seine Promotion zu abgebrochen Entwicklungsprojekten im Globalen Süden vor. Seine Forschungsinteressen beinhalten nachhaltige Entwicklung, humanitäre Hilfe, Marxismus, Ideologiekritik und -reproduktion. Parallel zu seiner Forschung engagiert sich Tristan ehrenamtlich im Critical Diversity Collective und gibt regelmäßig Workshopreihen zum intuitiven Notizenmachen - sowohl für akademische als auch private Nutzung.
Über das Projekt: An Ontology of Remaining
Tristans Promotionsprojekt “An Ontology of Remaining” fragt, was verbleibt, wenn Entwicklungsprojekte (kurzfristig) aufgekündigt werden und wie ihre Überbleibsel in den lokalen Communities (weiter) verarbeitet werden. Nach dem Amtsantritt von Präsident Donald Trump im Januar 2025 folgten Kürzungen bei USAID geförderten Entwicklungsprojekten in nie einem enormen Ausmaß und reihte sich damit in eine lange Liste Development Assistance Committee Staaten ein, die ihre Ausgaben massiv reduzierten. Dies erzeugte etliche Projektabbrüche, die zwar von den offiziellen Websiten nun verschwunden, in ihrer Materialität vor Ort aber erhalten bleiben.
Die theoretische Grundlage seines Forschungsprojekts bildet die small d/Big D Development Dialektik: Diese beschreibt die sich gegenseitig bedingende Beziehung zwischen der Big D-Development, den geplanten Interventionen von Staaten und Institutionen im Globalen Süden, und der small d-development, den ungleichmäßigen Prozessen der kapitalistischen Expansion und Umstrukturierung, auf die diese Interventionen sowohl reagieren als auch verstärken. Dabei knüpft es an marxistische Debatten um Entwicklungspolitik und Hegemonie an. Methodisch folgt es einem ethnographischen multi-sited-Ansatz: Längere Feldaufenthalte in ausgewählten Projektorten, Objekt- und Infrastruktur-Biographien, oral history, Archivarbeit (Projektdokumente, Webseiten-Snapshots) und partizipative Mapping-Methoden. Ziel ist es, die sozialen, politischen und materiellen Prozesse sichtbar zu machen, durch die ‘Überbleibsel’ geformt, genutzt oder vergessen werden.
Postdoc-Mitglieder
Enrico Ille: „Urban land nexus and inclusive urbanisation"
Zur Person
Enrico Ille ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Afrikastudien der Universität Leipzig. Er arbeitete als Postdoc zum Thema Goldabbau im Rahmen des X-Border-Projekts des Rift Valley Institute und im DFID-finanzierten Projekt „The urban land nexus and inclusive urbanisation in Dar es Salaam, Mwanza and Khartoum” des Institute of Development Studies (IDS, University of Sussex). Zuvor war er Urgent Anthropology Fellow für das British Museum und das Royal Anthropological Institute mit einem Projekt zur sozioökologischen Geschichte von Kerma im Nordsudan. Derzeit schreibt er seine Habilitationsschrift über politische Ökologie im/des Sudan und ist Co-Vorsitzender der Arbeitsgruppe „Pflanzen und Politik” am LeipzigLab. Erfahren Sie mehr zu Enrico Illes Forschungen und Publikationen hier.
Enrico Ille über sein Projekt
"Das Ziel meines Habilitationsprojekts ist es, eine langfristige Perspektive auf miteinander verflochtene Konflikte um Ressourcen im Sudan zu einer multiskalaren, intersektionalen Analyse zu entwickeln, die aufzeigt, wie makropolitische Dynamiken und Anliegen sich in ortsspezifischen („lokalen“) politischen Interaktionen niederschlagen und umgekehrt. Meine anschließende eingehende und langfristige Untersuchung des Goldabbaus aus der Perspektive von Ressourcenkonflikten ist nicht nur als Beitrag zur regionalen Politikgeschichte gedacht. Abgesehen von ihren enormen Implikationen für Fragen nach den Bedingungen, unter denen politischer Wandel in der Region stattfinden kann, hält die Fokussierung auf die Governance im Rohstoffsektor die Beobachtungen notwendigerweise auf mehreren Ebenen zusammen, z. B. die Radikalisierung von Konflikten in mehreren Gebieten, die durch die Verteilungsungerechtigkeit aufgrund der zentralisierten Verteilung von Landbesitz und Mineralieneinnahmen, geprägt von einer extraktiven politischen Ökonomie, vorangetrieben wird.
