Mumienamulett-Ensembles

Die Unversehrtheit des Körpers sowie das Fortleben des Verstorbenen im Jenseits waren zwei der wichtigsten Aspekte des altägyptischen Totenkults. Neben der Mumifizierung sollten vor allem Amulette den Körper schützen. Ihre magische Kraft bewahrte den Träger schon zu Lebzeiten vor negativen Einflüssen und anfänglich waren es diese im Alltag verwendeten Amulette, die dem Verstorbenen mit ins Grab gegeben wurden. Mit der Zeit entwickelten sich allerdings auch speziell für die Bestattung angefertigte Amulette. Sogenannte Amulett-Ensembles bestanden aus mehreren zusammengehörigen Objekten von einer Mumie und waren besonders in der Spätzeit (ca. 664–332 v. Chr.) und in griechisch-römischer Zeit (332 v. Chr. bis 395 n. Chr.) verbreitet.

Die Leipziger Sammlung beherbergt 21 solcher Amulett-Ensembles, 18 weitere sind als „Kriegsverlust“ verzeichnet. Hinzu kommen zahlreiche Einzelstücke, bei denen unsicher ist, inwiefern und ob sie zu einem Ensemble gehörten. Alle Objekte stammen aus Qau el-Kebir, einer oberägyptischen Stadt, südlich von Assiut gelegen und wurden bei einer Grabung im Jahr 1913 durch Georg Steindorff geborgen. Die Objekte wurden auf dem sogenannten „Griechenfriedhof“ gefunden, zu dem über 200 Grabstellen aus griechisch-römischer Zeit gezählt werden. Drei Amulett-Ensembles sind derzeit im Ägyptischen Museum (1. Etage, Raum Totenkult) ausgestellt. Das kleinste erhaltene Ensemble enthält 7 Amulette, das größte hingegen immerhin 50. Die Stücke weisen ein oder mehrere Löcher auf, die darauf hindeuten, dass sie im Brustbereich der Mumien auf die Mumienleinwand aufgenäht oder in die Mumienbinden eingearbeitet waren. Die meisten Stücke erreichen lediglich eine Länge von ca. 3 cm und eine Breite von ca. 1,5 cm. Einige wenige Exemplare messen 10-11 cm in der Länge. Sämtliche Amulette wurden aus demselben Material gefertigt, der als „Ägyptische Fayence“ bezeichneten Kieselkeramik. Sie besteht zum größten Teil aus Quarzsand (gemahlenen Sand oder Sandstein), der mit Tonerde versetzt wurde. Die Stücke wurden geformt, gebrannt und mit einer Glasur überzogen, die durch das Zusetzen von Kupferoxyden dem Objekt eine blau-grüne Farbe verlieh. Nach altägyptischer Vorstellung vereinten sich hier das Blau des Nun, des Urozeans, aus dem alles Leben entstand, sowie das Grün der sprießenden Pflanzenwelt. Beide stehen für Fruchtbarkeit und Regeneration und somit für die Wiederbelebung des Verstorbenen nach dem Tod. Leider ist die Glasur bei den meisten Stücken nicht mehr erhalten.

Der geflügelte Skarabäus ist das einzige Element, das allen Ensembles gemeinsam ist. Um ihn herum waren die übrigen Amulette angeordnet. Er besteht aus drei separat gearbeiteten Einzelteilen: dem ovalen Mittelstück, das den Mistkäfer selbst nachbildet, und den rechts und links von ihm platzierten Falkenflügeln. Die flachen Unterseiten sind glatt und unbeschriftet. Die ausgebreiteten Falkenflügel wurden durch Einkerbungen mit einem Gefieder verziert. Sie deuten auf das Federkleid des Gottes Horus, der meist als Falke oder als Mensch mit Falkenkopf dargestellt wird. Er ist unter anderem der Gott des Königtums. Der geflügelte Skarabäus symbolisiert somit den über seine Feinde siegreichen König. Als auffliegender Käfer verkörpert er außerdem die aufgehende Sonne sowie den Sonnengott Re am Morgen. Dieser taucht am Abend als Greis in die Unterwelt hinab, wo er Apophis, den Gott des Chaos und Sinnbild allen Übels, bekämpft. Am Morgen kehrt er triumphierend und in verjüngter Form auf die Erde zurück. Der Flügelskarabäus steht demnach für die Regeneration des Lebens und die alltägliche Wiederherstellung der kosmischen Ordnung. Einige Ensembles besitzen neben dem geflügelten Skarabäus noch einen oder mehrere naturalistisch gestaltete Skarabäen, deren Unterseiten ebenfalls undekoriert sind. (Skarabäen)

