Münzen

Monetäres Geldwesen ist in Ägypten verhältnismäßig spät eingeführt worden. Zwar ist seit dem späten Neuen Reich (ca. 1550-1070 v. Chr.) der sogenannte Schena („Tropfen“) belegt, der einen festen Wert von 1 Deben (= 91 g) Silber besaß, doch handelte es sich hierbei eher um eine Verrechnungseinheit als um ein reales Zahlungsmittel. Auf der Insel Elephantine an der Südgrenze Ägyptens fand man bei Grabungen neben Münzen aus späterer Zeit auch sog. Hacksilber. Das sind von Silberbarren oder –gefäßen abgeschlagene Silberstücke, die entsprechend ihres Materialwertes als Zahlungsmittel verwendet wurden. In ebenfalls auf Elephantine gefundenen Papyri aus dem 5. Jh. v. Chr. ist bereits von griechischen Münzen die Rede. Auch sind uns einzelne Imitationen griechischer Münzen aus dem 4. Jh. v. Chr. bekannt. Dies sind jedoch Einzelfunde, die ausschließlich für die Entlohnung griechischer Söldner geschaffen wurden. Bis zur 30. Dynastie (380 – 342 v. Chr.) gab es in Ägypten kein staatliches Münzwesen.

Erst die makedonischen Könige der Ptolemäerdynastie (305–31 v. Chr.)  führten gemünztes Metallgeld in Ägypten ein, das in regelmäßigen Emissionen geprägt und in Umlauf gesetzt wurde. Das Ägyptische Museum besitzt insgesamt 52 Münzen, mit denen nahezu die gesamte Münzgeschichte des antiken Ägypten abgedeckt wird. Sie zeichnen sich durch unterschiedlichste Motive und Nominale, d.h. Werteinheiten (moderne Nominale sind z. B. Groschen, Zehner, Fünfziger usw.) aus. Die ersten ägyptischen Münzen standen in Ermangelung eigener Motive noch ganz in der Tradition ihrer griechischen Vorbilder. Erst nach dem Tod Phillipps III. (317 v. Chr.) begann man selbst Motive zu entwickeln, die hauptsächlich Alexander den Großen mit einer Elefantenhaube und Ammonshörnern zeigen, wie das folgende Beispiel zeigt.

Die Münze ÄMUL 9509 (Abb. 1) wurde unter Ptolemaios I. (323–305 v. Chr.) herausgegeben und zeigt Alexander den Großen mit einer Elefantenhaube auf ihrem Avers (= Vorderseite einer Münze). Seine eigenwillige Kopfbedeckung kann auf zwei verschiedene Arten interpretiert werden. Zum einen kann sie aus makedonischer und griechischer Perspektive als Verweis auf die Eroberung Indiens durch Alexander den Großen verstanden werden. Dort begegnete er erstmals indischen Elefanten im Kampf gegen die Perser und integrierte sie in seine Armee. Zugleich ist die Elefantenhaube aus ägyptischer Sicht eine Anspielung auf die große Elefantenjagd Tutmosis III., der damit seinen Syrienfeldzug krönte (um 1450 v. Chr.). Nach seinem endgültigen Sieg über das Mitanni-Reich beschloss er der Erzählung nach eine Herde von 120 Elefanten zu jagen. Dabei wurde Tutmosis III. von einem Elefanten angegriffen und konnte dem Tod nur durch das tapfere Eingreifen seines Offiziers Amenemheb entgehen. Diese Geschichte war so bekannt, dass sie selbst in hellenistischer Zeit mehr als 1000 Jahre später noch kursierte. Tutmosis III. und der Eroberer aus Makedonien wurden in Ägypten wegen ihrer Kämpfe und Siege gegen die traditionellen ägyptischen Feinde (die Asiaten) miteinander verbunden. Der Herausgeber von ÄMUL 9509, Ptolemaios I., stellte sich durch die Wahl des Motivs Alexander des Großen mit Elefantenhaube folglich in zwei Traditionen: Die des makedonischen Eroberers, dessen direkter Nachfolger er war, und die eines weithin bekannten ägyptischen Pharaos.

