Datum/Uhrzeit: bis Uhr
Art: Kolloquium, Präsenz
Ort: GWZ, Raum H3 2.15 (Aquarium)
Referent:in: Alina Marktanner (Aachen)
Veranstaltungsreihe: Kolloquium Neuere Kultur- und Ideengeschichte WS 2025/26

Kolloquiumssitzung der Professur für Neuere Kultur- und Ideengeschichte in Kooperation mit der Professur Geschichte des 19. bis 21. Jahrhunderts.

Alina Marktanner (Aachen): Paraimperial. Rheinisch-westfälischer Kolonialismus als Phänomen der Beiläufigkeit, 1880er bis 2020er Jahre.

Der Vortrag adressiert koloniale Vergangenheiten im Rheinland, in Westfalen und in Ostwestfalen-Lippe im Zeitraum von den 1880er bis in die 2020er Jahre und schlägt vor, diese als paraimperial zu fassen. Damit wird ein analytischer Rahmen eröffnet, der die Alltäglichkeit und Beiläufigkeit des Imperialismus in Regionen markiert, die nicht im Zentrum kolonialer Herrschaft standen, aber dennoch vielfältig in koloniale Strukturen, Diskurse und Praktiken eingebunden waren. 

Anhand einer Auswahl historischer Quellen – von Verwaltungsakten über Zeitungsberichte, Vereinsmaterialien bis hin zu Social-Media-Beiträgen – werden die unterschwelligen Einschreibungen und Nachwirkungen kolonialer Ordnungsmuster in regionalen Bezügen sichtbar gemacht. So verweist der Eintrag zu Tim Allagabo im Mindener Melderegister auf das Schicksal eines afrikanischen Jungen, den der Afrikaforscher Georg Schweinfurth als „Geschenk“ ins Kaiserreich brachte und dort sich selbst überließ; romantisierende Berichte der Bethel-Mission im Westfälischen Sonntagsblatt veranschaulichen koloniale Selbstvergewisserung im protestantischen Milieu; Aktivitäten des Traditionsverbands ehemaliger Schutz- und Überseetruppen zeigen die mühsame Mobilisierung kolonialer Deutungsmuster nach 1945; und ein revisionistischer Instagrampost des Vorsitzenden der Jungen Alternative belegt jüngste Versuche, geschichtspolitische Neuverortungen zu konterkarieren. 

In ihrer disparaten Form verweisen diese Quellen auf die spezifische Logik paraimperialer Wirklichkeit: Kolonialismus war auch dort wirksam, wo er nicht gemacht, sondern subkutan mitvollzogen, erinnert oder verteidigt wurde.

Autor: Miriam Pfordte