Während viele dieser Aspekte als „klassische“ Ressourcenkonflikte erscheinen, die mit konventionellen Begriffen wie Ressourcenfluch, Armutszyklus oder Proletarisierung zusammengefasst werden, verspricht die multiskalare, intersektionale Betrachtung wirtschaftlicher, politischer und ortsspezifischer ökologischer Beobachtungen Einblicke in politische Verhandlungs- und Transformationsprozesse zwischen den großen Linien zu liefern, und zwar in einem solchen Maße, dass scheinbar radikale Veränderungen – wie die weitgehend unvorhergesehene Dezemberrevolution von 2018/2019 – hinsichtlich ihrer strukturellen Widerstandsfähigkeit und lokalen Relevanz relativiert werden können. Im Gegensatz zu mehrschichtigen Skalenkonzepten versuche ich jedoch, mich mit Konzepten wie Übersetzung auseinanderzusetzen, die gleichzeitig Kontinuität und „Sprunghaftigkeit“, Absicht und Zufall, Routine und Improvisation ermöglichen, während ich von den reichhaltigen Debatten über Wissen, Arbeit und Mensch-Natur-Beziehungen profitiere, die über ein rein instrumentelles Verständnis von Ressourcen hinausgehen."
Lamine Doumbia: Urbanes Land im Spannungsfeld
Zur Person
Dr. Lamine Doumbia ist als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Asien- und Afrikastudien der Humboldt-Universität zu Berlin tätig. Zuletzt war er als Postdoktorand am Exzellenzcluster "Africa Multiple" der Universität Bayreuth tätig. Nach seinem Stipendium am Institut für Afrikastudien der Universität Bayreuth absolvierte er zuvor ein Einzelstipendium und war Mitbegründer der interdisziplinären Fellow Group 6 am Merian Institute for Advanced Studies in Africa - University of Ghana Legon. Doumbia war außerdem Postdoc-Stipendiat am Deutschen Historischen Institut Paris (DHIP) im Rahmen der transnationalen Forschungsgruppe "The Bureaucratisation of African Societies", die in Dakar am Centre de Recherches sur les Politiques Sociales (CREPOS) - Université Cheikh Anta Diop de Dakar angesiedelt ist.
Lamine absolvierte die Studiengänge "African Studies: Kultur und Gesellschaft Afrikas" (BA) und "Kultur- und Sozialanthropologie" (MA) an der Universität Bayreuth. Er promovierte in Sozialanthropologie an der Bayreuth International Graduate School of African Studies (BIGSAS) mit einem Stipendium der Friedrich-Ebert-Stiftung und veröffentlichte die Monographie mit dem Titel: Une sécurisation foncière urbaine dans l’impasse – exemple de Bamako, Mali, Cologne : Rüdiger Köppe Verlag. Hier erfahren Sie mehr über Lamine Doumbias Publikationen. Kontaktieren Sie Lamine Doumbia hier.
Über das Projekt: „Eine sozialanthropologische Perspektive auf Prozesse der Mimikry und Hybridisierung bürokratischer Praktiken“
Bei dem Habilitationsprojekt im Fach Ethnologie an der Universität Leipzig handelt es sich um eine ethnologisch und historisch ausgerichtete Untersuchung urbaner Land-Governance in westafrikanischen Städten – konkret in Dakar, Bamako und Ouagadougou. Es leistet zugleich einen wissenschaftlichen Beitrag zur Arbeit am Institut für Asien- und Afrikawissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin und ist thematisch eng mit dem Forschungsprofil Lebenswelten in Krisen verknüpft.
Unter dem Titel „Eine sozialanthropologische Perspektive auf Prozesse der Mimikry und Hybridisierung bürokratischer Praktiken“ untersucht das Projekt die Auseinandersetzungen um urbanes Land im Spannungsfeld zwischen legalen staatlichen Enteignungen und zivilgesellschaftlicher Resilienz. Im Fokus stehen dabei jene kollektiven Praktiken, mit denen sich nichtstaatliche Akteure bürokratische Mittel und Ausdrucksformen aneignen, um auf formelle staatliche Prozesse zu reagieren – etwa durch das Verfassen offizieller Schreiben, die Mobilisierung über soziale Medien oder die Nutzung digitaler Technologien zur Dokumentation und Legitimation von Besitzansprüchen.
Aus einer diachronen Perspektive wird analysiert, wie sich lokale Eigentumsvorstellungen unter dem Einfluss von Verwaltungspraktiken, Krisenerfahrungen und dekolonialen Diskursen transformieren. Die Stadt wird dabei nicht nur als Ort rechtlicher Auseinandersetzung, sondern auch als Raum alltäglicher Bewältigungsstrategien verstanden. Das Projekt versteht urbane Landfragen als Teil umfassender Krisenerfahrungen und zeigt auf, wie bürokratische Praktiken und digitale Werkzeuge von Individuen und Kollektiven als kreative Formen des Umgangs mit Unsicherheit, Prekarität und struktureller Marginalisierung eingesetzt werden.