Unter der Elefantenhaube zeichnet sich noch eine Königsbinde (= Diadem) ab, die Alexander als Herrschaftszeichen eingeführt hat. Zudem ist z. T. noch ein Widdergehörn zu erkennen, das ein Hinweis auf den ägyptischen Gott Amun ist, als dessen Sohn sich Alexander verstand. Das Revers (= Rückseite einer Münze) zeigt die Athena Promachos, die „in vorderster Linie Kämpfende“, vor der ein Adler auf einem Blitzbündel sitzt. Links von ihr findet sich die Inschrift ΑΛΕΞΑΝΔΡΟΥ = „(Münze) des Alexander“, eine Würdigung von Ptolemaios‘ Ahnherrn.

Erst nach der Ermordung Alexanders IV., dem rechtmäßigen Erben Alexanders des Großen im Jahr 310 v. Chr., wurden Münzen mit einer genuin ägyptischen Bildsprache herausgebracht. Ptolemaios I. gab 298 v. Chr. erstmals eine Münze mit dem ptolemäischen Motiv par excellence heraus. Die Münze ÄMUL 5092 (Abb. 2) stammt zwar aus der Zeit der Koregentschaft Kleopatra III. und Ptolemaios X. Alexander I. (um 104 v. Chr.), zeigt aber, wie dieses Motiv fast 200 Jahre später noch immer Verwendung fand.

Auf der Vorderseite wird der König mit Diadem und Ägis sowie der Beischrift ΠΤΟΛΕΜΑΙΟΥ ΒΑΣΙΛΕΩΣ = „(Münze) des Königs Ptolemaios“ dargestellt. Auf der Rückseite findet sich ein Adler als Zeichen des Zeus und damit der göttlichen Abstammung der Ptolemäer, der einen einzelnen Blitz oder ein Bündel von Blitzen in seinen Krallen hält. Die Anspielungen auf die göttliche Herkunft sollten vor allem den Legitimationsanspruch der Ptolemäer unterstreichen. Bei dem Leipziger Stück zeigt sich der besondere Wert der Ptolemäermünzen. Sie lassen sich auf das jeweilige Jahr der Königsregentschaft datieren, da das Regierungsjahr auf ihnen vermerkt wird. Im Fall von ÄMUL 5092 steht LIBΘ, wobei sich das L aus dem demotischen Schriftzeichen für „Regierungsjahr“ ableitet. Die Jahreszahl selbst ist durch einen griechischen Zahlbuchstaben (Alpha = 1, Beta = 2 usw.) oder durch ein Zahlwort kodiert. Die griechischen Buchstaben IB stehen für das 12. Regierungsjahr von Kleopatra III. das Θ für das 9. Regierungsjahr Ptolemaios X. Alexander I.

Zur gleichen Zeit entstand eine Eigenheit des ägyptischen Münzwesens, das bis zu dessen Ende im Jahr 294 n. Chr. Bestand haben sollte: die vollkommene Unabhängigkeit von anderen Münzsystemen jener Zeit. So orientierten sich die ägyptischen Münzen mit ihrem Gewicht und Reinheitsgrad an Silber nicht am attischen oder römischen Standard. Schon unter Ptolemaios I. wurde der attische Münzfuß von 17,4 g Silber auf 14,24 g bei den ptolemäischen Prägungen reduziert. Damit waren ägyptische Münzen objektiv gesehen weniger wert, als jene des restlichen griechischen oder römischen Reiches.

Ein Grund dafür ist das geringe natürliche Silbervorkommen in Ägypten. Darüber hinaus bot sich durch eine Verminderung des Edelmetallanteils in den Münzen die Möglichkeit, erhebliche Mengen des begehrten Silbers der durch Kriegszüge beanspruchten Staatskasse zuzuführen. Andererseits verfügte Ägypten über reiche Goldvorkommen, sodass vor allem ab der zweiten Hälfte des 3. Jh. v. Chr. vergleichsweise viele Goldmünzen aufgelegt wurden.