Neben dem geflügelten Skarabäus erscheinen die vier Horussöhne in fast allen Amulett-Ensembles der Leipziger Sammlung. Dazu zählen der menschenköpfige Imesti, der schakalsköpfige Duamutef sowie Hapi mit Affenkopf und Kebechsenuef mit Falkenkopf. Sie galten in der altägyptischen Religion als Beschützer der Eingeweide des Verstorbenen. Diese wurden bei der Mumifizierung aus dem Körper des Toten entfernt und in sogenannten Kanopen verstaut. Die Deckel dieser Gefäße wurden seit dem späten 2. Jahrtausend v. Chr. in Form der Köpfe der vier Horussöhne angefertigt. Als Amulette wurden die stehenden Gottheiten entweder in einer Reihe hintereinander, paarweise einander gegenüber oder in zwei Reihen jeweils zwei einander gegenüber auf der Mumie platziert. In einigen Fällen bestehen die Amulette aus rechteckigen Plättchen, auf denen die Horussöhne im Relief abgebildet sind.

Sechs der zwölf Ensembles weisen jeweils zwei Falkenköpfe mit Sonnenscheibe auf, die einander gegenüber angeordnet waren. Einige von ihnen tragen zusätzlich einen halbkreisförmigen Halskragen. Die Falkenköpfe stellen Re-Harachte dar, eine Verbindung des Sonnengottes Re mit dem Himmelsgott Horus. Er ist die Erscheinungsform der Morgensonne, die am östlichen Horizont aufgeht. Denn ebenso wie die Sonne, die nach ihrer Fahrt durch die Nacht am Morgen wieder aufgeht, sollte auch der Verstorbene nach seinem Tod wiederbelebt werden. In zwei Ensembles finden sich anstelle der Falkenköpfe jeweils zwei Horusköpfe ohne Sonnenscheibe.

Das Tit-Schleifen-Amulett trat ab dem Neuen Reich (ca. 1550–1070 v. Chr.) auf und wurde mit der Göttin Isis identifiziert. Es besteht aus einer Kopfschlaufe mit Ösenaufsatz, welche durch einen Knoten mit zwei Seitenschlaufen und einem Vertikalbendel verbunden ist. Die ursprüngliche Bedeutung des Amuletts ist nicht geklärt. Es wurde von einigen Ägyptologen mit dem Blut der Isis in Verbindung gebracht und dementsprechend als Menstruationsbinde interpretiert. Mit der Zeit entwickelte sich die Tit-Schleife aber zu einem allgemeinen Symbol, das dem Toten Schutz durch Isis garantieren sollte.

Des Öfteren erschienen Tit-Schleife und Djed-Pfeiler gemeinsam, wie es auch in den Leipziger Amulett-Ensembles der Fall ist. Der Name des zweiten Amuletts leitet sich von dem altägyptischen Wort djed „Ewigkeit, Dauer“ ab. Es wurde ab dem Neuen Reich als Rückgrat des Totengottes Osiris interpretiert. Da gemäß der Jenseitsvorstellung der Ägypter jeder Tote zu Osiris wurde, sollte mit dem Amulett also das Rückgrat des Verstorbenen geschützt und dessen Wiederbelebung nach dem Tod gesichert werden. Drei der Ensembles weisen einen Djed-Pfeiler mit Atef-Krone auf, der ungefähr die dreifache Größe der übrigen Djed-Pfeiler einnimmt und vermutlich mittig unter dem Flügelskarabäus auf der Mumie platziert war. Die Krone ist das Herrschaftssymbol von Königen und Gottheiten, unter anderem des Osiris. Der Djed-Pfeiler ist eine der häufigsten Amulettformen, die von der Ersten Zwischenzeit bis in die Römerzeit (ca. 2100 v. Chr.–395 n. Chr.) belegt ist.

