Die ägyptische Bild- und Vorstellungswelt begegnet Jens Kanitz erstmals als Vierjährigem in einem Buch, das er in der Försterei seines Großvaters aufschlägt. Seitdem inspiriert sie den Künstler. Weit mehr noch: Sie ist ihm Quelle der Identifikation. Seine Annäherung an die Kultur, deren Fundstücke auf den Gegensatz von Vergänglichkeit und Ewigkeit verweisen, setzt Kanitz in Skulpturen, Bilder und Fotografien um.
Das Prinzip der Ma’at, der sich die aktuelle Ausstellung widmet, ist das der Gerechtigkeit und Tugendhaftigkeit. Auf der Schwelle zum Totenreich wartet die Göttin auf die Verstorbenen. Hier wiegt sie das Herz, in dem die alten Ägypter - anders als wir heute - den Sitz des Verstandes sahen. Kanitz würdigt dieses Konzept mit einer hohen Figur im Vestibül des Museums. Sie balanciert auf einer blauen Kugel, während sie ihre Arme weit ausstreckt, als hielte sie zwei Waagschalen. Gleichzeitig zeigt Kanitz in seinen Fotografien eine zweite Facette der Ma’at. Darin erscheint die Göttin erstmals leiblich und sinnlich.
Auch formale Motive aus dem Land am Nil nimmt der Künstler auf. Beispielsweise gestaltet er ägyptische Barken aus Lindenholz und überlässt sie dann dem Feuer. Ähnlich dem Wüstensand, der gleichzeitig bewahrt und verändert, lockt Kanitz damit unvollendete Gestalten hervor. Sie symbolisieren die weite Reise ins Jenseits. Vielleicht auch in die Gegenwart.
Die Herbarienblätter, die Kanitz 1998 auf einem Dachboden entdeckte, entfalten sich zu Landschaften. In ihnen reihen sich an die konservierten Pflanzen unerwartete neue Elemente. So legt der Künstler weitere Spuren und weckt szenische Deutungen. Wenn man möchte, lässt man sich an die Stilistik der Papyri erinnern und experimentiert wie Kanitz in jungen Jahren mit verschiedenen Perspektiven und eigenen Geschichten.
Die Ausstellung lädt somit zum Entdecken neuer Facetten einer alten Kultur ein.
Für den Besuch entstehen keine zusätzlichen Kosten zum Museumseintritt.