Während in anderen Reichsgebieten Regional- und Reichsgepräge in geregelten Wechselkursen nebeneinander kursieren konnten, war Ägypten ein geschlossenes Geldgebiet, in dem nur die in Ägypten geprägten Münzen Gültigkeit besaßen. Händler mussten also an den ägyptischen Grenzen ihre „Fremdwährung“, unter die auch das Geld der Reichsprägungen fiel, umtauschen. Dafür war eine Gebühr fällig, an der Prägeherren und Geldwechsler gleichermaßen verdienten. Die eingetauschte Fremdwährung wurde dann in landestypische Münzen mit einem geringeren Silberanteil umgeprägt.

Der Gewinn resultierte aus der Differenz des Silbergehaltes zwischen ägyptischen Münzen und nicht ägyptischen Geldstücken. Dieser erzwungene Geldwechsel an der Grenze führte dazu, dass innerhalb Ägyptens nur selten „ausländische“ Münzen gefunden werden und ägyptische Münzen ihrerseits ebenso selten ihren Weg in den übrigen Mittelmeerraum fanden. Sie waren dort entsprechend ihres geringeren Silbergehalts weniger wert und damit für den außerägyptischen Handel nicht zu gebrauchen. In den außerägyptischen Besitzungen der Ptolemäer wie Palästina, Gaza oder Zypern wurden eigene Prägeanstalten gegründet, die diesem Beispiel folgten. Dadurch war die Möglichkeit gegeben, mit Ägypten ohne die oben beschriebenen Verluste zu handeln.

Das Spektrum der Motive auf Münzen reichte von einfach zu verstehenden, da weithin bekannten Symbolen, bis hin zu komplexen und vielschichtigen Bildmotiven. Münzen in Ägypten waren zu Beginn als „Insiderkunst“ für Eliten bzw. der Herausgeber gedacht. Im Vordergrund standen vor allem Aspekte wie Kontinuität, Tradition und Prosperität sowie Verweise auf göttliche Bereiche. Spätestens unter Nero entwickelte sich durch die Herausgabe „einfach“ zu interpretierender Münzmotive auch das alexandrinische Münzwesen vollends zu einem Massenkommunikationsmittel.

In römischer Zeit gilt dies vor allem für die kaiserlich lizensierten Regionalprägungen, die als eigenständige Münzsorten mit lokalen Motiven in Umlauf gesetzt wurden. So verhält es sich auch mit der in Alexandria produzierten Provinzialprägung für die Provinz Aegyptus, die vom Beginn der römischen Herrschaft 30 v. Chr. bis zur Münzreform Diokletians im Jahr 294 n. Chr. ausgegeben wurde. Darüber hinaus haben diese Münzen die Besonderheit, dass sie sehr genau datierbar sind, denn anders als sonst auf römischen Münzen ist auf ihnen das kaiserliche Regierungsjahr ihrer Prägung vermerkt. Das alexandrinische Münzamt bediente sich eines eigenen Motivrepertoires, das sich neben dem obligatorischen Kaiserportrait auf der Münzvorderseite oft durch spezifisch ägyptische Motive, wie ägyptische Götter, ägyptische Tiere (etwa Ibis, Nilpferd, Ichneumon) oder markante Bauwerke Alexandrias (etwa das Alexandergrab, den Leuchtturm Pharos oder den bekanntesten Tempel der ägyptisch-hellenistischen Gottheit Serapis, das Serapeum) auf der Rückseite auszeichnet.