Das geöffnete, menschliche Auge mit Augenbraue, Schminkstrich und einem nach unten geschwungenem Bogen ist neben dem Skarabäus das wohl bekannteste altägyptische Amulett. Das Udjat-Auge ist ab dem Ende des Alten Reichs (ca. 2707–2216 v. Chr.) belegt und war sogar über die Grenzen Ägyptens hinaus ein beliebtes Schutzamulett. Udjat bedeutet „geheiltes (Auge)“ und gilt als das Auge des Himmelsgottes Horus, das durch seinen Onkel Seth beim Kampf um die Herrschaft verletzt wurde, dann aber durch den Mondgott Thot wieder geheilt werden konnte. Eben diese Heilung und Regeneration erhoffte sich auch der Verstorbene nach seinem Tod.

Das Aussehen des Herz-Amuletts entspricht dem Hieroglyphenzeichen für das Wort ib „Herz“. In der altägyptischen Vorstellung war das Herz der Sitz der Lebenskraft und des Gewissens. Um ins Jenseits zu gelangen, musste der Verstorbene das Totengericht passieren, bei dem sein Herz gewogen wurde. Das Herz-Amulett sollte verhindern, dass das Herz gegen seinen Besitzer aussagt und somit einen reibungslosen Übergang ins Jenseits garantieren. Es besaß eine ähnliche Funktion wie der Herzskarabäus. (Skarabäen)

Das altägyptische Wort Menit bezeichnet eine mehrreihige Halskette mit einem Gegengewicht im Nacken des Trägers. Menit-Amulette stellten allerdings nur das Gegengewicht dar, das ab dem Neuen Reich für den ganzen Menit-Halsschmuck stehen konnte. Die Bedeutung des Amuletts ist eng mit der Göttin Hathor verbunden. Ihre regenerativen Kräfte sollten dem Verstorbenen zugutekommen.

Das Siegelstein-Amulett besitzt die Form einer stumpfen Pyramide, deren Unterseite rechteckig oder quadratisch sowie undekoriert ist. Ein Siegelstein wurde im alltäglichen Leben der Ägypter als Stempelsiegel verwendet und war mit Namen, Titeln, Bildern oder ähnlichem beschriftet. Als Amulett sollte es möglicherweise den Namen des Verstorbenen beschützen, der als wichtiger Wesensbestandteil des Toten galt. Mit diesem erlangte er Zutritt zum Jenseits und konnte verschlossene Tore und Türen passieren. Das Bewahren seines Namens, zum Beispiel als Inschrift auf Wänden in der Grabkammer, ermöglichte dem Toten ein ewiges Leben.

Pflanzenschmuck bildete zu allen Zeiten der ägyptischen Geschichte ein beliebtes Accessoire. Schon Ende des Alten Reichs sind Amulette in floraler Form anzutreffen. Häufig kommen breite Halskragen vor, die eine Vielfalt verschiedenfarbiger Pflanzenelemente vereinen. Die Lotusblüte und das Uadj-Amulett, die in den Leipziger Mumienamulett-Ensembles auftreten, wurden aber auch als Einzelstücke verwendet. Weil einige Lotusarten am Abend ihre Blüten schließen und sogar ins Wasser sinken, um sie dann am nächsten Morgen erneut zu öffnen, wurde die Lotusblüte mit dem täglichen Lauf der Sonne in Verbindung gebracht. Als Symbol der Regeneration sollte es dem Toten neues Leben schenken. Das Uadj-Amulett besitzt die Form des Hieroglyphenzeichens mit der Nr. M 13, das einen Papyrusstengel bzw. -szepter darstellt. Der Name Uadj leitet sich vom ägyptischen Wort für „grün, jung sein“ ab und es sollte den Verstorbenen jung erhalten bzw. nach seinem Tod verjüngen.

Auch Götter konnten in Form von Totenamuletten auftreten. Die Leipziger Ensembles umfassen die Hauptgottheiten des altägyptischen Pantheons.

Isis, Nephthys und Horus: Isis, Frau und Schwester des Totengottes Osiris, schützte den Toten gemeinsam mit ihrer Schwester Nephthys. Dem Mythos nach war es Isis, die Osiris wieder zum Leben erweckte, nachdem dessen Bruder Seth ihn getötet hatte. Da nach altägyptischer Vorstellung jeder Verstorbene zu Osiris wurde, sollte die Figur der Isis für eine Wiederbelebung des Toten sorgen. Beide Figuren stellen die Göttinnen in Menschengestalt dar. Auf dem Kopf der Isis befindet sich das Thronzeichen, während Nephthys ihr Namenszeichen trägt. Horus ist der Sohn von Isis und Osiris, der nach dem Tod seines Vaters die Herrschaft übernahm. Jeder ägyptische König war daher eine Verkörperung des Horus. Ein Amulett-Ensemble des Leipziger Museums verfügt sogar über eine Göttertriade, die Horus zwischen Isis und Nephthys stehend zeigt.

Ptah: Ptah, stehend, mit eng anliegender Kappe und einem Szepter in der Hand dargestellt, öffnete den Mund des Toten (Mundöffnungsritual), wodurch dieser wiederbelebt wurde.
Schu: Dieser Gott galt in der altägyptischen Religion als Luftgott und verkörperte den kühlen Nordwind, der den Verstorbenen erfrischen sollte. Er kniet auf dem rechten Bein, das linke ist aufgestellt. Seine Arme hält er zum Himmel erhoben.
Thot: Der Gott des Schreibens und Rechnens wog beim Totengericht das Herz des Verstorbenen. Außerdem ließ er die Glieder des Toten von Neuem beleben. Das Amulett zeigt den Gott in Menschengestalt, mit kurzem Schurz und Ibiskopf.

Die Mumienamulett-Ensembles dienten in erster Linie der Wiederbelebung und Regeneration des Verstorbenen. Der Übergang und das Weiterleben im Jenseits sollten um jeden Preis gewährleistet werden. Die große Zahl und Vielfalt der Amulette lässt deren starke Bedeutung für die Ägypter erkennen. Auffällig sind die geflügelten Skarabäen der Leipziger Exemplare, die in anderen Ensembles fehlen. Sie sind eine Neuentwicklung der Ptolemäerzeit. Während die Flügelskarabäen vorher lediglich als Sargdekoration / -bemalung oder als Teil von Perlennetzen auftauchten, wurden sie in ptolemäischen Bestattungen als echte Amulette eingesetzt. Ein vergleichbares Amulett-Ensemble, ebenfalls mit einem geflügelten Skarabäus ausgestattet, befindet sich in der Sammlung des Roemer- und Pelizaeus-Museums in Hildesheim. Das 9-teilige Ensemble besitzt neben dem Flügelskarabäus zwei Falkenköpfe, vier Horussöhne sowie zwei liegende Schakale, die den Einbalsamierungs- und Nekropolengott Anubis darstellen. Letztere kommen in den Leipziger Ensemble nicht vor. Des Weiteren ist der geflügelte Skarabäus aus einem Stück gearbeitet im Unterschied zu den 3-teiligen Exemplaren der Leipziger Sammlung, deren Flügel separat ausgearbeitet wurden. (Amulett Satz von einer Mumie, PM 66, Bild Nr. 41)

Literatur:

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- Hornung, Erik, Staehelin, Elisabeth, Skarabäen und andere Siegelamulette aus Basler Sammlungen, Mainz 1976.
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- Müller-Winkler, Claudia, Die ägyptischen Objekt-Amulette: mit Publikation der Sammlung des Biblischen Instituts der Universität Freiburg Schweiz, ehemals Sammlung Fouad S. Matouk, Orbis biblicus et orientalis, Series archaeologica 5, Freiburg, Schweiz / Göttingen 1987.
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- Schlick-Nolte, Birgit, Ägyptische Fayence und Ägyptisch Blau im Alten Ägypten, in: Busz, Ralf, Gercke, Peter (Hrsg.), Türkis und Azur, Quarzkeramik im Orient und Okzident (anläßlich der Sonderausstellung vom 18. Juli bis 3. Oktober 1999 im Ballhaus am Schloß Wilhelmshöhe und in Schloß Wilhelmsthal, Souterrain), Wolfratshausen 1999, S. 12-47.
- Staehelin, Elisabeth, Von der Farbigkeit Ägyptens, Leipzig 2000.
- Steckeweh, Hans, Die Fürstengräber von Qâw, Leipzig 1936.

Abbildungen 1-14:
Ägyptisches Museum – Georg Steindorff – der Universität Leipzig,
Fotografin: Marion Wenzel

 

Alina Grams M.A.