Ein typisch ägyptisches Motiv weist ÄMUL 9570 (Abb. 4) auf. Die Münze zeigt neben dem Brustbild Hadrians auf dem Avers die Inschrift ΑΥΤ ΚΑΙΣ ΤΡΑΙΑΝ ΑΔΡΙΑΝΟΣ ΣΕΒ (= AUG(USTOS) KAIS(AROS) TRAIAN(OS) ADRIANOS SEB(ASTOS)). Auf dem Revers finden sich zwei an ägyptische Kanopen erinnernde Gefäße. In diesen Gefäßen bewahrten die Ägypter Organe der mumifizierten Verstorbenen auf, um sie mit diesen beizusetzen. Allerdings handelt es sich um die Erscheinungsform des sog. Osiris-Kanopus einer Lokalgottheit, die in der Stadt Kanopus südöstlich von Alexandria verehrt worden sein soll und im römischen Reich eine gewisse Popularität genoss. Die hier dargestellten Gefäße sollen angeblich die Körperflüssigkeiten des Osiris enthalten haben, die mit der lebensnotwendigen jährlichen Nilüberschwemmung gleichgesetzt wurden. Die rechte Figur trägt eine Atef-Krone mit zwei seitlich angebrachten Straußenfedern. Diese ist auf ein Widdergehörn gesetzt und mit einer Sonnenscheibe sowie sich aufbäumenden Uräusschlangen verziert und wird sowohl vom König, als auch von Osiris getragen. Die Münze wurde im 18. Regierungsjahr Hadrians herausgegeben (= 133/134 n. Chr.). Der als „Reisekaiser“ in römischen Kreisen bekannte Hadrian hatte eine besondere Beziehung zu Ägypten und die zweite seiner großen Reisen führte ihn ab 130 v. Chr. auch in das Land am Nil. Dort ertrank sein geliebter Freund Antinoos, zu dessen Ehren er später Antinoopolis etwa 300 km südlich des heutigen Kairo gründen sowie den bekannten Antinoos-Obelisken in Rom errichten ließ.

Ein weiteres Beispiel für diese Münztradition ist ÄMUL 9571 (Abb. 5), bei der es um eine sog. Billon-Tetradrachme handelt, die von Elagabal für seine erste Gemahlin Julia Paula herausgegeben wurde. Diese „billigen“ Bronzemünzen wurden erstmals unter Tiberius eingeführt und galten als Standardmünze. Sie bestehen aus einer Legierung mit einem deutlich reduzierten Silbergehalt von z. T. nur 5%. Das Leipziger Stück zeigt die Büste von Julia Paula und ihren Namen ΙΟΥΛΙΑ ΠΑΥΛΑ CΕΒ (= IULIA PAULA SEB(ASTĒ)) auf den Avers. Das Revers ist mit einer Büste der Göttin Isis versehen. Die trägt die klassische, auch als Isis-Krone bezeichnete Kopfbedeckung, die aus einer Sonnenscheibe zwischen zwei Straußenfedern besteht. Die Buchstaben LΓ verweisen auf das 3. Regierungsjahr Elagabals (219/220 n. Chr.).
Es existierten aber durchaus Münzen, deren Motive auf historische Ereignisse oder die jeweiligen politischen Verhältnisse anspielen.

Aus der Zeit unter Nero stammt eine Münze aus seinem 14. Jahr (= 67/68 n. Chr.), die auf seine Reise nach Griechenland verweist. Dort besuchte er die olympischen Spiele, weswegen auf dem Revers von ÄMUL 9575 (Abb. 6) der lokale Gott ΔΙΟΣ ΟΛΥΜΠΙΟΥ (= DIOS OLYMPIOU = Zeus-Olympios)  mit dem Lorbeerkranz des Sieges dargestellt ist. Auf dem Avers findet sich die Büste Neros mit einer Strahlenkrone, die ein Hinweis auf das von Nero propagierte Goldene Zeitalter ist. Für Münzen ab dem 3. Jh. n. Chr. wird vor dem Hintergrund des aufstrebenden Sonnenkultes die Strahlenkrone eines der wichtigsten Attribute kaiserlicher Portraits auf Münzen. Die Titulatur Neros ist verkürzt wiedergegeben mit ΣΕΒ ΓΕΡ ΑΥ (= (NERŌN KLAUDIOS KAISAROS) SEB(ASTOS) GER(MANICOS) AU(TOKRATOS)).  Vor der Büste ist noch das Jahr ΙΔ (= 14) zu erkennen.

Andere Motive spielen auf den Status eroberter Gebiete als römische Provinzen an. So zeigt ÄMUL 9576 (Abb. 7) neben einem Brustbild Diokletians (284–305 n. Chr.) auf dem Avers die Personifikation der römischen Provinz Africa (im Gebiet des heutigen Tunesien, Libyen und Algerien) auf dem Revers. Sie trägt dort als Kopfschmuck einen Elefantenrüssel. Als Beischrift steht FELIX ADVENT AVGG NN (= FELIX ADVENT(US) AUG(USTORUM) N(OSTORUM)). Zudem trägt Africa einen Elefantenzahn in ihrer Linken und ein Feldzeichen in ihrer Rechten. Diokletians Titulatur auf dem Avers lautet IMP DIOCLETIANUS PF AVG (= IMP(ERATOR) DIOCLETIANUS P(IUS) F(ELIX) AUG(USTUS)).

Neben den regulären Nominalen der ägyptischen Sonderwährung gab das Münzamt von  Alexandria unter Domitian, Trajan, Hadrian und Antoninus Pius sog. Nomenprägungen aus. Das sind Kleinmünzen unter den Namen der ägyptischen Gaue (griech. sg. Nomos = Verwaltungseinheiten des altägyptischen Staates), deren Münzbilder für den jeweiligen Gau spezifische Götter, Tiere oder Symbole zeigen. Sie spiegeln die religiöse Vielfalt des Landes wieder, in dem sich ägyptische, griechische und römische Vorstellungen vermischten und stellen damit eine reiche Quelle für das religiöse Leben im Ägypten jener Zeit dar.
ÄMUL 4855 (Abb. 8) zeigt eine solche Nomenprägung für den Gau Thinites (ca. 160 km nördlich vom heutigen Luxor) aus dem 11. Jahr Kaiser Hadrians (128 n. Chr.). Während auf dem Avers eine Büste Hadrians mit einem Lorbeerkranz gekrönt und der Beischrift ΑΥΤ ΚΑΙ ΤΡΑΙ ΑΔΡΙΑ ΣΕ (= AUG(USTOS) KAI(SAROS) TRAI(ANOS) ADRIA(NOS) SE(BASTOS)) dargestellt ist, findet sich auf dem Revers der halbnackte Lokalgott Onuris-Schu.
Dieser ist nur spärlich mit einem Himation (= griech. Bezeichnung für ein Tuch, dass einem Mantel gleich um den Körper getragen wird) bekleidet. Er trägt eine Strahlenkrone mit Widdergehörn und hält auf seiner Linken die Göttin Hathor-Mehit/Elpis in menschlicher Gestalt. Neben ihm steht der griechische Name für den Gau ΘΙΝΙ(ΤΗC) Thinites. Diese Münze zeigt, wie verschlungen die religiösen Beziehungen im Ägypten der Spätzeit sein konnten. Die Göttin auf der Rückseite der Münze entspricht ikonographisch der griechischen Göttin Elpis oder der römischen Spes. Beide haben keinerlei offensichtlichen Bezug zu dem dargestellten Lokalgott Onuris-Schu. Allerdings wurde Elpis in der Stadt Herakleopolis auch in Gestalt einer jungen Löwin verehrt, der man Eigenschaften wie Schönheit, Jugendlichkeit und Eleganz zuschrieb. Gleiches sagte man auch der ebenso löwengestaltigen Göttin Hathor bzw. Mehit nach, die ihrerseits als Gefährtin des Onuris-Schu fungierten. Die Darstellung der Elpis auf der Rückseite von ÄMUL 4855 vereint damit die Ikonographie einer griechischen Göttin mit den Eigenschaften einer genuin ägyptischen Lokalgöttin.

Die vom alexandrinischen Münzamt emittierten Silbermünzen im Nennwert der Tetradrachme besaßen von Anfang an einen geringeren Edelmetallanteil als die zur selben Zeit kursierenden Silbermünzen der römischen Reichsprägung (Denar, Antoninian). Parallel zur Entwicklung der Reichsilberprägung wurde der Silberanteil der ägyptischen Tetradrachme im Verlauf des 3. Jh.s immer mehr verringert. Letztlich erreichte er das Niveau der natürlichen Silberbeimengung von etwa 0,6%. Die frühere Standardsilbermünze war damit de facto frei von Silber. Im Rahmen der Münzreform des Kaisers Diokletian im Jahr 294 n. Chr. wurden vollkommen neue Nominale kreiert, die gewichtsmäßig auf Teilen des römischen Pfundes (324,45 g) basierten. Silbergeld spielte kaum noch eine Rolle, der Follis von 1/32 Pfund (10,1 g) wurde von nun an als neues Standardnominal eingeführt. Die bis dahin herausgegebenen Provinzial- und Stadtprägungen wurden eingestellt. Stattdessen emittierten die Münzämter des Reiches Nominale der Reichsprägung mit ihren Standardmotiven und lateinischen Münzlegenden. Die Goldprägung hingegen fand nun ausschließlich in Konstantinopel statt.

Eine weitere Neuerung der Münzreform bestand darin, dass jede Münze im unteren Abschnitt des Revers-Feldes die Bezeichnung der Münzstätte trug. Das nach wie vor in Alexandria arbeitende Münzamt signierte mit Abkürzungen wie AL, ALE, ALEX oder S(ANCTA) M(ONETA)AL. Durch diesen Glücksfall der Münzgeschichte lassen sich ägyptische Münzen eindeutig identifizieren. Wegen ihrer Prägestätte werden sie auch allgemein „Alexandriner“ genannt.

  Ein Beispiel hierfür ist ÄMUL 4832 (Abb. 9), auf deren Avers eine Büste von Kaiser Konstantin dem Großen (330/335 n. Chr.) mit Diadem und einem Feldherrenmantel dargestellt ist. Das Revers zeigt zwei Soldaten, die ein Feldzeichen einschließen. Die Inschrift lautet GLOR IAEXERC ITVS = „Ruhm der Armee“. Darunter findet sich nahezu unkenntlich die Münzstättenprägung SM(AL) für Alexandria. Der Lobpreis auf das Heer ist typisch für die Epoche der Soldatenkaiser des römischen Reiches, die damit den militärischen Rückhalt untermauerten, auf dem sich ihre Herrschaft im Wesentlichen gründete. Auch Konstantin musste sich auf die Unterstützung insbesondere seiner gallischen Legionen verlassen, da seine Erhebung zum Kaiser im Jahr 306 n. Chr. von Rom als illegitim empfunden wurde. So diente ihm das Heer einerseits dazu, den Bürgerkrieg um die Alleinherrschaft im römischen Reich für sich zu entscheiden. Auf der anderen Seite nahm er im späteren Verlauf seiner Herrschaft auf Claudius Gothicus, einen Soldatenkaiser aus dem 3. Jh. n. Chr. dynastischen Bezug, um seine Herrschaft endgültig zu legitimieren.<xml></xml>

Während in den Münzbildern des 4. Jh.s n. Chr. die fortschreitende Ausbreitung des Christentums im Kaiserhaus und in der Reichspropaganda sichtbar wird, werden gleichzeitig noch sogenannte Isis-Festmünzen als Wurfmünzen für die alljährliche Feier des nachwinterlichen Saisonbeginns der Mittelmeer-Schifffahrt geprägt. Diese Sonderemissionen wurden zu Ehren der in hellenistischer Zeit kosmopolitisch gewordenen ägyptischen Göttin Isis herausgegeben. Erst 379 n. Chr., wenige Jahre vor der Religionsgesetzgebung Theodosius’ I., die nichtchristlichen Religionen die gesetzliche Grundlage entzieht, werden diese Sonderemissionen endgültig eingestellt. Ein kurzes Zwischenspiel blieb auch die Motivwahl der Münzprägung Julian Apostatas, des letzten nichtchristlichen Kaisers. Sein Affront gegen das bereits in den höchsten Chargen der Reichsbeamtenschaft verbreitete Christentum drückt sich besonders in einer großformatigen Kupferprägung aus, deren Avers das mit dem Insignium der Philosophen, dem Vollbart, gezierte Kaiserporträt zeigt. Die Rückseite hingegen thematisiert den Apis-Stier – für Christen geradezu der Inbegriff von ‚heidnischem Götzendienst’. Im Jahre 474 n. Chr. wurde die Prägestätte von Alexandria ein halbes Jahrhundert lang geschlossen, um erst unter Justin I. 525 n. Chr. wieder eröffnet zu werden.

 Ein Beispiel für eine Münze jener Epoche ist ÄMUL 9071 (Abb. 10) aus der Zeit Justins II. (565–578 n. Chr.). Sie zeigt auf dem Avers die Kaiserbüste mit einem Perldiadem, Feldherrenmantel und Brustpanzer. Die Legende weist ihn als D N IVSTINVS P F AVG (= D(OMINUS) N(OSTER) IUSTINUS P(IUS) F(ELIX) AUG(USTUS)) aus. Das Revers verweist auf die christlichen Wurzeln des Kaisers. Die durch ein Kreuz getrennten Buchstaben I und B stehen für den Wert des 12-Nummi-Stückes. Unter dem Münzwert findet sich die Bezeichnung der Münzstätte Alexandria ΑΛΕΞ.
Ein Einschnitt im byzantinischen Münzwesen war die Münzreform Anastasius’ I. (491–518 n. Chr.). Während das römisch-byzantinische Goldnominal, der Solidus, unverändert fortbesteht, wird mit dem „schweren Follis“ (= römische Standardmünze seit der Währungsreform Diokletians) im Wert von 40 Nummi und seinen Teilstücken à 20, 10 und 5 Nummi ein neues Kupfernominal ausgemünzt. Ein weiteres münzgeschichtliches Novum ist die Einführung von Wertzahlen als Hauptmotiv der Münzrückseite. Erneut hatte Ägypten einen Sonderstatus inne, denn nur hier werden Stücke mit den Wertzahlen 3 (Г), 6 (S), 12 (IB) und 33 (ΛГ) Nummi emittiert. Im Sommer 646 n. Chr. fällt Alexandria, der letzte Stützpunkt des byzantinischen Kaisertums in Ägypten, endgültig in die Hände der Araber.

Das islamische Münzwesen lehnt sich mit seinen Gewichten und Bezeichnungen an die Münzsysteme der eroberten Gebiete an. Bei der Motivwahl hingegen wird das Bilderverbot, eines der wesentlichen Gesetze des Islam, maßgebend. Dadurch begründet weisen islamische Münzen vor allem von religiösen Versen geprägte Münzbilder auf.  Die arabische Silbermünze, der Dirham, ist der Silberprägung der persischen Sassaniden nachempfunden, die 619–629 n. Chr. während der Okkupation Ägyptens durch den Sassanidenkönig Chuzrô II. (591–628 n. Chr.) auch in Ägypten kursierten. Die arabische Goldmünze hingegen, der Dînâr, glich in Größe, Machart und Gewicht zu Beginn dem byzantinischen Solidus. Mit dem Beginn der arabischen Eroberung endet zugleich die antike Münzgeschichte Ägyptens.

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Text: Alexander Rost
Bilder: Marion Wenzel